ERZIEHUNG

Gefühls-Misch-Masch 

Die Gefühle des Kindes zu benennen ist wichtig, damit Kinder ihre Emotionen selbst einordnen können. Wie Eltern ihren Kindern einen gesunden Ausgleich im Umgang mit Gefühlen vermitteln können. Teil 2 von 2.
Kinder brauchen in der Erziehung offene Ohren für die Bewältigung ihrer Gefühle.
Foto: (37873351) | Kinder brauchen in der Erziehung offene Ohren für die Bewältigung ihrer Gefühle.

 Sobald das Kind seine Gefühle empfinden kann, braucht es die richtigen Worte, um sie verbal ausdrücken zu können. Kinder können noch nicht sagen, was sie fühlen, weil ihnen die Sprache dafür fehlt. Da sie jedoch so sprechen, wie diejenigen, an die sie gebunden sind, und auch nur von denen lernen können, an die sie gebunden sind, ist es entscheidend, dass sie in richtiger Weise geborgen an uns als ihre Eltern gebunden sind. 


Lesen wir aufmerksam in unserem Kind und versuchen wir, eine Erfahrung, die es gerade macht, so gut wie möglich zu erkennen und sie so treffend wie möglich zu benennen. „Das hat nicht funktioniert; ich sehe, du bist traurig, wütend, frustriert, verärgert“, oder „Ich sehe, wie gespannt du bist auf…, wie neugierig, aufgeregt, voller Vorfreude“. Je größer der Wortschatz des Kindes ist und je genauer die Benennung dessen, was es fühlt, zu seinem Erleben passt, desto besser wird es seine Gefühle mit der Zeit ausdrücken können. 

Den Gefühlen von Kindern Aufmerksamkeit schenken

Dieses richtige Benennen ebnet den Weg zum Erkennen und zum Bewusstsein. Wir brauchen Worte, um uns über etwas bewusst werden zu können, und um eine Beziehung zu den eigenen Gefühlen aufzubauen. Worte ermöglichen einen symbolischen Ausdruck und stillen das Bedürfnis, Emotionen auszudrücken. So bereiten wir den Weg dafür, dass ein Kind mit der Zeit seine Emotionen mitteilen kann, anstatt sie auszuleben. In dem Maß, in dem ein Kind seine Gefühle mit Worten ausdrücken kann, kann es gesehen und verstanden werden. Das ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Dann verfügt es über eine Alternative zu seinen Fäusten und benötigt nicht mehr ständig alle Fasern seines Stimmorgans. Machen wir unserem Kind dieses große Geschenk und lehren wir es die Sprache des Herzens!

Je mehr sichere Möglichkeiten dem Kind darüber hinaus zur Verfügung stehen, um seine Gefühle auszudrücken, desto besser. Schaffen wir genügend Spiel-Raum im oft vollen Terminkalender unserer Kinder, und schützen wir ihn. Jugendliche Mädchen haben häufig Freude an Tagebüchern, Poesiealben oder schönen Notizblocks, in die sie ihre Lieblingsgedanken oder -gedichte schreiben. Wenn ein Kind gerne malt oder künstlerisch aktiv ist, unterstützen Sie es darin. Auch Theaterspiel oder Musizieren– sei es das Klavierspiel, Schlagzeug oder was auch immer – bieten vielen Jugendlichen eine wunderbare Möglichkeit, um ihre Gefühle auszudrücken. 

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Kinder können widerstreitende Emotionen nicht verarbeiten

Es dauert mindestens fünf bis sieben Jahre, bis der präfrontale Kortex, das Verbindungsstück zwischen den beiden Gehirnhälften, durchblutet und aktiviert wird. Bis dahin ist ein Kind nur in der Lage, ein Gefühl zu einer Zeit zu fühlen. Es kennt kein einerseits, andererseits und es kann daher das Konzept von Konsequenz nicht verstehen. Seien wir also realistisch und rechnen wir nicht damit, dass ein Kind in diesem Alter ausgeglichene Gefühle haben oder sich beherrschen könnte. Denn dazu müsste es widerstreitende Gefühle haben und sie mischen können.

Es dauert weitere Jahre, bis diese Fähigkeit zuverlässig herangebildet werden kann. Selbst uns Erwachsenen fällt Selbstbeherrschung schwer, wenn intensive Gefühle hochkochen, vor allem, wenn wir erschöpft sind und unsere integrativen Fähigkeiten nachlassen. Sobald der präfrontale Kortex aktiviert ist, kann ein Kind widerstreitende Gefühle erleben, kann es erbost sein über das „Nein“ der Mutter, aber gleichzeitig seine Liebe zu ihr fühlen. Letzteres wird das Kind davon abhalten, auf sie loszugehen. Es kann jetzt – sofern sein Herz weich ist – Konflikte erleben, und Selbstbeherrschung kann ansatzweise möglich werden. Ist diese Fähigkeit einmal vorhanden, bedarf sie der Übung, denn sie bildet sich ähnlich heran wie ein Muskel.

