Folgen der Pandemie

Junge Menschen sind immer einsamer

Fast einer von drei Anrufen bei der TelefonSeelsorge betrifft das Thema Einsamkeit. Darunter sind immer mehr junge Menschen. Diese greifen vermehrt auf die anonymeren Online-Angebote der TelefonSeelsorge zurück.
Einsamkeit unter jungen Menschen
Foto: Maja Hitij (dpa) | Im Homeoffice hätten die Menschen weniger Ausgleich durch zwischenmenschliche Gespräche und seien oft auf sich selbst zurückgeworfen, meint Ellensohn.

Herr Ellensohn, hatte die Telefonseelsorge an Weihnachten viel zu tun? Was hat die Menschen bewegt?

Beginnend mit dem zweiten Feiertag melden sich jedes Jahr viele Menschen mit Beziehungsthemen, etwa die Partnerschaft oder familiäre Beziehungen betreffend. Unsere These ist immer gewesen, dass die Menschen vor Weihnachten noch sehr mit dem Organisieren von Geschenken oder der Festgestaltung beschäftigt sind. Das galt auch im Lockdown. Am Heiligen Abend oder dem ersten Weihnachtsfeiertag spielt sich dann das „System Familie“ wieder ein, dann kommen Kinder und Jugendliche heim, man verbringt ein paar Tage miteinander und es brechen Konflikte aus. Das schlägt dann bei uns in der TelefonSeelsorge immer wieder auf und das war auch dieses Jahr wieder so. Ohne es wissenschaftlich untermauern zu können, ist mein Eindruck, dass es immer mehr Konflikte gibt.

Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

"Seit Beginn der Pandemie hatten die Menschen
sowohl im privaten als auch im persönlichen Bereich weniger Beziehungen"

Seit Beginn der Pandemie hatten die Menschen sowohl im privaten als auch im persönlichen Bereich weniger Beziehungen. Dazu kommt jetzt, dass Menschen im Homeoffice weniger Ausgleich durch zwischenmenschliche Gespräche haben und oft auf sich selbst zurückgeworfen sind. Dann an Weihnachten viel Zeit in der Partnerschaft und der Familie zu verbringen, kann dann einfach Stress bedeuten. Das muss nichts mit schlechter Familiensituation zu tun haben, sondern liegt einfach daran, dass man auf einen Schlag tagelang das Leben mit anderen teilt und sich gemeinsam mit anderen organisieren muss, wo man normalerweise vielleicht eigenständig lebt. 

Schon im Jahr 2020 war das häufigste genannte Thema bei der Telefonseelsorge die Einsamkeit. 

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Ja, 27 Prozent der Anrufe in der Weihnachtszeit hatten Einsamkeit zum Thema. Im Vergleich zum Monatsdurchschnitt haben wir damit in den Weihnachtstagen einen Anstieg von 5 Prozent gemessen. Das hört sich nicht viel an, aber man muss sehen, dass wir pro Tag in Deutschland zwischen 3.000 und 3.500 Seelsorgegespräche haben. Dann sind das schon enorme Zahlen.

Handelt es sich dabei um eine neue Entwicklung durch die Pandemie oder hatte Einsamkeit auch schon vorher eine hohe Bedeutung?

Einsamkeit gab es in unserer Beratung schon immer. Die Telefonseelsorge ist über 60 Jahre alt, und das war tatsächlich eines der Themen, die von Anfang an mit dabei waren. Aber durch die Pandemie hat sich das noch einmal verstärkt, vor allem - was ich erschreckend finde -, auch noch einmal mehr für junge Menschen. Das war früher, vor drei bis fünf Jahren, nicht so stark der Fall. Denn biographisch nimmt das Thema Einsamkeit mit zunehmendem Alter zu, weil sich die Familiensituation ändert, etwa wenn der Partner stirbt.

Was ist bei der Seelsorge für einsame Menschen wichtig?

"Die Menschen können einfach erzählen,
in der Einsamkeit ihr Leid, ihre Klage benennen"

Zunächst geht es bei der Seelsorge darum, das auszuhalten, was die Menschen einem mitteilen und nicht gleich nach Lösungen zu suchen. Ich verwende in der Ausbildung gerne die Emmaus-Geschichte als Beispiel für Seelsorge, wie wir sie betreiben: Die beiden Jünger sind am Boden zerstört von Jerusalem nach Emmaus auf dem Weg und reden darüber, dass sie auch ein Stück weit einsam sind, weil Jesus gestorben ist. Dann kommt der Dritte dazu und fragt sie einfach nur, was sie beschäftigt. Das ist die Haltung der Telefonseelsorge, gleich ob am Telefon, im Chat oder per Mail. Die Menschen können einfach erzählen, in der Einsamkeit ihr Leid, ihre Klage benennen. Das ist der erste Schritt, und dazu braucht es Raum. Es ist eine Solidaritätserfahrung: ich kann jemandem von meiner Einsamkeit erzählen, er versteht mich.

