Corona

In der Pandemie trägt die Familie

Mehrere Studien zu den Belastungen von Kindern und Jugendlichen sowie zur frühkindlichen Entwicklung bei Lockdowns unterstreichen die Rolle der Familie, um gut durch die Pandemie zu kommen.
Stabile Familienverhältnisse machen den Unterschied
Foto: Wortschatzinsel

Die Auswirkungen der aufgrund der Coronavirus-Pandemie verordneten sogenannten Lockdowns auf Kinder und Jugendliche werden seit geraumer Zeit untersucht. Bereits am 21. Juni 2021 veröffentlichte etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine „Ad-hoc-Stellungnahme“ mit dem Titel „Kinder und Jugendliche in der Coronavirus-Pandemie: psychosoziale und edukative Herausforderungen und Chancen“. Würden die meisten Kinder und Jugendlichen „aller Voraussicht nach Belastungen und Defizite, die durch die Pandemie verursacht werden“, überwinden können, so blieben für manche Kinder und Jugendliche „kurz-, mittel- und wahrscheinlich auch langfristig“ Belastungen und Defizite. Die Ad-hoc-Stellungnahme berichtet von verschiedenen Studien, laut denen bei 30 bis 39 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine Zunahme der psychischen Belastungen festgestellt worden sei.

Untersucht wurden „Hinweise auf Einsamkeitsgefühle und Empfindungen von sozialer Isolation“. Weil Familien „über höchst unterschiedliche psychosoziale und emotionale Ressourcen“ verfügen, um Belastungen auffangen zu können, seien „Kinder und Jugendliche vom Familien- und Erziehungsklima besonders abhängig“.

Stabile Familienverhältnisse machen den Unterschied

In Deutschland untersucht die sogenannte „COPSY-Studie“ unter der Leitung von Ulrike Ravens-Sieberer, Forschungsdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, in drei verschiedenen Zeiträumen – Mai bis Juni 2020, Dezember 2020 bis Januar 2021, Mai bis Juni 2021 – das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen. Der Vergleich zwischen der Befragung im Mai-Juni 2020 mit der zum Jahreswechsel 2020/2021 zeigte eine Zunahme der wahrgenommenen Belastungen und vermehrte depressive Symptome. Allerdings zeige sich „nach zweimaliger Verschlechterung“ nun im dritten Untersuchungs-Zeitraum „erstmals eine geringe, aber wichtige und signifikante Verbesserung des seelischen Wohlbefindens der Kinder“, so Ravens-Sieberer. Zum Überstehen der Krise seien insbesondere stabile Familienverhältnisse wichtig: „Familie ist und bleibt eine der wichtigsten Ressourcen, um gut durch die Pandemie zu kommen.“

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Kürzlich äußerte sich dazu etwa Christine M. Freitag, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Frankfurter Goethe-Universität sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Januar. Darin widersprach sie Gesundheitsminister Karl Lauterbach, laut dem die Zunahme psychischer Störungen bei Kindern nicht ein Ergebnis des Lockdowns sei, sondern der Pandemie an sich. Christine Freitag: „Selbstverständlich haben einige Kinder und Jugendliche auch Angst vor einer Erkrankung, aber wesentlich erscheint doch der Lockdown. Die internationale Studienlage ist eindeutig: Angst- und Essstörungen sowie Depressionen haben in der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen. Zudem hat sich die Zeit, die Kinder und Jugendliche an Computer und Handy ?verbringen, deutlich gesteigert.“

Lockdowns und kindliche Entwicklung

Die Bedeutung der Familie auch für die frühkindliche Entwicklung hat nun im Zusammenhang mit den Auswirkungen von Lockdowns auf Säuglinge und Kleinkinder die in 13 Ländern durchgeführte Doppelstudie „Wie Lockdowns die frühkindliche Erziehung beeinflussen“ unterstrichen. Laut der Georg-August-Universität Göttingen sind die Ergebnisse zweier Studien über die Auswirkungen des ersten Covid-Lockdowns bei 2.200 Säuglingen und Kleinkindern im Alter von acht bis 36 Monaten veröffentlicht worden. Eine Studie zur Sprachentwicklung hat die Universität Oslo mit Beteiligung der Universität Göttingen durchgeführt. Eine zweite, von der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen und der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Kunst in der Schweiz durchgeführte Studie untersuchte die Bildschirmzeit.


