Erziehung

Kein Reifen ohne Gefühle 

Die Fähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, gehört wesentlich zum Erwachsenwerden. Wie Eltern die Reifung des kindlichen Gefühlslebens fördern können. Teil 1/2
Kinder müssen ihre Gefühle spüren, um sich richtig zu Entwickeln, so Maria Elisabeth Schmidt.
Foto: (37873351) | Kinder müssen ihre Gefühle spüren, um sich richtig zu Entwickeln, so Maria Elisabeth Schmidt.

 Bei der Erziehung unserer Kinder hat die ständige Sorge um ihr Verhalten und Benehmen die Berücksichtigung ihrer Gefühle weitgehend aus dem Blickfeld gedrängt. Dabei bilden gerade sie den entscheidenden Motor für gelingende Reifeentwicklung und emotionale Gesundheit. Denn nicht die richtige Erfahrung, die richtige Beschulung oder das richtige Lernen machen ein Kind erwachsen, sondern seine Fähigkeit, Gefühle zu empfinden. Darum ist es so wichtig, dass ein Kind einen ungehinderten Zugang zu möglichst allen seinen Gefühlen hat. 

Was aber machen wir mit einem Kind, wenn es erbost, hysterisch, aggressiv ist, herumschreit oder Widerworte gibt? Für die Erziehung entscheidend ist, diese Frage in den größeren Kontext einzubetten, der da lautet: Wie erreiche, wie fördere und unterstütze ich emotionale Gesundheit und Reifwerdung meines Kindes?

Gefühle entspringen dem Überlebensinstinkt 

Emotionen wirken oft irrational, doch für die Natur haben sie einen Sinn und eine Aufgabe: Sie dienen dem Überleben und der Reifeentwicklung. Das Gehirn ist darauf angelegt, uns bei gefühltem Alarm zur Vorsicht zu bewegen, im Angesicht von Gefahr zu Flucht oder Angriff, sowie es uns bei einem nicht funktionierenden Verhalten dazu bewegt, mit demselben aufzuhören. Müdigkeit bewegt uns dazu, uns auszuruhen, Hunger, etwas zu essen. Traurigkeit über Vergebliches bewegt zu Tränen, Freude zum Lachen. Sehen wir Not, bewegen unsere Emotionen uns dazu, zu helfen, und so weiter. Wenn ein Kind das nicht mehr fühlt, kann die Natur das Kind nicht länger schützen und in die richtige Richtung bewegen.

Zu rund 90-95 Prozent wird Problemverhalten durch Emotionen verursacht. Die Wissenschaft weiß, dass es Emotionen sind, die uns zu diesem oder jenem Verhalten bewegen. Darum ist es so wichtig, dass ein Kind seine Gefühle – und zwar die richtigen – fühlen kann. Sie haben enorme Auswirkungen auf das Verhalten, denn nur richtige Gefühle können uns in die richtige Reaktion bewegen. Professor Gordon Neufeld benennt fünf Schritte, die ein Kind durchlaufen muss, um emotional gesund und reif werden zu können: Emotionen müssen ausgedrückt und benannt werden können. Sie müssen dann gefühlt, gemischt und schließlich reflektiert werden können. 

Kinder können Emotionen nicht kontrollieren

Emotionen widerfahren uns jenseits unserer Kontrolle. Weder Kinder noch Erwachsene können sich aussuchen, welche Gefühle sie haben, oder wann sie kommen. Sie wühlen uns auf und wollen uns zu etwas bewegen. Emotion sucht immer Ausdruck. Carl Rogers, C.G. Jung, Carl Adler, Freud – alle Tiefenpsychologen wussten, dass ihr Ausdruck unverzichtbar ist, damit wir nicht krank werden. 
Je reifer wir werden, desto verantwortlicher können wir mit unseren Gefühlen umgehen und sie auf sozialverträgliche Weise mitteilen. Selbst bei günstigen Bedingungen braucht es viele Jahre, bis sich diese Fähigkeit verlässlich heranbildet. Ein Kind ist weder in der Lage, Einfluss zu nehmen auf das Wann, noch auf das Wo und Wie seiner Gefühlsausbrüche; es wird davon schlicht überwältigt.

In Emotionen steckt viel Energie, und die Stärke eines Gefühlsausbruches zeigt uns, wie sehr ein Kind aufgewühlt ist. Aussagen, wie „Hab keine Angst, beruhig‘ dich, sei nicht sauer oder traurig, entspann dich“, funktionieren nicht. Im Gegenteil: Sie sagen dem Kind: „Fühl‘ nicht“. Doch ein Kind braucht seine Gefühle, und es braucht uns als Ort, an dem es sie ohne Angst vor negativen Konsequenzen ausdrücken kann. Ordnung in diesen Ausdruck zu bringen steht erst später auf der Entwicklungsagenda. Ein Kind muss sich sicher fühlen, um seine Gefühle fühlen zu können. Diese Bindungssicherheit ermöglicht ihm, sein – im Wortsinn – leicht bewegtes Herz zu bewahren.

