Missbrauch

Fortschritte beim Kinderschutz

Nationaler Rat plant weitere Schritte für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung.
Das Bundesfamilienministerium arbeitet an Strategien für mehr Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und Gewalt.
Foto: IMAGO/moodboard (www.imago-images.de) | Das Bundesfamilienministerium arbeitet an Strategien für mehr Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und Gewalt.

 Mit einer bundesweiten Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne will das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Kerstin Claus, im Herbst die Handlungskompetenz der gesamten Bevölkerung im Umgang mit sexuellem Missbrauch fördern. Fakten zu Häufigkeit und Anzeichen sexueller Gewalt sowie zu Täterstrategien sollen Unsicherheiten verringern und Empathie und Verantwortungsgefühl gegenüber Betroffenen verstärken. 
„Niemand muss Experte sein, aber wir alle müssen lernen, hinzusehen, wahrzunehmen, Sprechräume zu öffnen, damit dann gehandelt werden kann“, sagte Claus auf ihrer Antritts-Pressekonferenz im Mai, wo sie die Kampagne bereits als Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ankündigte. Sexueller Missbrauch sei eine „reale Bedrohung für unsere Kinder“ und spiele „mit großer Wahrscheinlichkeit in der individuellen Umgebung eines jeden uns eine Rolle“.  


Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hielten es fast 90 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass sexuelle Gewalt im nahen Umfeld stattfindet, was laut den Erkenntnissen aus polizeilicher Kriminalstatistik und Dunkelfeldforschungen zutreffend ist. Im Widerspruch dazu steht, dass es 85 Prozent der Befragten für unwahrscheinlich oder ausgeschlossen hielten, dass dies in ihrer eigenen Familie passiere oder passieren könne. Ein wichtiger Partner der Kampagne ist der Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Seit seiner Konstituierung am 2. Dezember 2019 arbeitet der Nationale Rat zu den Schwerpunktthemen Schutz, Hilfen, kindgerechte Justiz, Schutz vor Ausbeutung und internationale Kooperation sowie Forschung und Wissenschaft. Dem Nationalen Rat gehören Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Fachpraxis an, sowie Mitglieder des Betroffenenrates beim UBSKM. Zentrales Ziel des Nationalen Rates ist eine deutliche Senkung der Fallzahlen durch Verbesserungen bei Prävention, Intervention und Hilfen, sowie eine verstärkte Forschung zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

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Interdisziplinärer Ansatz beim Nationalen Rat


Die „Gemeinsame Verständigung“ im Juni 2021 benannte erste Ziele und konkrete Umsetzungsschritte. Auf dieser Basis erstellte der Nationale Rat für die aktuelle Legislaturperiode eine Agenda, die weitere Schritte für einen verbesserten Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung für die nächsten zwei Jahre festlegt. Bei der Vorstellung der Agenda äußerte Kerstin Claus, im Nationalen Rat könnten die Beteiligten „voneinander lernen, welche Konzepte für Schutz und Hilfe in Institutionen, in Netzwerken und vor Ort funktionieren“. Durch die vielseitige Behandlung des Themas sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen würden Räume für Tätereingeschränkt. Zentrales Ziel der Agenda ist, den Kinderschutz in die grundständige Ausbildung sozialer und pädagogischer Berufe aufzunehmen. Zudem soll das Monitoring zu Schutzkonzepten in Schulen fortgesetzt werden.


Im Bereich Forschung und Wissenschaft ist die Errichtung eines neuen Zentrums für Prävalenzforschung zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen geplant. Aufgabe des interdisziplinär ausgerichteten Zentrums ist die Entwicklung einer Strategie für wiederkehrende Dunkelfelderhebungen sowie der Austausch mit weiteren Partnern in der Forschung. Leitlinien für eine aussagekräftige, kindgerechte und betroffenensensible Häufigkeitsforschung sollen neue Standards etablieren. Auch eine kindgerechte Justiz ist Teil der Agenda. Für familiengerichtliche Verfahren wird ein Praxisleitfaden zur Anwendung kindgerechter Kriterien fertiggestellt und verbreitet, für das Strafverfahren geht es bereits um die Anwendung in der Praxis sowie um eine Evaluierung. Auch die konkrete Ausgestaltung der Glaubwürdigkeitsbegutachtung soll diskutiert werden.

Hilfe für Betroffene


Des Weiteren setzt sich der Nationale Rat für systemübergreifende, spezifische und bedarfsgerechte Hilfe für Betroffene von sexueller und sexualisierter Gewalt ein. Dafür wird eine Orientierungshilfe für Fachkräfte im Umgang mit Übergriffen unter Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Zudem nimmt der Nationale Rat die psychotherapeutische Versorgung und die Umsetzung des neuen sozialen Entschädigungsrechts (SGB XIV) in den Blick. Digitale sexuelle Gewalt stellt aus Sicht des Nationalen Rates eine „wachsende Herausforderung für alle Themenfelder“ dar. Daher sollen Leitlinien zu digitalen Schutzkonzepten erarbeitet werden. Zudem wird die Unterbringung minderjähriger Betroffener des Menschenhandels untersucht.

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Cornelia Huber Forsa-Institut Kindesmissbrauch Sexueller Missbrauch

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