Vorlesen erhöht kindlichen Wortschatz signifikant

Anfang März 2020, also zu Beginn des ersten Lockdowns, erhielten Eltern in 13 Ländern einen Online-Fragebogen. Darin wurden Fragen zum Alter des Kindes, zum Kontakt mit verschiedenen Sprachen, zur Anzahl der Geschwister und zur Entwicklung des Wortschatzes des Kindes gestellt. Am Ende des Lockdowns befragten die Forschungsteams die Eltern zu den Aktivitäten, die sie mit ihrem Kind in der Zeit unternommen hatten, sowie zu der Zeit, in der ihr Kind Zugang zu Bildschirmen hatte. Gefragt wurde auch, wie viel Zeit sie selbst am Bildschirm verbracht hatten. Die Eltern sollten darüber hinaus einen standardisierten Wortschatzfragebogen ausfüllen, in dem die Anzahl der Wörter angegeben wurde, die ihr Kind zu Beginn und am Ende des Lockdowns verstand und/oder sagte. So konnte das Team berechnen, wie die Anzahl der Wörter während des Lockdowns zugenommen hatte.

Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse könnte lauten: Kinder, denen häufiger vorgelesen wurde, lernten mehr Wörter als Gleichaltrige, denen weniger häufig vorgelesen wurde. Kinder, die vermehrt mit Bildschirmen in Berührung kamen, lernten weniger Wörter als ihre Altersgenossen mit weniger Bildschirmzeit. Außerdem weist die Studie daraufhin, erstens dass Kinder während des Lockdowns mehr Zeit vor dem Bildschirm verbrachten als zuvor. Zweitens: Je länger der Lockdown dauerte, desto länger war die gewährte Bildschirmzeit. Die Bildschirmzeit war länger sowohl in Familien mit geringerer Schulbildung als auch in Familien, in denen die Eltern selbst den Bildschirm länger nutzten.

Die Bedeutung der Familie

Die Autoren der Studie ziehen jedoch insgesamt eine positive Bilanz, weil „die Kinder während des Lockdowns insgesamt mehr Wörter lernten als erwartet“. Natalia Kartushina, Professorin an der Universität Oslo: „Dies deutet zwar darauf hin, dass die relativ kurze Isolation keine nachteiligen Auswirkungen auf die Sprache von Kleinkindern hatte, aber angesichts der außergewöhnlichen Umstände, denen die Kinder und ihre Eltern während dieser Zeit ausgesetzt waren, sollten wir vorsichtig sein mit der Annahme, dass dies auch für normale Zeiten oder für längere Schließungen gilt.“

Die erhöhte Bildschirmzeit sei auf die Corona-Maßnahmen zurückzuführen, weil in vielen Ländern Kindertagesstätten, Sporteinrichtungen und Spielgruppen für Kinder geschlossen wurden. Da sich Eltern in der ungewohnten Situation befanden, ihre Kleinkinder den ganzen Tag über zu Hause zu betreuen und zu unterhalten, sei – so Nivedita Mani von der Universität Göttingen – nachvollziehbar, dass auch kleine Kinder, die keine Online-Schulpflicht oder Anwesenheitspflicht hatten, während des Lockdowns mehr Zeit am Bildschirm verbrachten. So unterschiedlich die Ergebnisse der Studien zu Kindern und Jugendlichen beziehungsweise zu Säuglingen und Kleinkindern ausfallen: Sie unterstreichen die Bedeutung der Familie für die Entwicklung und das Wohlbefinden.

 

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