Einsamkeit

Lernen, für sich zu sein

Für viele Menschen ein täglicher Begleiter und doch nach wie vor gesellschaftliches Tabu: Einsamkeit ist mittlerweile eine Volkskrankheit, die nicht nur alte und alleinstehende Menschen betrifft. Gerade junge Menschen empfinden Erfahrungen des Alleinseins oft als Einsamkeit, die sich in Krankheitssymptomen niederschlagen kann. Dabei ist der richtige Umgang mit Alleinsein erlernbar
Symbolbild - Isolation
Foto: Fabian Sommer (dpa) | Allein im Dunkeln sitzen, während sich draußen das Leben abspielt. Wenn Alleinsein als Einsamkeit wahrgenommen wird, können physische und psychische Symptome die Folge sein.

Das zweite Weihnachtsfest unter Pandemiebedingungen liegt hinter uns. Strenge Kontaktbeschränkungen selbst für den engsten Familienkreis, abgesagte Weihnachtsmärkte, Zutrittsregelungen für Gottesdienste, Altenheime und viele andere Orte haben nicht nur das alltägliche Miteinander, sondern auch das große Fest der Gemeinschaft stark verändert. Mancherorts wurden Alleinstehende großzügig in Familien eingeladen, um dort den Heiligen Abend oder die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Andere blieben notgedrungen allein. Manche Menschen kommen gut mit dem Alleinsein zurecht, bei anderen entwickelt sich im Laufe der Zeit das unangenehme, bedrückende Gefühl der Einsamkeit.
Studien verdeutlichen, dass die Bedeutung dieses Themas für unsere Gesellschaft steigt.

Nach dem 2019 veröffentlichten Einsamkeitsreport, basierend auf Daten aus dem Jahr 2017, fühlt sich jeder Zehnte in Deutschland oft oder sehr oft einsam. Seit Beginn der Pandemie hat der deutsche Alterssurvey einen Anstieg der Einsamkeitsraten festgestellt. Bei ähnlicher Ausgangslage wie beim Einsamkeitsreport (9 Prozent in den Vorjahren 2014 und 2017, in der Altersklasse von 46 bis 90 Jahren), waren es im Jahr 2020 mit 14 Prozent deutlich mehr. Der Anstieg des Einsamkeitsrisikos betraf die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und wirkte sich auf Frauen und Männer, verschiedene Altersgruppen und Bildungshintergründe in ähnlichem Maß aus. Eine Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2021 verdeutlichte insbesondere die hohe Belastung der jüngeren Generation. Demnach litten vor allem junge Erwachsene und Singles unter Einsamkeit. In den Monaten April bis Juni 2020 gaben mehr als einer von drei 18- bis 25-Jährigen an, sich lange Zeit einsam zu fühlen.

Der Mensch ist auf soziale Kontakte angewiesen

Als soziales Wesen ist der Mensch aber auf menschliche Kontakte angewiesen. Wenn sich Menschen über längere Zeit einsam fühlen, können sie körperlich und seelisch erkranken. In einer speziellen Covid-19-Befragung der bundesweiten „NAKO“-Gesundheitsstudie zeigte sich, dass einsame Personen während der Pandemie bereits zur „NAKO“-Basisuntersuchung mehr depressive und Angstsymptome angaben als Teilnehmer, die in der Pandemie nicht einsam waren.

Einsamkeit als inneres Empfinden des Individuums kann jeden Menschen treffen, unabhängig von Alter, Geschlecht, familiärer Situation oder gesellschaftlicher Position. Ob tatsächlich ein Gefühl der Einsamkeit verspürt wird und in welchem Maße dies geschieht, ist unterschiedlich. Als Erklärungsmodell dafür ziehen die Einsamkeitsforscher John T. Cacioppo und William H. Patrick die drei Dimensionen des „Selbst“ heran. Das persönliche, intime Selbst ist der unverwechselbare Wesenskern jedes Menschen, der durch individuelle Merkmale gekennzeichnet ist. Die zweite Dimension ist das soziale, relationale Selbst. Hier geht es um die Beziehungen des Menschen im persönlichen Nähebereich, also zur eigenen Familie, Ehe- oder Lebenspartner und zu Freunden und Nachbarn. Das kollektive Selbst schließlich beschreibt die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Gruppe wie der Nation oder einer Glaubensgemeinschaft. Soziales und kollektives Selbst gibt es nur durch Beziehungen zu anderen Personen.

