Ehe und Familie

Kein Sexismus ohne Dornen

„Was er dir sagt, das tue“: Eine traditionalistische Autorin in den USA ermahnt katholische Ehefrauen, zuhause zu bleiben und ihren Ehemännern zu gehorchen. Ein Plagiatsvorwurf legt nahe: Männer sind doch die besseren Sexisten.
Sexismus katholisch
Foto: studiostoks (imago stock&people) | Zurück an den Herd? In traditionalistisch-katholischen Kreisen in den USA behauptet eine Autorin, dass die Kirche von Ehefrauen verlangt, zuhause zu bleiben und ihrem Ehemann zu gehorchen.

Ein Anti-Feminismus-Buch und zwei Brüder, die über die publizistische Vorherrschaft in den katholischen USA kämpfen – das sind die Bestandteile eines Dramas, das auch Katholiken hierzulande etwas angeht. Eine traditionalistische Streitschrift polarisierte netzaffine US-Katholiken mit haarsträubenden Behauptungen zur Lehre der katholischen Kirche über Frauen und Ehe. 

Der Vorwurf: Die Autorin soll die Arbeit ihres Schwagers plagiiert haben, um sich mit ihrem Mann als publizistische Leitfiguren in der traditionalistischen Szene der USA zu etablieren. Denn in den sozialen Medien ist Empörung die Währung, und provokative Thesen garantieren Klicks.

Doch die Thesen des Buches sind nicht nur an den Haaren herbeigezogen – sie können Frauen und ihren Familien auch schaden. Es geht also nicht nur um ein Familiendrama, sondern um die Popularisierung extremer Positionen. Um Apostolate in sozialen Medien und ihre Autorität in katholischen Fachfragen. Und darüber, ob Ehefrauen ohne Erlaubnis ihres Mannes das Haus verlassen dürfen.

Der Hintergrund: ein Familiendrama

Zunächst die Protagonisten: Timothy Gordon hat rund um seinen Podcast „Rules for Retrogrades“ (Regeln für Rückschrittliche) Anhänger gesammelt und den Begriff dadurch zur Marke für eine christlich-patriarchalische Lebensweise gemacht. Sein Bruder, David Gordon, schreibt für die Nachrichtenseite „Church Militant“. Das rechtskatholische Online-Portal erntet immer wieder Kritik für provokative Schlagzeilen. 2020 wurden ihm rassistische und beleidigende Sprache vorgeworfen, als es den Erzbischof von Washington, Wilton Gregory, als „African Queen“ (dt.: ,afrikanischer Schwuler‘) bezeichnete.

Die Gordon-Brüder entwarfen 2019 ein Buch mit dem Titel „Kein christlicher Feminismus“, der im Verlag Sophia Press erscheinen sollte. Im März 2020 löste der Verlag den Vertrag auf. Zu dem Buch hatten die Brüder jeweils vier Kapitel beigetragen. Das Manuskript von David Gordon soll Stephanie Gordon mit ihrem Buch „Ask Your Husband“ plagiiert haben.

„Dass man eine schlechtere christliche Frau sei, weil man einen stereotyp-männlichen Beruf ausübt – oder überhaupt einen Beruf – ist einfach nicht katholisch.“

Doch um zu verstehen, wie weit die Gordons mit ihren Thesen von der Kirche abweichen, muss man ein Blick in das Buch selbst werfen. Es wurde Anfang 2022 vom traditionalistisch-katholischen Verlag TAN in den USA als „Handbuch für katholische Femininität“ verkauft. In ihrem Buch legt Gordon katholischen Frauen eine Liste mit Geboten vor, die Gott und die katholische Kirche angeblich von ihnen verlangen – mit dem Ziel, sich gegen Feminismus in jeder Form zu stellen.

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Was aber verlangt Gordon von katholischen Ehefrauen? Sie dürfen nicht ohne Erlaubnis des Ehemannes aus dem Haus gehen, dürfen keiner eigentlichen Arbeit nachgehen, müssen darauf achten, dass ihr Aussehen und ihre Hobbys den Vorlieben ihres Ehemannes entsprechen – und ihm bei Entscheidungen letztlich immer das letzte Wort überlassen. Warum das Buch, trotz Gordons Beteuerungen und Belegen aus Enzykliken und Katechismen, nicht katholisch ist, erklärt Abigail Favale. Die katholische US-Publizistin zum Thema Kirche und Sexualität übt gegenüber dieser Zeitung starke Kritik an Gordons Thesen. Hören Sie das ganze Interview mit Abigail Favale hier.

„Die Idee, dass die ideale Ehe, ideale Männlichkeit und Weiblichkeit auf starren Rollen beruht, ist nicht katholisch“, erklärt sie. Geschlecht in der katholischen Tradition sei ein „Sein“, kein „Tun“, betont Favale. „Dass man eine schlechtere christliche Frau sei, weil man einen stereotyp-männlichen Beruf ausübt – oder überhaupt einen Beruf – ist einfach nicht katholisch.“ Dieses Gedankengut erinnere vielmehr an ein rollenbasiertes Geschlechterverständnis, das in fundamental-protestantischen Kreisen verbreitet sei.

