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Die Krippenlüge

Personalwechsel, lange Betreuungszeiten, beschönigte Rückmeldungen: Was Pädagoginnen in der Praxis erleben – und warum Eltern oft nur Konzepte hören.
Kind auf Spielplatz
Foto: Imago/Cavan Images | Die Autorinnen von „Die Krippenlüge“ warnen davor, dass häufige Wechsel der Bezugspersonen stabile Bindungen erschweren und Kleinstkinder belasten können – und ermutigen Eltern, die Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

Der Titel des Werks „Die Krippenlüge“ ist eine Provokation. Der Vorwurf der Autorinnen Anke Ballmann und Claudia Stolz richtet sich gegen die Verlogenheit eines Systems, das Erzieherinnen dazu zwingt, die Zustände in Krippen zu beschönigen und Kleinstkinder um jene Geborgenheit betrügt, die sie bräuchten, um gesunde Bindungen aufzubauen.

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Die Autorinnen riskieren, allein wegen des Titels, als Krippengegner gecancelt oder schlicht ignoriert zu werden. Dabei liegt den Autorinnen nichts ferner, als Krippen abzulehnen. Nicht irgendeine Ideologie bewegt sie, sondern die Sorge um die Kinder. Aus langjähriger pädagogischer Erfahrung kennen sie die Nöte der Erzieher wie der Eltern hinter der Fassade eines Betreuungssystems, das von der Politik als „frühkindliche Förderung“ verkauft wird.

Leitbild der Autorinnen ist eine beziehungsorientierte Pädagogik, die zu 100 Prozent gewaltfrei bleibt. Aus dieser Sicht kritisierten sie 2019 in ihrem Werk „Seelenprügel“, wie häufig die Praxis in Tageseinrichtungen hinter den Maßstäben gewaltfreier Erziehung zurückbleibt.

Viel zu oft beschimpft und erniedrigt

An alltäglichen Beispielen zeigten sie, dass Kinder in Tagesstätten viel zu oft beschimpft und erniedrigt werden. Die von ihnen geschilderten Fälle, wie zum Beispiel die Nötigung von Kindern zum Essen, ließen sich nicht beschönigen. So stießen ihre Darstellungen in den Medien wie dem Focus auf positive Resonanz.

Mit der „Krippenlüge“ analysieren die Autorinnen noch tiefergehend seelische Verletzungen, die Kinder unter drei Jahren in Krippen erleiden können. Im Fokus steht nicht individuelles Fehlverhalten von Erzieherinnen, sondern die, schon allein aufgrund der Personalfluktuation, fehlende Bindungssicherheit für Kinder. Die „Lüge“ besteht darin, dass dieses Problem verdrängt wird.

Gegenüber der „Tagespost“ spricht Ballmann von einer „strukturellen Irreführung, die weniger auf bewusste Täuschungsabsicht als auf ein kollektives Wegsehen zurückzuführen“ sei. Denn allzu oft würden Eltern über die tatsächlichen Bedingungen getäuscht, indem sie nur Informationen erhalten, die sich auf Leitbilder, Konzepte und den rechtlichen Rahmen beziehen, nicht auf die Realität in den Einrichtungen.

Beschönigung der Probleme

So werde nicht kommuniziert, wie sich die Länge der Betreuungszeiten auswirke, dass längere (ganztägige) Betreuung zwangsläufig häufigere Wechsel der Bezugspersonen bedeute. Die Erzieher seien gezwungen, dieses Problem zu beschönigen, schon aufgrund der Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber. Auch die Eltern selbst wollten zu oft gar nicht die Wahrheit erfahren.

Denn welche Mutter oder welcher Vater will hören, dass das eigene Kind lange geweint oder keine Freude am Spielen gezeigt hat? Natürlich wollten Eltern lieber hören, dass sich das Kind nach der Trennung schnell wieder beruhigt hat und es ihm gut ging. Um die Eltern zu beruhigen, werde die Lage des Kindes beschönigend oder sogar falsch dargestellt.

Diese Desinformation geschehe in guter Absicht, wie Ballmann betont. Es liegt ihr fern, jemandem einen moralischen Vorwurf zu machen, vielmehr sieht sie ein „strukturelles Kommunikationsproblem“ zwischen Eltern und Erzieherinnen. Nach ihrer Erfahrung stehen auch die Eltern unter starkem Druck, weil sie auf die Betreuung angewiesen sind. Viele würden ihre Kleinstkinder unter zwei Jahren gerne zu Hause betreuen, können sich das aber wirtschaftlich nicht leisten.

Ballmann bemängelt die fehlende Wahlfreiheit: Sie fehlt bei der Entscheidung zwischen Familien- und Fremdbetreuung wie auch bei der Wahl zwischen Krippe und Tagespflege. Die besondere Lage der Tagespflege schildert ihre Co-Autorin Claudija Stolz anschaulich in eigenen Abschnitten, die jeweils die Kapitel ergänzen.

Die Tagespflege liegt den Autorinnen am Herzen. Sie sehen in ihr Potenzial für eine bindungsorientierte Alternative zur Krippenbetreuung. Dafür dürften aber maximal drei Kinder von einer Tagesmutter betreut werden. Derzeit ist es erlaubt und üblich – und aus Sicht der Tageseltern oft finanziell notwendig –, gleichzeitig bis zu fünf Kinder zu betreuen. 