Wegfall von Bindungen beeinflusst die Persönlichkeit

Auf die Ebene der Bindung übertragen, unterscheiden Cacioppo und Patrick intime, relationale und kollektive Einbindung. Wenn nun durch äußere Umstände Bestandteile der relationalen oder kollektiven Einbindung wegfallen, wirkt sich das unweigerlich auf unsere Persönlichkeit aus. Dann verändert sich unser bisher durch bestimmte Beziehungen und Gruppen geprägtes Selbst. Bei jungen Familien kann das zum Beispiel so aussehen: Wenn das Vorschulkind in die Schule kommt, „stirbt“ ein Teil des sozialen Selbst der Eltern. Nur als Mutter eines Kindergartenkindes gehe ich morgens zum Kindergarten, treffe auf andere Eltern mit Kleinkindern und engagiere mich im Elternbeirat. Während die eine Mutter erleichtert aufatmet, weil sie von den täglichen, oftmals oberflächlichen Begegnungen befreit ist und ihre knappe Zeit nicht mehr für Aktionen des Elternbeirats einsetzen muss, fühlt sich die andere mit einem Mal sehr einsam, denn sie vermisst gerade das starke soziale Eingebundensein. Auch andere biographische Veränderungen oder die von außen vorgegebene soziale Isolation durch die wechselnden Regelungen im Zuge der Corona-Pandemie wirken sich daher auf verschiedene Personen unterschiedlich aus.

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie, betont, dass Menschen, die allein in einer Wohnung lebten, ansonsten wunderbar vernetzt sein könnten. Einsamkeit habe sich aber als Thema in einer individualisierten Gesellschaft in der Corona-Krise noch verschärft. Nicht nur die Alten seien einsam. „Auch viele junge Menschen, etwa Studierende in den Anfangssemestern, die in eine neue Stadt gezogen sind, waren betroffen. Statt in Vorlesungen und Seminaren sitzen sie in der neuen coolen Stadt allein vor dem Laptop in Online-Seminaren, sie haben schlicht keine oder kaum andere junge Leute kennenlernen können. Und auch kleine Kinder verstehen nicht, warum sie ihre Freunde und Freundinnen im Kindergarten nicht mehr treffen dürfen.“

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Studierende leiden oft unerkannt

Früher hätten junge Menschen eher Konfliktthemen angesprochen, nun komme verstärkt das Thema Einsamkeit, berichtet der stellvertretende Leiter der „TelefonSeelsorge“ Deutschland und Leiter der „TelefonSeelsorge“ Freiburg Helmut Ellensohn. „Besonders vor den Prüfungen ist der Druck noch einmal höher geworden, weil ein Korrektiv gefehlt hat. Sie konnten nicht mit anderen Studierenden darüber sprechen, sondern waren auf sich selber zurückgeworfen.“ Manche hätten die Einsamkeit fast bitter erlebt und sogar Suizidgedanken gehabt. Die Suche nach Lösungsmöglichkeiten war nicht leicht, denn: „Wie kann ich Beziehungen aufbauen, wenn alles nur unter Beachtung der „3G“-Regel stattfinden kann?“

Nach drei digitalen Semestern entspannte sich zunächst die Situation an den Universitäten durch die zunehmende Präsenzlehre ab Herbst 2021, auf den Winter hin haben die Kontakte junger Menschen zur „TelefonSeelsorge“ aber wieder zugenommen. Die Zugangsregelungen für Studierende wurden wieder verschärft, an vielen Hochschulen dürfen nur noch Geimpfte und Genesene an Präsenzveranstaltungen teilnehmen. „Immer wieder hatten wir Entscheidungsfindungsgespräche“, erinnert sich Ellensohn. Es sei um die innere Zerrissenheit gegangen zwischen der eigenen Haltung zur Impfung und den Anforderungen durch „2G“ an der Hochschule.

