Engelberg (CH)

Der Lebensstil macht den Unterschied

Die Ideologie der "Gink"-Bewegung, zur Rettung des Planeten auf Kinder zu verzichten, greift um sich.
Bio-Schwimmbäder kommen ohne Chlor aus
Foto: dpa | "Green Inclination No Kids" (GINK): Der Ökologie und dem Planeten Erde zuliebe auf Kinder zu verzichten, ist eine neue Ideologie, sagt Dominik Lusser.

Herr Lusser, zur Erinnerung: Worauf basiert die Ideologie der Gink-Bewegung?

Die Idee Kinderlosigkeit als ökologischen Akt zu legitimieren geht zurück auf eine Studie an den Universitäten Lund und British Columbia (Wynes u. Nicholas, 2017). Demnach verursacht ein zusätzliches Kind in den USA pro Jahr mindestens viermal mehr CO2 als ein Kind in China und gar 24 Mal mehr als eines in Nigeria. Als Vergleich: Wer einmal über den Atlantik und wieder zurückfliegt, hat bereits mehr CO2-Ausstoß verursacht als ein afrikanisches Kind während eines ganzen Jahres.

Ist das nicht eine Frage des Lebensstils und weniger der Geburtenzahl?

Genau. „Nicht die Bevölkerungszahl, sondern der Lebensstil macht den Unterschied“, kommentierte darum der deutsche Geobiologe Reinhold Leinfelder bereits 2017 zur schwedisch-kanadischen Studie. Und ganz abgesehen von den Zahlen meinte er, es sei zynisch, Kinder mit Autos zu vergleichen.

Ist es auch eine Frage des Menschenbildes?

Ja. Manche Vertreter des Kinderfrei-Trends rechnen offensichtlich nicht mit der Fähigkeit des Menschen, durch Innovation und technischen Fortschritt ökologische Probleme zu lösen. Sie betrachten, wie der französische Philosoph Fabrice Hadjadj kürzlich im Interview mit dem Magazin „Melchior“ zu bedenken gab, den Mensch nur als einen „räuberischen Schmarotzer, als einen Feind der Natur“. Hadjadj, ein Katholik mit jüdischen Wurzeln und arabischem Namen, ruft hingegen die Grundannahme der klassisch-abendländischen Anthropologie in Erinnerung, wonach der Mensch ein natürliches Wesen ist, „das gleichzeitig über die Natur hinausgeht“. Er sei das einzige Lebewesen, das sich um andere Arten sorgen könne, „sogar ohne Eigeninteresse“.

Woran soll sich solche Fürsorge ökologisch konkret orientieren?

Es hilft laut dem Franzosen wenig, sich dem „Trugbild einer perfekt harmonischen Natur“ hinzugeben. Die wirkliche Natur sei anders: Es gebe Arten, die verschwinden und andere, die kommen; es ereigneten sich auch immer wieder Katastrophen. Die Idee einer reinen Rückkehr zur Natur sei nicht nur eine Täuschung, sondern auch eine komplett individualistische Vision, es sei letztlich der problematische Traum von einer Welt, in der man selber das Zentrum bleibe. Konkret rät der Philosoph, Ökologie weniger als theoretisches System zu denken, als vielmehr von da aus, wo sich die Natur für den Menschen an erster Stelle zeige: „im Familienleben“. Die menschliche Liebe, ob die zwischen den Eltern oder die der Eltern zu den Kindern, sei auf der einen Seite sehr spirituell, „weil es in ihr um Hingabe, Geschenk, Opfer, ums Verhältnis zur Schönheit geht, um alles, was uns erhebt und die Nützlichkeit übersteigt.“ Andererseits sei die menschliche Liebe aber auch zutiefst materiell und natürlich, was sich schon im Akt der Zeugung von Kindern zeige. Und als dessen Folge müsse der Mensch sich um denjenigen kümmern, den er liebt – womit wir „mitten in der Umweltthematik“ angekommen wären.

Was wäre dann ein ökologischer Akt?

Der „erste ökologische Akt“ besteht darin, sich zu erinnern, dass man wie viele andere Tiere gezeugt und geboren ist. Wir sind nicht einfach Körper und Geist, sondern wir haben einen Leib. Mit diesem Leib erfassen wir uns selbst und gleichzeitig ergreifen wir die Welt. Im selben Augenblick, in dem das Fleisch etwas berührt, berührt und spürt es sich selbst. Wenn man den Menschen von seinem Leib aus denkt, sieht man sofort seine Wechselbeziehung zum Rest der Welt. Die Welt zu retten, indem man die Kinder eliminiert, findet Hadjadj daher „problematisch“. Denn das hieße, „ein Paar müsste im Namen der Natur darauf verzichten, was ihm am natürlichsten ist“. Das wahre Problem sei der verschwenderische Lebensstil, nicht die Kinderzahl. Hier muss man ansetzen.

Was hat das mit Familie zu tun?

Gerade das Familienleben hindert dich, sagt auch der achtfache Vater Hadjadj, dich im Konsum zu verlieren. Je individualistischer wir leben, desto größer die Konsumexplosion. Recycling steht in kinderreichen Familien auf der Tagesordnung. Der Lebensstil in der kinderreichen Familie sei stärker ans „oikos“ (griechisch für „Haus“) gebunden, von dem auch der Begriff „Ökologie“ stammt: Man spielt gemeinsam, man lernt teilen und man macht höchst selten einen interkontinentalen Flug. Nicht umsonst sind viele ökologische Projekte gebunden an die Rückkehr zum Lokalen, rund um eine familiäre Wirtschaft. Vieles deutet darauf hin: Wenn der westliche Mensch seine Einstellung zu sich selbst und zur Familie wieder ins Lot bringt, dürfte es auch seiner Umwelt besser gehen. Kein Grund also, in irrationale, familienfeindliche Klimapanik zu verfallen.

Weitere Informationen zur Stiftung "Zukunft CH" finden Sie unter: https://www.zukunft-ch.ch/

 

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