Kinderkatechese

Krippengeschichte: Das verlorene Schäfchen

Das Hirtenmädchen Noemi muss ein weggelaufenes Lamm suchen, während ihre Eltern sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen Neugeborenen machen. Eine Krippengeschichte.
Hirten an der Krippe
Foto: IMAGO / Panthermedia

Die Sterne hingen tief und funkelten über dem Lager der Hirten. Es war kalt geworden. Noemi kuschelte sich in ihre Wolldecke und zog Bashan, den Hirtenhund, eng an sich. Noemis Vater schürte das Lagerfeuer und lächelte zu ihr herüber. Rote Funken stoben auf und stiegen in den dunkelblauen Nachthimmel. „Möchtest du noch nicht ins Zelt, kleine Hirtin?“, fragte er. Noemi schüttelte den Kopf. Sie liebte diese stillen Nächte, wenn sich das Knistern des Feuers mit dem Blöken der Schafe mischte. Noemi blickte hinüber zum Hirtenfeld, das übersät war mit großen Gesteinsbrocken. Zwei Brüder ihres Vaters standen bei den Tieren und hielten Nachtwache. Noemi sah das kleine Schäfchen, das sie besonders gernhatte. Wie gut, dass die Hirten aufpassten. Die wilden Tiere würden nicht in die Nähe der Herde kommen. Sie hatten Angst vor den kräftigen Hirten mit ihren dicken Stöcken. Alles war so friedlich und still.

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Ein Engel in der Nacht 

Doch was war das? Plötzlich kam von den Bergen her ein rauschendes Licht. Die Hirten rissen die Augen auf. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Mit dem Licht war ein feines silbernes Klingeln wie von tausend Glöckchen zu hören. „Aus den Zelten! Kommt schnell!“, rief der Vater. „Etwas Seltsames geschieht gerade!“ Alle Hirten und Hirtinnen eilten aus den Zelten. Die Kinder hielten sich an den großen Hirten fest und fingen an zu weinen, denn sie hatten große Angst. Auch Ruben, Noemis Vater, musste schlucken. Niemand sah, dass seine Beine zitterten.

Doch plötzlich trat aus dem Lichtrausch ein Engel hervor und sagte: „He, ihr Hirten, habt doch keine Angst! Schaut, ich verkündige euch eine Riesenfreude. Eine Freude für alle Leute …“ Die Hirten schauten sich an. Waren sie auch gemeint? „… auch für euch Hirten. Denn heute wurde der Heiland geboren, Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ „Der Heiland?“, flüsterte Noemi und blickte zu ihrem Vater auf. Sie wusste nicht, was das Wort bedeutete. Doch ihr Vater legte nur die Hand auf die Lippen. Er wollte weiter dem Engel zuhören. „Und das wird das Zeichen sein: Ihr werdet das Kind in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe für Tiere finden.“ Kaum hatte der Engel das gesagt, da waren plötzlich zwei, drei, zehn, hundert, tausend Engel am Himmel. Ja, der ganze Himmel bestand nur noch aus Engeln, die eine wunderschöne Musik machten. Und sie sangen und lobten den Herrn: „Ehre sei Gott in der Höhe!“, riefen sie. Und: „Friede auf Erden bei den Menschen, die Gott gefallen!“

Ein Schaf büxt aus 

Es gab keinen Hirten, dem nicht der Mund offenstand. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Noch während sie in den Himmel schauten, verschwanden die Engel wieder – viel schneller, als sie gekommen waren. Und dann war alles so, wie es vorher gewesen war. Die Menschen und Tiere standen regungslos da – der Himmel über ihnen. „Los!“, rief Ruben da in die Stille. „Wir müssen das Kind suchen!“ „Wo denn?“ „In Betlehem! In einer Futterkrippe! Wir suchen alle Futterkrippen ab! Irgendwo wird es sein.“ „Aber wir können doch die Tiere nicht allein zurücklassen!“ „Aram, du bleibst hier!“ „Nein, ich will mit!“ „Dann du, Aisha!“ „Warum ich? Immer ich!“ Man sah es Ruben an, dass er böse war. Niemand wollte zurückbleiben bei den Tieren.

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„Dann bleibe eben ich hier“, rief Noemi. Doch ihre Mutter wollte das nicht zulassen: „Sie ist die Kleinste. Nicht sie!“ „Doch, Mama, du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe ja Bashan. Er ist der beste Hirtenhund der Welt.“ So zogen die Hirten also los und suchten nach dem Kind. Noemi stand auf, zog sich die Decke über den Kopf und ging zu den Schafen. Die Tiere waren ganz unruhig. Immer wieder musste Noemi einzelne Schafe, die sich ein wenig von der Herde entfernt hatten, zurückführen und beruhigen. Besonders ihr kleines Lieblingsschäfchen war in dieser Nacht wie verrückt. Es hatte so ein lustiges Gesicht und machte immer witzige Sachen. „Schlaf, liebes, kleines Schäfchen“, flüsterte Noemi und streichelte das kleine Tier. Aber das Schäfchen dachte nicht daran zu schlafen. Es hüpfte hierhin und dahin – und plötzlich war es verschwunden. Noemi erschrak und rief: „Bashan!“ Aber der treue Hirtenhund konnte nicht helfen. Er bellte nur und blickte ratlos zu Noemi auf.