Impfentscheidung und Gesellschaft

Der Umgang mit der Entscheidung für oder gegen eine Corona-Impfung entwickelt sich zu einer neuen, schwierigen Aufgabe für die Gesellschaft. Wenn Menschen im mittleren Alter, zwischen 30 und 50 Jahren, die sich nicht impfen lassen wollten, von ihrer Einsamkeit berichteten, werde im Laufe des Gesprächs deutlich, dass hier ein Zusammenhang mit ihrer Entscheidung besteht, so Ellensohn. Auch für junge Leute sei das eine Herausforderung: selber eine Position zu finden, für sich zu stehen und trotzdem in Kontakt zu kommen, „denn das brauchen junge Leute“.

Anregungen für den Umgang mit der Einsamkeit bietet das lesenswerte Buch „Für sich sein – ein Atlas der Einsamkeit“ von Ulrich Lilie, das er gemeinsam mit Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), verfasst hat und das im Sommer erschienen ist. An der englischen Sprache orientiert, die für den Begriff Einsamkeit gleich drei Wörter zur Verfügung stellt, gehen die beiden Autoren „isolation“, „loneliness“ und „solitude“ auf die Spur. Damit nehmen sie dem deutschen Begriff einiges von seinem Schrecken und zeigen Wege der Befreiung auf. Beispiele aus Kunst, Literatur, Musik und Religion helfen dabei, eigene Einsamkeitserfahrungen zu reflektieren. Entscheidend dafür, ob es um Einsamkeit oder „Für sich sein“ geht, ist für Lilie das „Maß der Freiwilligkeit“. „Das unfreiwillige und ungewollte Alleinsein macht dem sozialen Wesen Mensch Stress, das macht wirklich krank, mitunter schwerkrank.“

Bewegungsspielraum erweitern

Um dem entgegenzuwirken, haben die Einsamkeitsforscher Cacioppo und Patrick das „EASE“-Programm entwickelt. Im Englischen steht ease für lindern, erleichtern und entspannen, im Deutschen lässt sich das Programm mit (E) wie Erweitern des Aktionsradius, (A) wie Aktionsplan, (S) wie Selektieren und (E) wie Erwartung des Besten beschreiben. Zunächst geht es für einsame Menschen darum, ihren Bewegungsspielraum zu erweitern und dabei mit anderen zu kommunizieren, ohne ein direktes Ziel zu verfolgen. Beim Einkaufen einen freundlichen Satz über das schöne Wetter zu sagen und damit ein kleines soziales Echo zu erhalten, reicht für den ersten Schritt. Danach kann vielleicht ein ehrenamtliches Engagement begonnen werden. Bei ihren Aktivitäten dürfen einsame Menschen darauf vertrauen, dass jeder noch so kleine Anfang etwas bewirkt. Neue Kontakte sollten bewusst danach ausgewählt werden, ob sie wirklich guttun, und sich in Ruhe entwickeln. Am wichtigsten ist der letzte Punkt: beim Ausprobieren von sich und anderen Gutes erwarten, erleichtert das Zugehen auf andere Menschen und führt eher zu positiven Reaktionen.

Der Weg aus der Einsamkeit führt über Suche nach Hilfe

Konkrete Hinweise für Schritte aus der Einsamkeit geben auch verschiedene Seiten im Internet. Das Projekt „(gem)einsam durch Corona“ der Fachhochschule Bielefeld stellt auf der Homepage www.einsam-durch-corona.de eine Sammlung von kreativen Ideen vor. Außerdem wurden empirische Befunde zum Thema Einsamkeit aufbereitet, verschiedene Interventionen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und eine Anleitung für wirksame Projekte gegen Einsamkeit entworfen. Für die Seite www.psychologische-coronahilfe.de zeichnen die „Deutsche Gesellschaft für Psychologie“ (DGPs) und der „Verbund für universitäre Ausbildungsgänge der Psychotherapie“ (unith) verantwortlich. Das umfangreiche Informations- und Beratungsangebot bietet Hilfe für Kinder und Jugendliche, Familien und Erwachsene bei Einsamkeit, Traurigkeit und Verzweiflung.

Es gibt also Wege hinaus aus der Einsamkeit, zurück zum Erleben von Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Eingebundensein. Angesichts der fortdauernden Pandemie gilt es jedoch weiterhin, aufmerksam und gleichzeitig erfinderisch zu sein, um aufbauende Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen und zu erleben.

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