Und nach dem ersten Schritt? Können Sie konkret weiterhelfen?

Helmut Ellensohn

Wir schauen, wo es Möglichkeiten für Kontakte gibt. Wo gibt es Möglichkeiten, dass Menschen sich selbst etwas Gutes tun? Das kann beispielsweise auch sein, Menschen, die religiös veranlagt sind, zu raten, einmal in den Gottesdienst zu gehen, um das Gefühl zu haben, unter Menschen zu sein. Bei Älteren geht es auch darum, zu lernen, mit dem Alleinsein umzugehen, wenn der Partner verstorben ist und die Einsamkeit mit Alleinsein zusammenhängt. Und an alle, ob ich jetzt eine 20-Jährige oder eine 80-Jährige in der Leitung habe, geht die Frage: Was gab es bisher in meinem Leben, das ich gerne gemacht hätte, welche Träume habe ich?

Erfahren Sie manchmal, ob Ihre Begleitung den Menschen hilft?

Beim Großteil der Gespräche ist es so, dass das Gespräch endet und man nicht weiß, wie es weitergeht. Es gibt aber Gott sei Dank auch Gespräche, das sind meistens längere, am Telefon mehr als im Chat, wo Anrufende sagen, das hat mir jetzt gutgetan, ich habe noch einmal eine neue Idee bekommen, was ich machen kann.

Die TelefonSeelsorge ist auch per Chat erreichbar?

Wir waren mit die ersten, die Onlineberatung angeboten haben. Letztes Jahr hatten wir das fünfundzwanzigjährige Jubiläum. Damals hat die erste Stelle angefangen, auch per Mail Beratung zu machen. Im Laufe der Jahre ist die Chatberatung hinzugekommen. Außerdem haben wir Stellen, die Vor-Ort-Beratung machen, wo man mit den Anliegen hinkommen kann.

Warum braucht es neben dem Telefon auch eine Onlineberatung?

Ähnlich wie beim Telefon können sich Menschen, die in Not sind, anonym melden, indem sie sich anmelden und einen Benutzernahmen geben. Anmelden ist wichtig, denn wir haben immer wieder Scherzanrufe oder Scherzanfragen. Dann entscheiden sie sich, ob sie eine Mailberatung möchten. Hier schreibe ich eine Mail und bekomme innerhalb von 48 Stunden eine Antwort. Daraus kann sich eventuell ein Prozess entwickeln, ein längerer Austausch mit dem gleichen Seelsorger. Im Chat ist es ein bisschen anders. Als Mensch in Krise und Not kann ich auf der Homepage der Telefonseelsorge, einen Termin belegen, oder auch direkt in den Chat einsteigen, und dann wie am Telefon in Echtzeit ein Gespräch führen. Wir haben übrigens auch eine KrisenApp, die für Menschen mit Depressionen und Suizidalität angeboten wird. Telefonseelsorge will für Menschen in Krise und Not da sein, und wir versuchen, dem Menschen entsprechend die Kanäle zu beschaffen. Bei der Onlineberatung erleben wir tatsächlich, dass sich viele jüngere Menschen melden: das Gros der Menschen ist zwischen 20 und 40, während es beim Telefon zwischen 50 und 60 liegt. Aber in beiden Bereichen ist es so, dass wir wegen der Pandemie auch am Telefon verstärkt jüngere Leute haben.

Was ist die besondere Stärke der Onlineberatung?

Im Chat und per Mail ist die Beratung noch einmal anonymer. Am Telefon höre ich, wenn jemand weint. Im Chat höre und sehe ich es nicht. Wenn ich schwere Themen habe, kann ich mich als betroffener Mensch anonymer melden. Wir haben dort auch mehr Themen wie Suizidalität oder Missbrauchserfahrungen. Themen, die schambesetzt sind kommen da schneller hinein. Deswegen ist die Onlineberatung für manche, die nicht über ihre Problematik reden können, ein Einstieg. Die Hemmschwelle ist geringer, und es zunehmend so, dass Menschen sich über ihr Smartphone melden, wo es niemand hört.

Lesen Sie einen weiteren Beitrag zum Thema Einsamkeit in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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