Ein Kind zog die Füße ein Stück an, als die Schale vor ihm abgestellt wurde. Die Hände lagen auf den Knien, der Blick blieb vorne. Neben ihm saßen schon die nächsten Kinder, dicht aufgerückt in den ersten Reihen der Kapelle. Keines drängelte, keines drehte sich um. Die Spannung saß in kleinen Bewegungen: ein Finger am Ärmel, ein kurzer Seitenblick, die Zehen leicht angezogen. Dann floss das Wasser.
Pater Ralph beugte sich hinab, wusch dem ersten Kind die Füße und trocknete sie ab. Für einen Moment hielt das Kind still. Dann kam, halb erstaunt, halb erleichtert, dieser leise Satz: „Oh, ist ja gar nicht kalt.“ Ein paar Kinder lachten kurz. Danach gingen die Blicke wieder nach vorne.
So begann am Gründonnerstagnachmittag in der Kapelle des Jugendtagungshauses Schloss Pfünz ein Programmpunkt, der bewusst vorgezogen worden war. Am Abend, in der Messe vom Letzten Abendmahl, wären viele der kleineren Kinder nicht mehr bis zum Ende dabei gewesen. Hier konnten sie das Zeichen der Fußwaschung miterleben, vorne, nah dran, ohne große Vorrede. Der Priester tat vor ihnen, was Christus am Gründonnerstag seinen Jüngern getan hatte.
Von Gründonnerstag bis Ostersonntag kamen in Pfünz rund 120 Teilnehmer zusammen, begleitet von Pater Ralph Heiligtag, Oratorianer aus Ingolstadt. Bereits zum fünften Mal wurden die Tage vom Bistum Eichstätt zusammen mit der Familieninitiative St. Willibald, einer ehrenamtlichen Gruppe von Familien aus Eichstätt, veranstaltet. Schloss Pfünz gab dafür den Rahmen: Kapelle, Gruppenräume, Speisesaal, Park, kurze Wege.
Wer nur auf den Ablaufplan schaute, konnte die Tage leicht für straff organisiert halten. Vor Ort wirkte es anders. Liturgie, Mahlzeiten, Katechesen, Kinderprogramm und Zeiten in der Familie griffen ineinander. Vieles, was im Familienalltag sonst nebenher laufen muss, fiel weg. Niemand musste einkaufen, kochen oder nebenbei noch den Abend organisieren. Gerade das schuf Raum.
Frei vom Alltag die heiligen Tage bewusst begehen
Das Zentrum blieb klar: nicht ein loses religiöses Familienwochenende, sondern die Feier der Tage von Gründonnerstag bis Ostersonntag. Die zusätzlichen Elemente standen nicht daneben. Sie führten in diese Tage hinein oder nahmen das Gesehene und Gehörte auf.
Sandra Rauw aus dem Kreis der Veranstalter beschrieb den Ausgangspunkt schlicht. Man habe zunächst auf die eigenen Bedürfnisse als Familie geschaut und von dort aus weitergedacht. Was brauche es, damit Familien diese Tage nicht nur irgendwie bewältigten, sondern wirklich miteinander feiern könnten? Dass der Alltag mit Kochen, Aufräumen und den vielen Unterbrechungen einmal zurücktrat, sei dabei keine Nebensache gewesen.
In einer Katechese für die Eltern wurde ein Gedanke aufgegriffen, der einfach klang und gerade deshalb hängen blieb: den Tag nicht zuerst als Last, sondern als Gabe zu verstehen. Nicht: Was ist heute alles nötig? Sondern: Dieser Tag ist geschenkt, mit allem, was zu ihm gehört.
Am Karfreitag wurde dieser Zugang besonders greifbar. Der Familienkreuzweg führte über Stationen, in denen Gebet und Handlung zusammenfanden. Schon vorher hatten die Familien Zeit, miteinander aufzuschreiben, was in ihrem Alltag schwer war: Streit, Gereiztheit, Enttäuschungen, Dinge, die sich festgesetzt hatten.
Mit diesen Zetteln gingen sie in den Kreuzweg. Mitgetragen wurde dabei die ganze Zeit ein großes Holzkreuz. An einer Station wurden die Zettel daran angenagelt. Man hörte die Schläge des Hammers.