Starre Rollenbilder sind nicht katholisch

Favale, die selbst in einem fundamental-protestantischen Umfeld aufwuchs, sieht diesen Einfluss nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Methode des Buches. Es sei ein „eigenartiges Hybrid aus katholischen Versatzstücken, die mit fundamental-protestantischer Methode zusammengesetzt werden“, sagte sie gegenüber dieser Zeitung. Die einzelnen Argumente Gordons würden, wie man es von protestantischer Literatur kenne, mit Bibelzitaten unterlegt, wobei aber, wie Favale betont, „der größere und notwendige Kontext des Zitates nicht zum Tragen kommt“. 

Unkatholisch sei auch der Schnitt, den Gordon in ihrem Buch vor das Zweite Vatikanum, ja sogar noch vor Edith Stein ansetze. Gordon versuche, Johannes Paul II. als dissidente Stimme auszuklammern, die Tradition und Schrift widerspreche, wenn er sich für arbeitende Frauen einsetzt.
„Dadurch macht Gordon einen beliebigen Schnitt, noch vor Edith Stein, vor Johannes Paul II., und bezeichnet alles vorher als verbindliche Tradition. Doch wir sehen, dass die Päpste Benedikt XVI. wie auch Franziskus sich nicht von Johannes Paul II. entfernt haben; deshalb ist es nicht überzeugend, diese Neubewertung der Rolle der Frau im 20. Jahrhundert als schlichtweg schlecht und nicht-christlich abzutun“, so die Professorin Favale. 

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Raphael Bonelli: Alle Menschen haben die Sehnsucht, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen

Doch was macht dieses Geschlechterbild so attraktiv? Nach der Veröffentlichung stiegen die Rezensionen rasant an – knapp 400 hat es auf Amazon erzielt. 81 Prozent der Rezensenten vergaben dabei fünf Sterne. Hunderte Katholiken, darunter anscheinend zahlreiche Frauen, unterstützen die Gordons bei ihrem Projekt, den Feminismus aus der katholischen Welt zu verbannen.

Für den katholischen Psychotherapeuten und Neurologen Raphael Bonelli sind die Thesen des Buches eine Gegenbewegung zu einer Marginalisierung der Männer, die sich in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten deutlich abgezeichnet habe. „Wir hatten jetzt dreißig Jahre lang eine Doktrin, dass die Frau ein bisschen besser ist als der Mann. Das war problematisch für Beziehungen, weil Männer sich geschämt haben, ein Mann zu sein“, sagte er dieser Zeitung.

Während es in den letzten Jahren einfach gewesen sei, von wissenschaftlicher und psychologischer Seite zu zeigen, wo die Frau dem Mann überlegen sei, zum Beispiel in der Empathie, habe man nur unter großen Vorbehalten die Stärken des Mannes kommunizieren können. Die Sehnsucht aller Menschen, so Bonelli, liege aber darin, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Eine Gegenbewegung sei ein logischer Versuch, die jahrelange Asymmetrie zugunsten der Frau auszugleichen.

Gordons Thesen sind gefährlich

Die Positionen, die die Gordons in ihrem Buch vertreten, sind nicht nur kontrovers – man könnte sie sogar als gefährlich bezeichnen. Die katholische Publizistin Rachel Amiri schreibt in einer mehrteiligen Rezension auf der Online-Publikation „wherepeteris.com“: „Die Anleitungen in ,Ask Your Husband‘ machen Frauen angreifbar für geistlichen wie häuslichen Missbrauch.“ Sie bezieht sich dabei auf Risikofaktoren und Anzeichen für häusliche Gewalt, die die Psychologin Lisa Aaronson Fontes aufgestellt hat. Dazu gehören Forderungen des Partners im Bezug darauf, wann oder ob die Frau das Haus verlassen darf, welche Kleidung sie tragen, welchen Hobbys sie nachgehen soll, was oder ob sie arbeiten, oder wieviel sie wiegen darf. 

Auch Sex einzufordern gehört dazu – was laut Stephanie Gordon eine katholische Ehefrau nur dann ablehnen darf, wenn sie schwer krank ist oder der Ehemann sündhafte Handlungen verlangt. Stephanie Gordon lässt die Kritik, dass die katholische Kirche solche rigorosen Ansichten gar nicht vertritt, nicht gelten. Auf dem YouTube-Kanal ihres Ehemannes Timothy behauptete sie, es sei nicht schwer, für das Buch eine Imprimatur zu erhalten.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Und jetzt der Brüderkonflikt: David Gordon nämlich, Stephanies Schwager, warf gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenportal „The Pillar“ seinem Bruder und seiner Schwägerin vor, seine Arbeit genutzt zu haben, um die skandalösen Thesen als erste auf den Markt zu bringen. Er erklärte, dass Ein-Mann-Apostolate in den sozialen Medien dazu verführen würden, mit provokativen Aussagen Aufmerksamkeit für das Apostolat anzulocken. Dadurch könne der eigentliche, christliche Auftrag verloren gehen.

Ideologisierung von Ehe und Familie gibt es also nicht nur von „links“, sondern auch von „rechts“. Bei der Unterscheidung von Spreu und Weizen ist hier Wachsamkeit gefragt. Provokativ auftretende Personen, die behaupten, ,nur die wahre Lehre der Kirche‘ zu verbreiten, sind mit Vorsicht zu genießen. Bitterkeit und Frustration verführen dazu, sich von der goldenen Mitte zu verabschieden – und davon können selbsternannte Leitfiguren profitieren. 

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