Emotionen erst fühlen, dann ordnen

Genau das braucht es, denn wir können Emotionen nur fühlen, wenn sie in Bewegung sind. Dann erst kann das limbische System, das Bindungsgehirn, seine Arbeit wirksam tun. Leider verlieren immer mehr Kinder und Jugendliche ihre Gefühle, weil sie zu hohem Bindungsstress und zu vielen Verletzungen ausgesetzt sind. Ihr Bindungsgehirn schaut bei Bedrohung oder Verletzung nicht tatenlos zu, sondern dimmt die Fähigkeit, Gefühle zu fühlen, herunter. Der Sinn dieser Verteidigungsreaktionen liegt darin, vor unerträglichen Verletzungen zu schützen und dazu zu befähigen, in einem verletzenden Umfeld funktionieren zu können.  


Der Preis für den Verlust dieser Gefühle ist hoch, denn diese Kinder können nicht erwachsen werden. Die ersten Gefühle, die verloren gehen, sind Traurigkeit, Vermissen, Enthusiasmus. Die Kinder sagen jetzt „Mir doch egal, interessiert mich nicht“ oder Ähnliches. Es folgt der Verlust von Verantwortlichkeit. Sie sagen jetzt nicht mehr: „Tut mir leid“ oder „Entschuldigung“. Auch Gefühle von Alarm, die uns bei Gefahr helfen sollen, gehen verloren. Der Jugendliche sagt nicht länger: „Ich fürchte mich, ich habe Angst, ich bin nervös“. Gehen die Verletzungen noch tiefer, verliert das Kind seine Schüchternheit und jedes Gefühl von Scham und Peinlichkeit – und damit einhergehend auch seine Empathie-Fähigkeit. Gerade Jugendliche erleben das oft als Erleichterung, dabei verleihen uns Gefühle Menschlichkeit. Gehen die Verletzungen noch tiefer, verlieren die Jugendlichen nicht nur ihre alarmierenden Gefühle, sondern fühlen sich sogar von alarmierenden Dingen angezogen. Da geht es um die Chemie des Alarms, den Adrenalin- und den Norepinephrin-Schub. Das steckt beispielsweise hinter dem Ritzen.

Entwicklung braucht Geduld vonseiten der Eltern

In Nordamerika ritzt sich eins von fünf adoleszenten Mädchen oder verbrennt seine Haut mit Streichhölzern; auch hier in Europa und Deutschland sind die Kliniken überfüllt. Diese Panzerung seitens unseres Bindungsgehirns kann zu einem völligen Ausblenden der Wahrnehmung dessen, was verletzen könnte, führen. Darum: Unser Kind braucht von uns die Einladung, alle Gefühle ausdrücken zu können. Diese Einladung birgt freilich zwei Herausforderungen: Ein geballter Gefühlsausbruch ist unzivilisiert, chaotisch und oft laut. Doch das Kind braucht unsere Hilfe, wenn es sich im Aquaplaning seiner Gefühle verliert. Es braucht mindestens fünf bis sieben Jahre (ein sensibles Kind noch länger), bevor es ansatzweise fähig werden kann, mit seinen Gefühlen umzugehen oder ihren Ausdruck zu zügeln. Entwicklung braucht Zeit, auch unsere Zeit als Eltern. 

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Eine weitere Herausforderung liegt darin, dass Wutanfälle die bestehenden Bindungen gefährden können. Wenn ein Kind Angst hat, die Nähe zur Hauptbezugsperson zu verlieren, wird es seine Emotionen (unbewusst) unterdrücken. Wir sind Bindungsgeschöpfe; Bindung hat die oberste Priorität für unser Gehirn. Würden wir das besser verstehen, würden wir nicht der Versuchung erliegen, vor der Zeit Ordnung in das kindliche Verhalten bringen zu wollen. Eltern gegenüber unterdrückte Emotionen können sich leicht verlagern und gegenüber dem jüngeren Geschwisterkind oder gegenüber dem Haustier entladen, oder sich an anderer Stelle vulkanartig Ausdruck verschaffen. 

Spiele bieten geschützten Raum für Gefühle

Damit Emotionen ausgedrückt werden können, braucht ein Kind genügend Freiheit von Bewertung, Beurteilung und negativen Auswirkungen, vor allem dem Verlust von Nähe. Das erklärt, warum echtes Spiel, das diesen Namen verdient, so wichtig und unverzichtbar für emotionale Gesundheit ist: Es bietet die Freiheit, alle Emotionen auszudrücken – ohne Angst vor negativen Folgen; es ist ja nicht real. Wenn wir genügend Raum schaffen für alle Gefühle, auch für Traurigkeit, Melancholie und Frustration, werden unsere Kinder mit der Zeit ausgeglichen. 

Ein Kind wird mit Emotionen geboren, doch es braucht Zeit, bis es sie fühlen kann. Weiß es sich geborgen, wird es ein leicht bewegtes Herz haben und seine Gefühle fühlen können. Schützen wir also sein Herz, indem wir die Geborgenheit bieten, die es braucht, um sich sicher an uns binden zu können. Diese Bindung legt sich wie ein Schutzschild um sein Herz und bewahrt es vor vielen Verletzungen von außen. Ein so behütetes Herz kann frei atmen, fühlen und reifen.  


Maria Elisabeth Schmidt ist zertifizierte Neufeld-Kursleiterin und Dozentin (www.herzensgipfel.de). Sie hält am 05.09.22 um 18:00 Uhr einen Online-Vortrag zum Thema mit Möglichkeit für Fragen. Details und Anmeldung unter: www.akademie-regenbogenland.de 

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