Was braucht ein Kind, damit aus der Erstkommunion nicht die Letztkommunion wird? Einen guten Vorbereitungskurs? Engagierte Katecheten? Ja, sicher. Doch was sie vor allem brauchen, sind Erwachsene, die mit ihrem Leben zeigen, wie viel ihnen die Eucharistie bedeutet.
Sieben Jahre lang durfte ich als Priester viele Erstkommunionkinder begleiten. Das Geheimnis guter katholischer Jugendarbeit würde ich in drei Punkten zusammenfassen: Die jungen Menschen müssen erstens tief begreifen, was ihnen die Beichte und die heilige Messe bringt. Zweitens brauchen sie persönliche geistliche Begleitung. Und drittens müssen sie erfahren, dass sie selbst Verantwortung in der Kirche übernehmen können.
Dass Kinder schon früh zu einem echten eucharistischen Leben finden können, war auch Papst Pius X. ein großes Anliegen. Mit seinem Dekret „Quam singulari“ von 1910 setzte er sich dafür ein, dass Kinder wieder früher die Erstkommunion empfangen können – nämlich sobald sie das Vernunft-alter erreicht haben, also etwa ab dem siebten Lebensjahr. Damit knüpfte Pius X. an eine lange Tradition der Kirche an, Kinder schon früh zur Eucharistie zu führen: In der Urkirche bis etwa zum zwölften Jahrhundert tauchte der Priester einen Finger in das Blut Christi und reichte so dem neugetauften Säugling die Eucharistie.
Eine wichtige Grundlage
Später wurde in der westlichen Kirche der Vernunftgebrauch des Kindes für den Kommunionempfang maßgeblich. Die Jahrhunderte hindurch war die Praxis regional sehr unterschiedlich; auch die Eltern hatten Einfluss darauf, wann ihre Kinder zum ersten Mal kommunizierten. Die Jesuiten förderten ab dem 17. Jahrhundert die katechetische Vorbereitung und eine gemeinschaftliche Erstkommunion. Im Laufe der Neuzeit wurde die Erstkommunion in manchen Gegenden jedoch immer weiter hinausgeschoben, da man sie an hohe Wissensanforderungen knüpfte.
Mit seinem Dekret wollte Papst Pius X. dieser Entwicklung entgegenwirken, das geistliche Leben der Kinder fördern und der Forderung Jesu entsprechen: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran!“ (Lk 18,16).
Bei uns in der Gemeinschaft beginnt die Jugendarbeit bereits mit den Sechsjährigen – viertägige Feriencamps für Kinder von sechs bis elf Jahren: Da gibt es viele Spiele auf der Wiese, tägliche heilige Messe, ein klasse Essen, Beichtvorbereitung und jede Menge Kinderkatechesen. Viele Eltern helfen mit. Ich muss gestehen: Am Anfang meines Priesterlebens dachte ich mir, dass ein Kindercamp nicht so wichtig sei. Doch schnell wurde mir bewusst, dass dadurch eine ganz wichtige Grundlage für später gelegt wird. Wenn nämlich Eltern erleben, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind, wächst Vertrauen. Und wenn die Eltern den Glaubensweg ihrer Kinder unterstützen, dann erst kann eine Erstkommunionvorbereitung fruchtbar werden.
Außerdem lernen die Kinder: Jesus gehört nicht nur zum Sonntag, sondern mitten ins Leben. Gleich zu Beginn sage ich den Kindern offen: „Der Höhepunkt unserer Freizeit ist die heilige Messe. Da ist Jesus! Jesus will mich bei ihm haben! Jesus hat sich die Messe ausgedacht, dass ich dabei sein kann, wenn er für mich stirbt und für mich aufersteht. Und dann will er von mir gegessen werden. So kann er in mir wirken und mich ihm ähnlich machen! Ich werde so etwas wie ein zweiter Jesus!“
Kinder lernen durch das Zeugnis der Älteren
Jede heilige Messe bietet mehrere Möglichkeiten für eine kleine „Katechese“. Vor den Lesungen erkläre ich: „Jetzt spricht Gott zu uns.“ Nach der Gabenbereitung weise ich darauf hin, dass wir jetzt real dabei sein können unter dem Kreuz Jesu, wenn das Opfer Christi in unblutiger Weise erneuert wird. Vor der Kommunion kann man aufklären, dass es einen Unterschied macht, wie feinfühlig ich Jesus meine Liebe ausdrücke, wenn ich ihn in der Kommunion empfange. Und beim Schlusssegen kann man den Kindern sagen: „Jetzt geht die Messe weiter – in der Art, wie du spielst und die Menschen um dich herum glücklich machst.“
Bei der Beichte muss ein Kind erfahren: Wenn ich etwas falsch gemacht habe, rennt Gott nicht von mir weg. Ich darf mit meiner Schuld zu Jesus kommen. Wie erleichtert erlebe ich die Kinder immer nach der Befreiung von ihren Sünden! Das muss dann immer mit einem „Beichteis“ gefeiert werden! Kinder lernen auch durch das Zeugnis der älteren Jugendlichen, wie beichten geht. Beim Sommercamp sind die jugendlichen Betreuer für die Kinder echte Wegweiser zu Christus, indem sie vorleben, wie man an der Messe teilnimmt und auch in einzelnen Bereichen Verantwortung übernimmt.
Aber Camps allein reichen nicht. Das ganze Jahr über braucht es persönliche Begegnungen, regelmäßige unkomplizierte Team-Treffen im Haus einer kinderreichen Familie und Hausbesuche. Als Seelsorger lerne ich eine Familie noch einmal ganz anders kennen. Man erlebt nicht nur das Kind, sondern auch sein Umfeld, seine Geschwister, seine Eltern und manchmal auch die Schwierigkeiten, die hinter manchen Problemen stecken. So kann ich eine lebenslange Beziehung zu diesem jungen Menschen aufbauen und Ansprechpartner werden, wenn Fragen auftauchen.
Letztendlich ist der Idealfall nicht das Erstkommunionkind, das alle Antworten musterhaft kennt, sondern, wenn der Papa mit seinem Kind in die Kirche geht, sich mit ihm vor den Tabernakel kniet und ihm sagt: „Schau, da ist Jesus! Damals vor 2000 Jahren ist er durch die staubigen Straßen Galiläas gegangen und saß verschwitzt bei Martha, Maria und Lazarus am Tisch. Die haben einen Mann gesehen, doch der Glaube wusste: Das ist der menschgewordene Gott. Heute sehen wir eine Brothostie und wissen: Das ist der Leib von Jesus.“ Der Papa spricht noch ein spontanes Gebet und dann bleibt Zeit für andächtige Stille.
Papst Pius X. wollte, dass die Kinder früh zu Jesus kommen dürfen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen einfach vorzuleben, wie die Eucharistie unser eigenes Leben prägt. Die uns anvertrauten Kinder werden das nachahmen, was wir vorleben.
Der Autor ist seit 2016 Priester der Legionäre Christi und war jahrelang in der Kinder- und Jugendseelsorge tätig.
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