Das Schaf suchen 

Noemi stellte sich vor, wie der heulende Wolf da draußen nur auf das kleine Schäfchen wartete, um es zu fressen. Sie weinte. Doch dann wurde sie ganz klar im Kopf. „Bashan, du bleibst hier! Ich werde das kleine Schäfchen suchen.“ Bashan wollte Noemi folgen, die um einen Felsblock bog. Doch der strenge Zeigefinger Noemis zeigte dem Hund, wo sein Platz war: bei den Tieren. Wo mochte das verrückte kleine Schäfchen nur sein? Da! Blickte es nicht hinter einem Busch hervor? Noemi rannte keuchend durch den Sand. Aber das Schäfchen war schon wieder weg. Noemi klopfte das Blut in den Adern. Für das Schäfchen war es nur ein lustiges Spiel. „Schäfchen, nicht fortlaufen!“, bettelte Noemi. Aber das Schäfchen hörte nicht. „Nicht in die Schlucht, Schäfchen!“, rief Noemi verzweifelt. Aber das Schäfchen hüpfte in Richtung Schlucht. So ging es eine ganze Weile.

Doch endlich schien auch das kleine Schäfchen genug zu haben von dem lustigen Spiel. Noemi sank auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Bretterwand einer Hütte und nahm das verrückte kleine Schäfchen fest in den Arm: „Du dummes, dummes Schäfchen, dich hätte der Wolf fressen können! Du hättest in die Schlucht stürzen oder in eine Brunnengrube fallen können!“ „Muh!“, machte es von der anderen Seite der Bretterwand, und eine Gestalt trat nach draußen und kam auf Noemi zu. Der fremde Mann, dessen Gesicht Noemi in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, sprach freundlich: „Ja, wen haben wir denn da, mitten in der Nacht?“ „Ich bin Noemi, ein Hirtenmädchen. Ich habe nach meinem Schäfchen gesucht!“ „Dann komm mal mit, kleine Hirtin! Ich will dir was zeigen.“ Noemi folgte dem Mann mit der freundlichen Stimme. Erst als sie um die Ecke bog, sah sie, dass die Hütte durch eine Fackel erleuchtet war. Der Mann nickte Noemi freundlich zu: „Tritt näher! Schau!“ „Ein Baby!“, entfuhr es Noemi. „Ja, ein neugeborenes Baby. Es ist noch keine zwei Stunden alt.“

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Ein Kind in einer Krippe

Die Mutter des Kindes war noch sehr jung. Vielleicht fünf Jahre älter als Noemi. Auch sie lächelte: „Ich heiße Maria.“ Maria hielt Noemi das Neugeborene hin. „Möchtest du es streicheln?“ Plötzlich hörte Noemi aufgeregte Stimmen, die sich der Hütte näherten. Noemi kannte diese Stimmen ganz genau. Es war ihr Vater, der das Wort führte und rief: „Da, Licht! Und Leute … Hallo! Ist da jemand?“ Der Mann trat nach draußen: „Was sucht ihr?“ „Ruben heiße ich. Und ich suche eine Futterkrippe … nein, eigentlich eine Mutter und ihr Kind!“ „Ich bin Josef. Ja, eine Futterkrippe haben wir hier“, lachte der Mann aus der Hütte. „Und eine Mutter auch – und auch ein Kind, ein neugeborenes!“ Die Hirten schauten sich an: „Dann ist es der Heiland! Der Heiland! Der Heiland!“, riefen sie und jubelten. „Was ist der Heiland? Du wolltest mir das doch erklären!“, rief Noemi und trat aus der Hütte.

Ruben traute seinen Augen nicht. Schnell nahm er Noemi in seine Arme, die sagte: „Ach Papa, ich musste das verlorene Schäfchen retten. Und da fand ich das Kind. Aber jetzt sag schon: Was ist der Heiland?“ „Der Heiland ist der Retter der Welt. In unserem Volk ist schon lange bekannt, dass Gott eines Tages einen Retter schicken wird. So, wie das Schäfchen einen Retter in dir gefunden hat, so haben alle Menschen nun einen Retter in diesem göttlichen Kind! Später erzähl ich dir noch viel mehr, Noemi! Aber jetzt wollen wir dieses Kind sehen und vor ihm knien.“ Und die Hirten traten in die Hütte, rissen sich die Hüte von den Köpfen, sanken in die Knie, lobten Gott, sangen alte Hirtenlieder und erzählten der jungen Mutter und dem Mann von der Botschaft des Engels und dem tausendfachen „Ehre sei Gott“.

Ein Lamm für Jesus 

Plötzlich trat Ruben nach vorne. Ihm war etwas eingefallen. Umständlich und mit trauriger Stimme sagte er: „Wir haben leider kein Geschenk. Alles ging so schnell. Verzeiht, bitte! Wir wünschen Glück und Segen. Doch wir kommen mit leeren Händen, nicht wie es Brauch ist …“ Immer wieder schüttelte Ruben den Kopf. Dass sie vor den König der Welt getreten waren – ohne Geschenk! „Nicht ohne Geschenk“, rief da Noemi und hielt Josef ihr Lieblingsschäfchen hin. „Ja, nehmt das Lamm!“, rief Ruben erleichtert. „Statt Wolle, Milch oder Tuch halt etwas Lebendiges!“ „Ein Lamm“, sagte Josef nachdenklich. „Wie seltsam! Wie schön!“ Er schaute auf das Kind und auf seine Mutter. Maria hatte die Augen geschlossen und lächelte. Bestimmt, dachte Josef, denkt sie darüber nach, was ihr die Hirten gesagt haben.

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