Tagespflegestellen werden aufgegeben

Der zunehmende Kindermangel aufgrund des Geburtenrückgangs führt dazu, dass Tagespflegestellen aus finanziellen Gründen aufgegeben werden. Das ist paradox, denn besonders in dünn besiedelten Gebieten könnte die Tagespflege für den Staat kostengünstiger sein als ein flächendeckendes Netz von Kindertagesstätten. Schon jetzt sind mancherorts die Immobilien und Räumlichkeiten angesichts sinkender Kinderzahlen überdimensioniert. 

Es rächt sich, dass über viele Jahre die Quantität der Krippenplätze im Vordergrund stand. Zurecht wird kritisiert, dass zu wenig auf die Qualität der Betreuung geachtet wurde. Unter „Qualität“ wird allerdings oft einseitig eine vorschulische Bildung der Kinder verstanden. So wurde jüngst in Medien (unter anderem „Welt“, „Cicero“) eine „bedürfnisorientierte“ Pädagogik kritisiert, die Kinder nicht hinreichend auf die Schule vorbereite.

Auf Nachfrage der Tagespost hierzu betonte Ballmann: „Bedürfnisorientierung bedeutet nicht grenzenlose Wunscherfüllung. Sie setzt im Gegenteil voraus, dass Erwachsene entwicklungsangemessene Anforderungen stellen. Entwicklungsdefizite zu ignorieren wäre ebenso falsch, wie sie ohne sichere Beziehung kompensieren zu wollen. Förderung ohne Bindung ist emotionale Vernachlässigung.

Bindung ist die Voraussetzung für alles Weitere. Betreuung ist der organisatorische Rahmen, Bildung der mögliche Entwicklungsschritt. Diese Ebenen sind nicht gleichrangig, sondern hierarchisch aufeinander aufgebaut – insbesondere im U3-Bereich. Ohne ausreichende emotionale Sicherheit findet keine nachhaltige Bildung statt. Diese Abfolge ist entwicklungspsychologisch gut belegt und wissenschaftlich nicht strittig. Die Kontroverse entzündet sich vielmehr an der Konsequenz, mit der diese Erkenntnisse auf den institutionellen Alltag bezogen werden.“

Wie viel Fremdbetreuung?

Ihre Analyse werde in der „Fachcommunity“ von manchen begrüßt, während andere die Zuspitzung kritisierten. Den Autorinnen wird dann vorgeworfen, Krippen abzulehnen und „rechte Narrative“ zu verbreiten. Dagegen verwahrt sich Ballmann vehement: Es gehe nicht um ein „Ob“ der Fremdbetreuung, sondern um das „Wieviel“ und „unter welchen Bedingungen“.

Aber auf diese Diskussion wollen sich die mächtigen Akteure offenbar nicht einlassen: Von „null Reaktionen“ seitens der Politik berichtet Ballmann ernüchtert. Eine starke und meist positive Resonanz erlebt sie bei Eltern und Erzieherinnen: „Empörung erlebe ich vor allem dort, wo Kritik als persönlicher Angriff verstanden wird. Sehr viele Fachkräfte reagieren jedoch mit Zustimmung und Erleichterung, weil ihre Alltagserfahrungen fachlich eingeordnet und ernst genommen werden. Entscheidend ist: Das Buch kritisiert nicht primär die Arbeit der Fachkräfte, sondern die Bedingungen, unter denen diese Arbeit stattfinden muss.“ 

Im Blick auf die Eltern betont Ballmann: „Uns geht es ausdrücklich nicht darum, Schuldgefühle zu erzeugen. Wir plädieren für eine ehrliche Kommunikation mit Eltern, realistische Erwartungen an institutionelle Betreuung und eine klare Priorisierung der frühen Bindungsarbeit. Nicht jede Familie braucht dieselbe Lösung.“

Sinnvoller als ein einheitliches Modell der Krippenbetreuung sei eine Pluralität der Betreuungsformen, zu der, wie erwähnt, auch die Tagespflege gehöre. Sie könne häufig „kleinere Gruppen und stabilere Beziehungen“ bieten, was besonders für sehr junge Kinder vorteilhaft sei. Dafür erforderlich sei aber mehr Aus- und Fortbildung der Tageseltern und eine bessere Vergütung ihrer Betreuungsarbeit. 

Die praxiserfahrenen Autorinnen lassen den Leser die viel zu oft verbreitete Lüge, dass die Betreuung in einer Krippe immer gut für die Kinder ist, als solche durchschauen. Eltern ermutigen sie dazu, auf die Signale ihres Kindes zu achten und im Zweifel ihrem „Bauchgefühl“ zu vertrauen.

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Denn allzu oft erweisen sich die offiziellen Versprechungen von Förderung und Bildung als Blendwerk. Noch erhellender könnte die Lektüre der „Krippenlüge“ für die Entscheidungsträger sein, die mit diesen ungedeckten Versprechen ihre Politik betreiben.


Anke Ballmann und Claudija Stolz: Die Krippen-Lüge, Berlin: Goldegg, 350 Seiten, Softcover, 2025, EUR 22,–

Der Rezensent ist promovierter Politikwissenschaftler.

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