Glücksspiel

Kinderfalle Spielsucht

Eine ganzheitliche Medienerziehung bietet eine gelungene Prophylaxe gegen jugendliche Spielsucht. Die stabile Eltern-Kind-Bindung ist dabei der beste Schutz vor jeder Form von Suchtverhalten.
Durch die lange Isolation während der Lockdowns ist das Phänomen der jugendlichen Spielsucht stark gewachsen.
Foto: Petra Schneider-Schmelzer via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Durch die lange Isolation während der Lockdowns ist das Phänomen der jugendlichen Spielsucht stark gewachsen.

 In den letzten Jahren ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die einen problematischen Umgang mit den digitalen Medien aufweisen, drastisch gestiegen. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung  aus dem Jahr 2019 zeigen 22,4 Prozent aller 12-17jährigen Jugendlichen in Deutschland einen dramatischen Medienkonsum, und 5,8 Prozent waren von einer medienbezogenen Störung betroffen – eine Situation, die sich während der Corona-Pandemie noch mehr zugespitzt hat: Eine Längsschnittuntersuchung der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben Ende 2021 einen Anstieg von Spielsucht bei 10-17jährigen um 52 Prozent im Vergleich zu 2019 festgestellt. Alarmierend ist, dass die Zahl der Betroffenen steigt, während das Einstiegsalter immer mehr sinkt.

Gaming Disorder: Die Sucht nach dem Kick

Um die große Anziehungskraft der virtuellen Welt zu verstehen, muss man sich zunächst vor Augen führen, welche Wirkung Computerspiele und die Nutzung sozialer Medien wie TikTok, YouTube oder Instagram auf das Gehirn von Heranwachsenden haben. Beim Spielen oder Chatten wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der für gute Gefühle sorgt und ein Belohnungssystem in Gang setzt. Jeder Erfolg beim Spielen oder jeder Like auf Instagram lässt die Stimmung steigen und führt dazu, dass die Nutzer dieses euphorische Gefühl wieder erleben möchte. Die biochemischen Prozesse im Gehirn sind vergleichbar mit einem Drogenrausch. Ganz bewusst nutzen die Hersteller genau diese psychischen Mechanismen, um ihre Spiele und Apps attraktiv zu machen und die Nutzer daran zu binden. Aus diesem Flow auszusteigen, fällt besonders jungen Menschen schwer, da ihr Gehirn noch nicht so ausgereift ist wie das eines Erwachsenen. Gerade der Teil des Gehirns, der für vernünftige Entscheidungen und vorausschauendes Abwägen zuständig ist, befindet sich in der Jugendphase im Umbruch und vieles wird ausschließlich emotional betrachtet. 


Aus diesem Grund ist es nachvollziehbar, dass Kinder und Teenager keine Lust haben, das Computerspiel zu beenden, wenn die Eltern die Medienzeit für beendet erklären. Für manche Teenager ist die Anziehungskraft der Medien so stark, dass sie alles dafür tun, den nächsten Dopaminschub zu bekommen. Gerade wenn der Alltag belastend und frustrierend ist oder wenn man sich einsam oder unverstanden fühlt, – in der Pubertät nicht selten ein sehr dominantes Empfinden – , tut eine Dosis Glückshormon einfach nur gut. 

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Die schnelle Belohnung tröstet – wenn auch kurzfristig – die Seele und die virtuellen Erfolge sind Balsam für das angeknackste Selbstwertgefühl. Und so ist es durchaus verständlich, dass Internetsperren umgangen oder weggeschlossene Handys zurückstibitzt werden – mit dem Ziel, ein Stückchen mehr Medienzeit zu genießen. Kommt das ans Licht, ist die Enttäuschung auf Seiten der Eltern groß und die Kontrolle nimmt zu. Ein Katz-und-Maus-Spiel setzt ein mit verheerenden Wirkungen: Machtkämpfe, Vertrauensbrüche und belastete Beziehungen.

Hilfe suchen, wenn das reale Leben länger vernachlässigt wird

Verliert sich der Jugendliche mehr und mehr im virtuellen Leben, sind die möglichen Folgen Bewegungsmangel, Übergewicht, Schlaf-, Lern-, Konzentrations- und Beziehungsstörungen. Die WHO hat die Computerspielsucht als diagnostizierbares und behandlungsbedürftiges Störungsbild anerkannt und als „Gaming Disorder“ in den neuen Klassifikationskatalog ICD11 aufgenommen, der im Januar 2022 in Kraft getreten ist. Diese längst überfällige Entscheidung war ein wichtiger Schritt: Familien können nun besser Hilfe bekommen, wenn ihr Kind in diese Suchtfalle gerutscht ist. Zum Erkennen einer Sucht sind die WHO-Kriterien für eine Computerspielsucht ein hilfreicher Richtwert: Entgleitende Kontrolle etwa bei Häufigkeit und Dauer des Spielens, wachsende Priorität des Spielens vor anderen Aktivitäten und Weitermachen auch bei negativen Konsequenzen.


Spätestens wenn das Aushandeln von Medienzeiten den gesamten Alltag beherrscht und das reale Leben über einen längeren Zeitraum vernachlässigt wird, sollten Eltern Hilfe suchen. Das Ziel in der Bekämpfung einer Sucht ist nicht die völlige Abstinenz, sondern ein neuer und entspannter Umgang mit den digitalen Medien, so dass das reale Leben mit echten Kontakten und ganzheitlichen Sinneserfahrungen wieder Raum gewinnt. Die notwendige professionelle Begleitung kann man in den entsprechenden Fachstellen finden, zum Beispiel: www.return-mediensucht.de oder www.fv-medienabhaengigkeit.de.