Kinder hielten Nägel fest, reichten Zettel weiter oder standen daneben und schauten genau zu, wie ihre Eltern sie an das Holz legten. Die Szene war nicht glatt. Gerade das machte sie glaubwürdig.
Eindrücklich war auch die Station zur Kreuzigung. Dort lag ein kleiner Schwamm mit Essig bereit. Kinder nahmen ihn vorsichtig, rochen daran, probierten, verzogen das Gesicht. Manche brauchten keinen zweiten Versuch. Der Satz aus der Passion bekam so etwas Körperliches. Nicht bloß gehört, sondern geschmeckt.
Auch die Feier vom Leiden und Sterben Christi selbst blieb nicht abstrakt. Bei der Kreuzverehrung trugen Kinder Rosenblätter und kleine Muggelsteine nach vorne und legten sie vor dem Kreuz ab. Die Bewegung war schlicht, fast unscheinbar. Gerade dadurch blieb sie hängen. Die Fesseln, die die Teilnehmer im Laufe des Kreuzwegs mitgenommen hatten, blieben zunächst bei ihnen. Erst in der Osternacht, am Osterfeuer, fanden auch diese Zeichen ihren Ort.

Zur Prägung dieser Tage gehörte auch die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Die Kapelle blieb zur Anbetung geöffnet. Menschen kamen und gingen, manche spät, manche früh. Einige blieben lange, andere nur kurz. Auch Eltern mit Babyphon kamen in die Kapelle, weil die Zimmer im selben Haus lagen und sich diese Form der nächtlichen Anbetung so überhaupt erst in den Familienalltag einfügen ließ.
Der Karsamstag hatte einen anderen Ton. Nach Laudes, Morgengebet und gemeinsamer Katechese gab es Zeit für die Familie, Zeit zur Erholung, dann wieder gemeinsames Tun. Familien gestalteten Osterkerzen, Kinder gingen in ihr eigenes Programm, Eltern hörten einen Vortrag. Später wurde das Osterfest vorbereitet.
Licht, Gloria und Süßigkeitenpyramide
Als am Abend die Feier der Osternacht begann, war die Kapelle dicht gefüllt. Draußen brannte das Osterfeuer. Dort wurden auch die Zettel und die symbolischen Fesseln ins Feuer gegeben. Was am Karfreitag ans Kreuz gebracht worden war, bekam in der Osternacht eine andere Richtung.
In der Liturgie selbst erhielt das Ganze seine dichteste Form. Zwei Erwachsene empfingen die Taufe, wurden gefirmt und traten zum ersten Mal an den Tisch des Herrn. Hinzu kamen eine weitere Firmung und die Erstkommunion eines Kindes. Damit bekam diese Osternacht auch biografisches Gewicht.
Als das Gloria einsetzte, kamen die Kinder mit Tüchern und Rasseln nach vorne. Nach den stilleren Feiern der vorhergehenden Tage lag darin eine eigene Kraft. Und nach der Liturgie wurde gefeiert. Im Konferenzsaal stand eine große Süßigkeitenpyramide, oben mit Donuts. Für viele Kinder war das der sichtbarste Beweis, dass die Fastenzeit zu Ende war.
Auch der Ostersonntag trug diese Leichtigkeit weiter. Nach dem österlichen Morgenlob suchten die Kinder im Schlosspark ihre Osternester. Zwischen den Bäumen wurde gerufen, gelacht, gezeigt, was gefunden worden war. Erwachsene standen in kleinen Gruppen am Rand oder gingen langsam hinterher.
Yousif Hanna Micha, im Bistum Eichstätt Referent für Evangelisierung und Glaubenskommunikation, hob das Zusammenspiel von Bistum und Familieninitiative hervor: „Das Bistum schafft einen Rahmen, aber getragen werden solche Tage von den Familien selbst. Gerade wenn beides zusammenkommt, entsteht ein Ort, an dem Glaube im konkreten Leben vorkommt.“
Am Ende blieben nicht vor allem große Worte, sondern Bilder. Ein Kind, das vor der Schale die Zehen anzog. Nägel im Holz. Das verzogene Gesicht beim Essig. Tücher und Rasseln beim Gloria. Donuts auf einer Süßigkeitenpyramide. Rosenblätter und Muggelsteine vor dem Kreuz.
Der Autor hat Journalistik studiert, arbeitet für Renovabis und lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Eichstätt.
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