Sexualität

Gemeinsam frei werden

Pornografie kann auch zwischen Eheleuten stehen. Doch Befreiung ist möglich.
Illustration - Pornografie
Foto: Silas Stein (dpa) | Der Konsum von Pornografie kann zur Sucht werden.

Wir, Matthias und Regina, sind 59 Jahre alt. Wir sind seit 33 Jahren verheiratet, haben vier erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Das Leben mit der Pornografie und aus der Pornografie haben wir unterschiedlich erlebt, den Weg ohne Pornografie gehen wir gemeinsam.

Matthias: Im Teenageralter kam ich über Klassenkameraden und Freunde in Kontakt mit Pornografie. Die Pornobilder zogen mich in ihren Bann. Ich träumte davon, echten Sex mit einer Frau zu haben. Pornografische Bilder faszinierten mich und ich befriedigte mich heimlich. Es wurde zunehmend zur Sucht. Gleichzeitig war ich in einer christlichen Gemeinde und in einer Jugendgruppe aktiv. Mir war klar, dass Pornografie und Selbstbefriedigung zwischen mir und Gott standen. Ich habe mich geschämt und habe mich auch nicht getraut mit jemandem aus der Gemeinde darüber zu sprechen. Ich lernte meine Frau kennen und hoffte, dass sich „mein Problem“ nach der Hochzeit auflösen werde.

Regina: Als wir uns kennenlernten, wusste ich nichts von seiner Gefangenheit in Pornografie. Wir haben nie darüber geredet. Ich bemerkte allerdings, dass Sexualität für Matthias eine sehr große Rolle spielte. Ich hatte stets das Gefühl, dass für ihn sexuelles Zusammensein viel bedeutsamer als für mich war, und es gab viele Diskussionen darüber. Ich habe mich damals ausgeliefert und falsch gefühlt, so als sei etwas mit mir nicht in Ordnung. Da ich als Kind Missbrauch erfahren habe, schob ich mein ungutes Gefühl auf das damalige Erlebnis. Das Gefühl missbraucht und benutzt zu werden wollte ich nie wieder erleben und auch ich hoffte, dass nach der Hochzeit alles gut sein würde. Wir heirateten 1989 und erlebten danach eine gute gemeinsame Anfangszeit.

Von Pornografie geprägte Sexualität

Matthias: Nach der Geburt unserer Tochter 1991 veränderte sich unser Zusammenleben massiv. Mein Bild von Sexualität war nach wie vor durch die Pornografie geprägt. Nach und nach holte mich die Selbstbefriedigung und der Pornokonsum ein. Am Anfang sah ich mir Bilder und Zeitschriften an, später kam das Internet dazu und mit dem Internet auch eine ständige und einfachere Möglichkeit Pornografie zu konsumieren. Unsere Beziehung in der Ehe war nur noch Alltag und blieb auf der Strecke.

Lesen Sie auch:

Regina: Ich habe Matthias zwar nie nachspioniert, hatte aber zunehmend den Eindruck, dass etwas in unserer Beziehung nicht stimmt. Nach außen hin war alles bilderbuchmäßig, doch in unserem Zusammensein hatte ich immer wieder das Gefühl etwas „leisten“ zu müssen. Ohne Worte fühlte ich mich verglichen und ausgenutzt. Auf unserem Rechner tauchte merkwürdige Werbung auf, und daraufhin konfrontierte ich Matthias mit meiner Entdeckung. Es kam deswegen immer wieder zu heftigem Streit. Wie tief die Verstrickung war, ahnte ich nicht, wir redeten nicht ehrlich darüber, sondern jeder blieb allein.

Mit Gott für ein Leben ohne Pornografie

Matthias: Nachdem Regina mich auf die Pornografie angesprochen hatte, schämte ich mich sehr. Ich versuchte alles, um davon loszukommen, aber ich schaffte es nicht. Ich ging in Seelsorge, ließ für mich beten, strengte mich an. Ich war verzweifelt, unsere Streitszenen spitzten sich zu und ich sah unsere Ehe schon auseinanderbrechen.

Die Wende kam während eines Gottesdienstes, als die Männerarbeit von Free!ndeed vorgestellt wurde. Eine Freiheitsgruppe sollte in unserer Stadt gegründet werden und Männer, die von Pornografie frei werden wollten, wurden zur Teilnahme eingeladen. Für mich war klar, dass ich dabei sein wollte, und ich meldete mich beim Gruppenleiter an. Verlieren konnte ich nichts mehr. Durch den Kurs „Generation David“ passierte etwas in meinem Herzen. Mit anderen Männern zusammen redete ich offen über den Pornokonsum, wir gaben uns gegenseitig Rechenschaft, beteten füreinander und tauschten uns über die Einheiten und Bibeltexte des Kurses aus. Bei mir veränderte sich alles in der Beziehung zu Gott. Es war für mich der Schlüssel, dass Gott mir seine Gnade und Liebe schenkt und dass er mich nicht verdammt. Die Herausforderungen sind immer noch da, aber ich kann jetzt mit den Herausforderungen zu Gott gehen und ich kann mich durch das „Ja“ zu Gott frei für ein Leben ohne Pornografie entscheiden.

Regina: Matthias ging regelmäßig zur Freiheitsgruppe. Er veränderte sich spürbar. Wo ich früher das Gefühl hatte, dass er mich und die Kinder im Zweifelsfall im Stich lässt, kann ich ihm jetzt vertrauen. Auch in unserem Zusammensein haben sich andere Schwerpunkte ergeben. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich als Person gemeint bin und dass wir unsere Sexualität gemeinsam leben können und dass wir als langjähriges Ehepaar echte Einheit auf allen Ebenen entdecken. Diese Geschichte in die Freiheit hat sich erst in den vergangenen zwei Jahren abgespielt. Wir sind gemeinsam auf dem Weg und wir sind Gott unendlich dankbar, dass er treu ist und uns nicht aufgegeben hat. Für uns ist es wichtig, dass wir regelmäßig Zeit als „Freunde“ miteinander verbringen, und dass wir regelmäßig gemeinsam vor Gott sind.

Der christliche Verein Free!nDeed hilft Menschen, sich aus einer Pornografie-Abhängigkeit zu befreien.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
In einer Gesellschaft, in der vorgeblich alles möglich sei, wird das natürlich Gegebene zum exotischen Außenseiter gestempelt.
31.07.2021, 13  Uhr
Alexander von Schönburg
Themen & Autoren
Regina Eser Matthias Eser Generation David Gott Sucht

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou