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Lernen ohne Gummibärchen

Für Charlotte Mason sind gute Gewohnheiten und eine von Freude geprägte Lernatmosphäre entscheidend. An Ambleside-Schulen wird dieser Ansatz praktisch umgesetzt. Teil zwei von zwei.
Kinder in der Schule "Die Lerche" in Linz
Foto: privat | Wertvolle Arbeit ist um ihrer selbst willen lohnend: Eine anspruchsvolle Gleichung zu lösen oder einen Gegenstand aus der Natur originalgetreu zu zeichnen, ist eine erfüllende Erfahrung an sich.

Guter Unterricht erschöpft sich nicht darin, Wissen zu vermitteln. Davon war die englische Reformpädagogin Charlotte Mason fest überzeugt. Eigenverantwortung, „lebendige Inhalte“ und die zurückhaltende Rolle der Lehrkraft prägen ihren pädagogischen Ansatz. Das Netzwerk „Ambleside Schools International“ unterstützt Schulen dabei, ihn in die Praxis umzusetzen.

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Im ersten Teil (DT 6. August 2026) wurde Masons Verständnis von Bildung als Begegnung vorgestellt: Kinder müssen sich der ihnen dargebotenen geistigen Nahrung aktiv zuwenden. Die Lehrkraft regt zur Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand an und gewährt zugleich den nötigen Freiraum (Masterful Inactivity).

Nun stehen Gewohnheiten und Atmosphäre im Mittelpunkt, die für Mason neben den „lebendigen Ideen“ zu den drei „Mitteln der Erziehung“ gehören, mit denen inneres Wachstum ermöglicht werden soll. 

„Gewohnheiten sind für unser Leben wie Gleise für Lokomotiven“, lautet ein viel zitierter Satz von Charlotte Mason. Auch im Schulalltag sind einige gute Gewohnheiten nötig, damit Lernen gelingen kann, denn was nützen einem Kind die besten Bücher, wenn ihm die Gewohnheiten der Neugier, Aufmerksamkeit und Ausdauer fehlen? Für Mason ist daher das Üben guter Gewohnheiten Teil des Curriculums. Ein Fehlverhalten wird nicht in erster Linie als lästiger Zwischenfall gesehen, sondern als Gelegenheit zum Wachstum. Die Lehrkraft muss dabei aufmerksam beobachten, an welcher Gewohnheit jedes einzelne Kind gerade am meisten arbeiten sollte und sehr häufig kurze, ermutigende Einzelgespräche führen.

Allianz mit dem Kind

Der Zweitklässler Lukas hat die störende Angewohnheit, bei jeder Gelegenheit herauszurufen und seine Mitschüler damit zu frustrieren. Wie soll die Lehrkraft vorgehen, um Lukas die Gewohnheit der Selbstkontrolle nahezubringen? Nörgeln? Drohen? Strafen? Charlotte Mason hält nichts von diesen Methoden. Sie empfiehlt, mit dem Kind eine Allianz einzugehen, um es aus seiner Schwäche herauszuführen.
Die Grundlage dieser Beziehungsallianz ist ein Gespräch, das den leitenden Gedanken hinter der neuen Gewohnheit ins Herz des Kindes pflanzt. Der erste Schritt, sagt Mason, ist immer das Säen einer Idee.

Die Lehrkraft könnte fragen: „Wie würdest du dich fühlen, wenn andere Kinder ständig herausrufen, während du aufzeigst?“ oder „Was braucht mehr Stärke: einfach loszureden oder zu warten, bis man an der Reihe ist?“ und „Möchtest du diese Stärke lernen?“ Das Kind fühlt sich ernst genommen, erfasst im Normalfall rasch den Gedanken und stimmt ihm zu. Nun übernimmt die Lehrkraft die Rolle der Verbündeten, indem sie fragt: „Wie kann ich dir dabei helfen?“ Oft hat das Kind Vorschläge: „Blinzle mich an, wenn ich herausrufe!“ oder „Tipp mit dem Finger auf meinen Tisch!“ Die Arbeit ist an dieser Stelle noch lange nicht getan, aber ein gemeinsamer Prozess kann beginnen: Die Lehrkraft blinzelt, und Lukas versteht. Er fühlt sich verantwortlich für sein Verhalten und hat ein Ziel. Zugleich hat er die Gewissheit: Die Lehrkraft ist auf seiner Seite.

