Spiritualität

Hauskirche im Stil der frühen Christenheit

Die Kirche im eigenen Haus ergänzt die Kirche in der Stadtmitte. Ein Erfahrungsbericht zur Einrichtung einer Hauskirche im Stil der frühen Christenheit.
Kirche lebt vom Engagement aller Gläubigen.
Foto: Theresia Theuke

 In Zeiten ungeheizter und leerer werdender Kirchen stellt sich die Frage, wie Christsein auch neben institutionellen Einrichtungen lebendig gelebt werden kann, dringender als zuvor. Eine Möglichkeit ist das uralte Konzept der „Hauskirche“, das meiner Familie in Limburg an der Lahn seit einigen Jahren eine Heimat gibt. Die Idee unserer eigenen Hauskirche wurde in den USA geboren, lange bevor wir ein Haus hatten, geschweige denn einen Raum, in dem wir so etwas hätten realisieren können. Was wir jedoch besaßen, als wir im Sommer 2018 aus den USA nach Deutschland zurückkehrten, war der brennende Wunsch nach christlicher Gemeinschaft. Auf keinen Fall wollten wir wieder Sonntag für Sonntag frustriert von der Heiligen Messe nach Hause gehen, weil wir in unserer Ortsgemeinde mit acht Kirchorten keine geistliche Heimat fanden. 

Konzept aus den USA importiert

In den USA hatten wir Kirche ganz anders erlebt. Dort gehören Glaube und Engagement in der Gemeinde untrennbar zusammen. Es gab niemanden, der einfach nur sonntags in den Gottesdienst kam. Glaube wurde dort lebendig und aktiv gefeiert, vertieft und gelebt. Ehrlich gesagt hatten wir etwas Angst vor der Rückkehr in die deutsche katholische Kirche.
In das Projekt „Hauskirche“ stolperten wir folglich aufgrund unseres Wunsches und – da sind wir uns sicher – weil Gott es so wollte. Noch vor unserer Rückkehr nach Deutschland hatten wir das Glück, aus der Ferne ein großes Haus in Limburg zu kaufen. Uns war aufgrund vieler glücklicher Fügungen sofort klar, dass dieses Haus nicht nur für unsere Familie bestimmt war. Gott hatte uns erhört und geholfen – und nahm uns sofort in die Verantwortung. 


Schon wenige Monate später, als wir das heruntergekommene Haus halbwegs renoviert hatten, luden wir ein erstes Mal zu uns ins Wohnzimmer ein. Da wir noch nicht viele Menschen vor Ort kannten, reisten die ersten Teilnehmer aus einem Umkreis von bis zu 150 Kilometern an. Was wir taten, war vollkommen unspektakulär und gerade deshalb so wunderbar. Wir setzten uns mit ungefähr 15 Erwachsenen in einen großen Kreis, 15 Kinder hockten in der Mitte auf dem Boden und wir tauschten uns aus über die Bedeutung des Adventskranzes und über das Warten auf das Kommen Jesu Christi – das Warten der Menschheit, der Kirche und unser eigenes, persönliches Warten. Ein befreundeter Priester leitete die Andacht und die Katechese-Einheit. Anschließend saßen wir bei Glühwein und  Suppe bis tief in die Nacht zusammen und sprachen über Gott und die Welt. 
Das war der Beginn unserer Limburger Hauskirche. Inzwischen hat sich manches geändert, aber im Kern geht es immer noch um dasselbe: Wir möchten in Gemeinschaft Jesus Christus in unsere Mitte stellen. Schon nach kurzer Zeit feierten wir unsere erste Heilige Messe im Wohnzimmer.

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Wenige Monate später drängten wir uns mit 60 Leuten um einen selbstgezimmerten Altar, der später am Abend als Stehtisch diente. Manchmal wollte nach der Messe jemand beichten, ein anderes Mal hörten wir einen spannenden Vortrag oder sahen uns gemeinsam einen christlichen Film an. 
Als die Corona-Maßnahmen das Glaubensleben vor Ort erschwerten, trafen wir uns noch häufiger. Zur Messfeier, zum Gebet und zum Austausch. 
Während Corona beklemmende Ruhe in die deutschen Innenstädte, Schulen, Kindergärten und Kirchen brachte, wurde es bei uns immer lauter. Mit einigen Kindern und Jugendlichen begannen wir unseren Dachboden zu entkernen und ihn in eine Hauskapelle umzugestalten.