„Anstatt unser Kind für unsere Gefühle verantwortlich zu machen („Du machst mich wütend“, „Ich bin enttäuscht“), wenn es gerade mit seinen eigenen Gefühlen überfordert ist, braucht unser Kind, dass wir die Verantwortung für unsere und für seine Gefühle übernehmen.“

Am besten helfen wir dem Kind dabei, seine Gefühle zu mischen, indem wir das, was es gerade nicht sieht, hinzufügen. Wir neigen gerne dazu, genau das Gegenteil zu tun und unerwünschte Gefühle wegzuschneiden, wenn wir etwa sagen: „Reiß dich zusammen, sei still!“ und Ähnliches. Wenn ein Junge wütend auf seine kleine Schwester ist, weil sie ein Spielzeug kaputt gemacht hat: Lassen wir nicht zu, dass das Verhalten unseres Kindes die Beziehung zu ihm gefährdet. Kommen wir erst auf seine Seite – die Wut ist ja verständlich –, verstehen wir seine Wut auf die Schwester und auch den Frust über das kaputte Auto, und erinnern wir es dann daran, wie lieb es die Schwester eigentlich hat und erwähnen, dass sie das nicht extra gemacht hat. Danach erst erklären wir ihm – möglichst in aller Kürze –, dass beispielsweise Hauen jedoch nicht die richtige Weise ist, diese Wut auszudrücken. Laden wir es ein, zu uns zu kommen, wann immer etwas nicht funktioniert, damit wir ihm helfen können.

Einen Konflikt erst abebben lassen, bevor man ihn bespricht

Versuchen wir, sofern irgend möglich, nicht während eines Vorfalls einzugreifen. Haben wir beispielsweise einen Konflikt mit unserem Kind und das Gefühl, dass es alle unsere „Knöpfe drückt“, übersehen wir leicht, dass gerade auch all seine „Knöpfe gedrückt“ sind. Finden wir dann einen Ausweg, um den Vorfall in Ruhe zu besprechen, wenn sich die Wogen geglättet haben und die Bindung gut ist. Anstatt unüberlegte Dinge zu sagen, die wir später bereuen, gewinnen wir auf diese Weise Zeit. Wir können uns beruhigen und überlegen, wie wir dem Kind am besten helfen können und was wir daraus lernen können. Anstatt unser Kind für unsere Gefühle verantwortlich zu machen („Du machst mich wütend“, „Ich bin enttäuscht“), wenn es gerade mit seinen eigenen Gefühlen überfordert ist, braucht unser Kind, dass wir die Verantwortung für unsere und für seine Gefühle übernehmen.

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 Die emotionale Gesundheit unseres Kindes ist eine Reflexion unserer Beziehung zu seinen Gefühlen. Nehmen wir also eine Beziehung zu den Gefühlen unseres Kindes und zu unseren eigenen auf. Damit legen wir die Grundlage für die Beziehung, die unser Kind einmal zu seinen Gefühlen entwickeln wird. Diese Beziehung ist wichtig, denn sie hat große Auswirkungen auf die Qualität der Beziehungen, die unser Kind später zu sich und zu anderen aufbauen kann, also auf seine Beziehungsfähigkeit. 

Eine gute Beziehung zu den Gefühlen unserer Kinder können wir aufbauen, wenn wir zunächst die Existenz all ihrer Emotionen akzeptieren und einladen. Wir müssen sie nicht mögen oder gutheißen; es kommt darauf an, anzuerkennen, dass ein Kind gerade diese oder jede Emotion hat oder von ihr überwältigt wird. Ein Kind weiß in diesem Moment nicht, wie ihm geschieht.
Bleiben wir auf der Seite des Kindes, und denken wir beim „Emotionstraining“ an das Toilettentraining: Mit Emotionen verhält es sich ähnlich wie mit Verdautem: Beides muss „raus“. Um die Fähigkeit über das Wann, Wo und Wie heranbilden zu können, braucht das Kind unsere Hilfe und Unterstützung. Und es braucht Zeit.

Emotionstraining braucht Zeit

Lesen wir die Gefühle des Kindes und sprechen wir die zugrunde liegende Emotion an. Vermitteln wir ihnen, dass es normal ist, dass sie gerade so oder so fühlen („Ich sehe, du bist wütend, traurig, enttäuscht...“). Sehen wir davon ab, sein Verhalten direkt anzusprechen, zu bewerten oder zu beurteilen („Du hast getreten, gelogen, ausgelacht, gehauen“). Gehen wir auch nicht über die Ebene der Beziehung („Sei nicht so gemein zu deinem Bruder“) und fragen wir nicht wie ein Detektiv nach dem Warum, denn ein Kind weiß das nicht.

Es war vielleicht frustriert, und schon folgte es seinem Impuls, zu hauen. Versuchen wir nicht, Gefühle wegzudiskutieren, und behandeln wir sie nicht immer als ein Problem. Laden wir alle Gefühle ein und schaffen wir Raum, damit die Kinder sie ausdrücken können. Sobald das Kind gemischte Gefühle hat und von einem intensiven Gefühl beherrscht wird, können wir das gegenteilige Gefühl hinzufügen, welches das Verhalten temperieren kann. Diese Mühe und diese Geduld lohnen sich, denn sie ermöglichen die Heranbildung der Fähigkeit, sich auf eine verantwortliche Weise mitzuteilen, eine solide Beziehungsfähigkeit heranzubilden – und reif zu werden.


Im ersten Teil dieser zweiteiligen Artikelserie (DT vom 25. August 2022) erklärte die zertifizierte Neufeld-Kursleiterin Maria Elisabeth Schmidt aus Sicht der Bindungswissenschaft die Bedeutung von Gefühlen für die kindliche Reifeentwicklung. Nach Professor Gordon Neufeld muss ein Kind fünf Schritte durchlaufen, um emotional gesund und reif werden zu können: Emotionen wollen ausgedrückt und gefühlt werden. Sie müssen dann benannt, gemischt und schließlich reflektiert werden können.

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