Meist wird über Verhalten erst dann gesprochen, wenn etwas schiefgegangen ist. Deutlich wirksamer ist jedoch ein proaktiver Zugang, der eine Schwäche bereits voraussieht. Der richtige Zeitpunkt für Gewohnheitsbildung ist nicht nach einem Fehlverhalten, sondern bevor eine herausfordernde Situation eintritt. Sind die Kinder zu stürmisch in den Pausenhof hinuntergerannt? Dann erinnert die Lehrkraft sie am nächsten Tag, bevor sie sich auf den Weg machen: „Wie gehen wir hinunter?“ – „Leise und geordnet.“ Die Lehrkraft lächelt ermutigend: „Ich weiß, dass ihr das auch heute schafft. Gehen wir!“ Oder sie begegnet Lukas morgens im Flur: „He, Lukas, worauf gibst du heute besonders acht?“ Lukas fühlt sich gesehen und antwortet nicht ohne Stolz: „Ich warte, bis ich dran bin!“

Nicht so sehr die Korrektur im Augenblick des Scheiterns, sondern die Erfahrung des Gelingens festigt eine gute Gewohnheit. Die positive Rückmeldung der Lehrkraft verstärkt diesen Prozess. Lukas hat es fünfzehn Minuten lang geschafft, nicht herauszurufen. Im Vorbeigehen gibt ihm die Lehrkraft ein Zeichen und flüstert ihm zu: „Stark, Lukas, mach weiter so!“ An Ambleside-Schulen wird zwar bewusst darauf verzichtet, Fähigkeiten und Talente zu loben. Wohl aber werden Dinge gelobt, die im Einflussbereich des Kindes liegen – etwa gute Arbeit und insbesondere das Bemühen, gute Gewohnheiten auszubilden.

„Atmosphäre“ ist eines von Masons drei Mitteln der Erziehung. Sie versteht darunter die geistige Umgebung, in der ein Kind aufwächst und die es wie Atemluft in sich aufnimmt. Unmerklich beeinflusst diese Umgebung seine Vorstellungen davon, was normal, wertvoll und erstrebenswert ist. Wie können Erziehende eine solche Atmosphäre bewusst gestalten und positiv prägen? Weniger durch einzelne Maßnahmen als durch die Haltung, mit der sie den Kindern begegnen. Die wichtigste Komponente einer Lernatmosphäre ist die Freude.

Sie ist unverzichtbar und geht von der Lehrkraft aus. Mason versteht unter Freude jedoch nicht ein oberflächliches Sich-Wohlfühlen, sondern eine tiefe innere Zustimmung zu der Situation, in die man von Gott gestellt wurde. Deshalb kann Freude auch durch Schwierigkeiten hindurch bestehen: Mia läuft tränenüberströmt zur Lehrerin, weil sie von Susi schon wieder auf gemeine Art beleidigt wurde. Die Lehrerin ist alles andere als erfreut, aber sie bleibt in der Freude, denn sie weiß: „Diese Kinder sind mir anvertraut, damit ich ihnen helfe, ihre Schwächen zu überwinden.“

Auf Gott ausgerichtet sein

Um eine solche innere Haltung zu erlangen, muss eine Lehrkraft immer zugleich auf Gott ausgerichtet sein. Denn von ihm empfängt sie den Auftrag, zum Wohl der Kinder zu wirken. Sie leitet ihre Autorität nicht aus sich selbst ab, sondern stimmt ihre Handlungen mit der ihr anvertrauten Aufgabe ab, indem sie überlegt: „Ist es richtig und gut?“ Ein abwertender Kommentar aus Zorn mag zwar kurzfristig Genugtuung verschaffen, ist aber weder richtig noch gut. Charlotte Mason bezeichnet es als Willkür („autocracy“), wenn Lehrkräfte ihre Autorität aus sich selbst schöpfen und sich von ihren eigenen Launen leiten lassen.

Sowohl übermäßige Strenge als auch ein Laissez-faire-Stil können aus dieser Haltung hervorgehen. Autorität, die sich hingegen von Gott her versteht, ist demütig, klar und konsequent. Auch eine deutliche Zurechtweisung kann notwendig sein – aber sie geschieht aus Sorge um das Kind, nicht aus Kränkung oder Groll. Sie lässt dem Kind unmittelbar danach die Möglichkeit, wieder frei und unbeschwert am Unterricht teilzunehmen. Getragen von der Gewissheit: „Es ist gut, dass wir hier gemeinsam sind, du und ich, auch wenn manches schwer ist“, begegnet die Lehrkraft dem Kind immer mit Respekt und Liebe. In dieser Sicherheit kann das Kind sich öffnen, lernen und die Welt entdecken. 

Zur Atmosphäre gehört auch die Überzeugung, dass wertvolle geistige Arbeit um ihrer selbst willen lohnend ist und Freude bereiten kann. Ein gutes Buch zu lesen und darüber nachzudenken, eine anspruchsvolle Gleichung zu lösen oder einen Gegenstand aus der Natur originalgetreu zu zeichnen, ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine erfüllende Erfahrung an sich. Die Lehrkraft sollte selbst Freude daran haben und zugleich darauf vertrauen, dass auch ihre Schüler dazu fähig sind.

Wo dieses Vertrauen fehlt, greifen Lehrkräfte gern zu extrinsischen Belohnungen. Sei es eine gute Note, ein Gummibärchen oder besonderes Lob – solche Mittel verschieben den Fokus vom geistigen Festmahl auf einen unbedeutenden Köder. Die Botschaft, die Kindern dabei vermittelt wird, ist: „Die Planeten unseres Sonnensystems können dich gewiss nicht aus eigener Kraft begeistern. Aber für ein Gummibärchen oder ein Plus auf meiner Liste wirst du mir ihre Namen gerne aufsagen.“

Mit der schwer übersetzbaren Aussage „What you draw the students with is what you draw them to“ bringt Bill St. Cyr, der gemeinsam mit seiner Frau Maryellen das Netzwerk „Ambleside Schools International“ gegründet hat, auf den Punkt, dass die Mittel, mit denen wir Kinder zum Lernen locken, mitbestimmen, worauf sie ihre Aufmerksamkeit und ihr Herz richten. Umso wichtiger ist es, eine Atmosphäre echter Wertschätzung gegenüber dem Lernen zu schaffen, in der Kinder die Sache selbst schätzen lernen, ohne dass diese Wertschätzung durch extrinsische Anreize überlagert wird. So können Schüler sich am reich gedeckten Tisch wertvoller Inhalte sättigen, an ihnen wachsen und Beziehungen aufbauen, die sie ein Leben lang begleiten werden.

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Die meisten Ambleside-Schulen verzichten daher vollständig auf Noten – ohne dass dies die Leistungen der Schüler beeinträchtigen würde. Stattdessen erhalten die Kinder am Ende des Schuljahres einen ausführlichen Wachstumsbericht, der ihre Entwicklung sowie die erarbeiteten Inhalte beschreibt. Wo gesetzliche Vorgaben eine Benotung verlangen, wie etwa an österreichischen Lehrplanschulen, benoten Lehrkräfte nur, was gesetzlich vorgesehen ist. Sie nutzen Noten nicht als Motivationsmittel und sprechen darüber nur persönlich, niemals vor der Klasse.

Unterstützung für Lehrer

Charlotte Masons Pädagogik an einer Schule zu verwirklichen, gelingt nur durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Selbst Lehrkräfte, die vom christlichen Menschenbild überzeugt sind, können ohne entsprechende Unterstützung leicht in gewohnte Unterrichtsmuster zurückfallen. Deshalb braucht es einerseits die Verbindlichkeit gemeinsamer pädagogischer Leitlinien, andererseits Fortbildung, Feedback und Begleitung. Dies möchte das Netzwerk „Ambleside Schools International“ leisten und so die Voraussetzungen schaffen für eine nachhaltige Umsetzung von Masons Pädagogik an christlichen Schulen. 


Weitere Informationen finden sich unter www.amblesideschools.org

Die Autorin leitet die Katholische Privatschule „Die Lerche“ in Linz und ist Mitglied bei „Ambleside Schools International“. 

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