Damit es gar nicht erst zu einem solchen Suchtverhalten kommt, können Eltern eine Menge tun. Eine ganzheitliche Medienerziehung besteht dabei nicht nur aus Verboten und Regeln, sondern gründet auf einer liebevollen und starken elterlichen Haltung. Dazu gehört ein gutes Vorbild: Zunächst ist es wichtig, dass wir als Eltern selbst ein gutes Vorbild sind und das eigene Medienverhalten kritisch reflektieren. Erlebt mein Kind, dass ich mir selbst gut Grenzen setzen kann und medienfreie Zeiten in meinen Alltag integriere, prägt es das mehr als jede erzieherische Maßnahme.
Eine starke Haltung: Wenn ich mir als Mutter oder Vater meiner Regeln und Werte sicher bin, kann ich diese auch klarer nach außen kommunizieren. Dabei ist es gerade im Umgang mit jüngeren Kindern wichtig, dass sich Eltern nicht auf endlose Diskussionen und Verhandlungen einlassen, sondern klare Rahmenbedingungen festlegen. Als Erwachsene sind sie diejenigen, die die Verantwortung tragen.

Medienerziehung als Prophylaxe

Altersgemäße Begrenzung: Praktisch heißt das, dass die Medienzeit bei kleinen Kindern stark begrenzt und Schritt für Schritt dem Alter der Kinder angepasst werden sollten. Wenn Kinder zu früh und zu viel mit der grenzenlosen digitalen Welt konfrontiert werden, hat das Folgen für ihre Hirnentwicklung. Genauso wie ein Kind langsam an die Benutzung eines Messers oder eines Streichholzes herangeführt wird, brauchen Kinder eine altersgemäße Begleitung und klare Regeln im Umgang mit dem Computer oder Smartphone. Erst müssen Kinder wichtige Kompetenzen erlernen und eine gewisse Reife erlangen, damit sie sich selbst nicht in Gefahr bringen und eigenverantwortlich mit den Werkzeugen des Lebens umgehen können. Und je älter ein Kind wird, desto mehr Freiheit können wir ihm gewähren.


Reale Erfahrungen mit allen Sinnen:  Damit Kinder einen kompetenten Medienumgang lernen können, brauchen sie in ihrer Entwicklung in erster Linie reale Erfahrungen im echten Leben. Von Anfang an ist das Gehirn eines Menschen darauf angewiesen, dass es mit vielen Sinnesreizen versorgt wird. Nur so werden die Nervenzellen miteinander verknüpft und lebenswichtige Kompetenzen erlernt. Gerade in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren sind diese Sinneserfahrungen von großer Bedeutung, weil sich die Gehirnstruktur entwickelt und emotionale und kognitiven Fähigkeiten ausgebaut werden, zum Beispiel Impulssteuerung, Konfliktlösung, Empathiefähigkeit, Selbstwirksamkeit, vorausschauendes und strategisches Denken. Genau diese Kompetenzen sind erforderlich, um selbstbestimmt die virtuelle Welt nutzen zu können, ohne sich darin zu verlieren und dem Dopamin-Sog hilflos ausgeliefert zu sein. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Eltern im Familienleben für viele reale Erfahrungen sorgen, die mit allen Sinnen erlebt werden können.

Emotionale Geborgenheit muss Grundlage sein

Ohne eine stabile Eltern-Kind-Beziehung wird eine gute Medienerziehung nicht funktionieren. Deswegen sind emotionale Geborgenheit und eine sichere Bindung die Grundlagen allen Verhaltenstrainings. Nur wenn ich als Vater oder Mutter einen vertrauensvollen Umgang mit meinem Kind pflege, ist es möglich, sinnvolle Medienregeln in den Alltag zu besprechen, ohne dass die Smartphone-Nutzung zum täglichen Machtkampf wird. Und je sicherer ein Kind an seine Eltern gebunden ist, desto besser kann sich ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln – das ist der beste Schutz vor jeder Form von Suchtverhalten.


Eltern stehen vor einer großen Herausforderung, weil sie sich bei der Bewältigung dieser komplexen Aufgabe nicht auf die Erfahrungen vorheriger Generationen berufen können. Erst seit zwanzig Jahren durchziehen die neuen Medien unsere Gesellschaft. Die Medienerziehung ist ein völlig neues Land, das eingenommen werden muss und dem ständigen Wandel unterliegt. Aber Eltern können zuversichtlich sein: Auch diese Aufgabe lässt sich meistern, wenn sie die neuen Medien weder verteufeln noch verharmlosen. Wenn sich Eltern über die digitalen Medien informieren, sich für die Welt ihrer Kinder interessieren und mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, sind die wesentlichen Grundsteine gelegt. Und schlussendlich ist es keine Schande, sich Hilfe zu holen, wenn man in der Medienerziehung an Grenzen stößt.


Zur Autorin: Sonja Brocksieper leitet den Fachbereich Familie und Beziehung der christlichen Team F-Akademie. Die Diplom-Pädagogin ist verheiratet und hat drei Kinder.

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