Beinahe täglich werkelten wir nach Feierabend bis in die späten Abendstunden, verschraubten Balken, legten Stromkabel und Heizungsrohre, träumten von dem Ergebnis. Pünktlich zum Osterfest 2021 konnten wir unsere erste Heilige Messe in der Hauskapelle feiern – unser Osterjubel war selten so groß. Unsere vierjährige Erfahrung mit dem Thema „Hauskirche“ ist natürlich noch bescheiden, aber ich möchte sie dennoch hier teilen. Unser Beispiel soll Sie ermutigen, eine kleine Hausgemeinde zu gründen. Als zusätzliches spirituelles Angebot für Sie selbst, für Ihre Kinder und die vielen suchenden Menschen in Ihrem Umfeld.

Kein Ersatz für das Engagement in der Pfarrei

Von Anfang an war uns klar, dass unsere Hauskirche kein Ersatz für unser Engagement in der Gemeinde sein würde. Wir brauchen beides: Die Kirche in der Stadtmitte und die Kirche im eigenen Haus. Als missionarische Christen müssen wir den Kontakt zur Ortsgemeinde suchen und auch dort von unserem Glauben Zeugnis geben. Wir dürfen uns nicht im eigenen Haus verkriechen, weil uns die ein oder andere Predigt oder die Einstellung des Kaplans, Pfarrers oder Bischofs nicht passt. Unsere Kinder sind Messdiener, singen in den Kirchenchören und auch wir Erwachsene übernehmen Aufgaben für das liturgische Leben in der Gemeinde. Dennoch kann das nicht alles sein. 


Egal ob groß oder klein: Christen sind dazu bestimmt, in Gemeinschaft ihren persönlichen Lebensweg zu gehen und zusammen Kirche zu gestalten. In der Dienstleistungskirche unserer Tage wird das Engagement des Einzelnen leider oft erstickt. Es entstehen Konkurrenzsituationen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Menschen fühlen sich ausgeschlossen, obwohl der Pfarrer von Gemeinschaft predigt. Die Missstände in der deutschen katholischen Kirche sind gigantisch und ich blicke dabei nicht auf die Megathemen. Uns geht es um das Christsein im Kleinen, um ein Lächeln, eine Begegnung, eine geteilte Tasse Kaffee und natürlich um gemeinsames Gebet und die geteilte Liebe zu Jesus Christus.

Christus zu den Menschen bringen

Die Hauskirche ist ein Ort, an dem Menschen ganz persönlich Nächsten- und Christusliebe erfahren können. Auch Jesus ist den Menschen in ihren Häusern begegnet, er hat sich von ihnen zum Essen einladen lassen, hat mit ihnen getanzt, gelacht und ihnen quasi nebenbei erklärt, worauf es wirklich ankommt: Seine Nähe zu suchen. 

Mein Großonkel, der Pfarrer und Theologe Peter-Josef Quirmbach (1926-2013), pflegte zu sagen: „Reißt eure Buden auf!“ und er lebte es auch aktiv vor. In seinem Pfarrhaus war immer etwas los, wer hierher kam, traf nicht nur den Pfarrer, sondern auch Christus. Gerade deshalb kamen seine Besucher immer wieder gerne zurück. Wir versuchen dieses Prinzip mit unseren Möglichkeiten auch zu leben. Uns hilft dabei die Einstellung, dass letztlich alles Gott gehört: unser Leben, unsere Fähigkeiten und Gaben, unser Haus. Auch unsere Kinder lernen dies durch die Hauskirche nebenbei. Sie packen mit an, putzen das Haus, die Kapelle und kochen für die Gäste. Sie teilen ihre Spielsachen und übernehmen Dienste während der Heiligen Messe. Für sie und uns ist die Hauskirche keine Last (obwohl natürlich viel Arbeit damit verbunden ist), sondern jedes Mal ein Fest, eine Party, wie die Kinder sagen. 

Mit einem Haus kann man wunderbare Dinge tun. Man kann der Familie und allen, die ein offenes Herz haben, Heimat und Hoffnung geben. Hoffnung darauf, dass Christus sein Versprechen halten wird: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Warten Sie nicht darauf, dass Sie eingeladen werden. Fangen Sie einfach an und lassen Sie sich nicht von vermeindlichen Hindernissen abhalten, Ihre Wohnung, Ihr Haus, Ihren Garten für die Begegnung von Menschen mit Gott zu öffnen. Wenn Sie nach Gemeinschaft suchen, dann handeln Sie nach dem Motto: „Wer suchet, der gründet.“ Sobald Sie Ihr Herz und Ihre Bude einmal geöffnet haben, kommt Christus vorbei, tritt ein und segnet. 

Zur Autorin: Theresia Theuke ist fünffache Mutter und Autorin des Büchleins „Die Kirche lebt“.

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