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Der junge Wojtya und die Wahrheit der Liebe

Die großen Texte Johannes Pauls II. über Liebe und Ehe haben ihren Ursprung nicht in abstrakter Theorie. Sie wuchsen aus Seelsorge und genauer Beobachtung des Lebens.
Johannes Paul II.
Foto: Imago/Sammy Minkoff | Johannes Paul II. sah den Menschen als Person, die geliebt und nie benutzt werden darf. Geprägt wurde dieses Denken schon früh durch seine Seelsorge unter jungen Menschen und Familien in Krakau.

Wer an Johannes Paul II. denkt, hat meist sofort den Papst vor Augen: die großen Reisen, die Menschenmengen, die markanten Worte, den leidenden alten Mann am Ende seines Lebens. Doch wer verstehen will, warum gerade dieser Papst so eindringlich über Liebe, Ehe, Leiblichkeit und menschliche Berufung sprechen konnte, muss viel weiter zurückgehen – zu dem jungen Karol Wojtya.

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Noch war er nicht Papst, nicht einmal Bischof. Er war ein junger Priester in Krakau, umgeben von Studenten, jungen Akademikern, Verlobten und frisch verheirateten Paaren. Er saß nicht nur am Schreibtisch, um über den Menschen nachzudenken. Er war mit jungen Leuten unterwegs, wanderte mit ihnen, fuhr Kajak, verbrachte Zeit mit ihnen in den Bergen, hörte ihre Fragen, Hoffnungen und Enttäuschungen. In diesen Begegnungen entstand jener Erfahrungsraum, der für sein späteres Denken entscheidend wurde.

Selbsthingabe und Verantwortung

Gerade das macht den jungen Wojtya so faszinierend: Die großen Texte Johannes Pauls II. über Liebe und Ehe wuchsen aus Seelsorge, aus Freundschaft, aus konkreter Begleitung und aus genauer Beobachtung des Lebens. Wojtya wollte nicht über den Menschen sprechen, ohne dem wirklichen Menschen zu begegnen.
Der Kreis junger Menschen, der ihn damals umgab, wurde später unter dem Namen „(´S)rodowisko“ bekannt. Es war mehr als ein bloßer Freundeskreis: Es war ein geistiger und geistlicher Lebensraum, in dem gemeinsam gerungen, gebetet, diskutiert, gelacht und unterwegs gewesen wurde.

Dort ging es um die Fragen, die bis heute niemanden loslassen: Was ist Liebe? Was trägt eine Ehe? Wie kann man frei und zugleich verbindlich leben? Und worin besteht die Berufung des Menschen?

In diesem Kreis spielte Jerzy Ciesielski, den seine Freunde Jurek nannten, eine besondere Rolle. Er war Ingenieur, Ehemann, dreifacher Familienvater – ein nüchterner, klarer und zugleich innerlich tiefer Mensch. Jerzy war kein Mann großer Gesten, kein öffentlicher Redner, kein Theoretiker. Für Wojtya war das von unschätzbarem Wert. Darum führt auch ein direkter Weg vom jungen Wojtya zu seinem Buch „Liebe und Verantwortung“. Dieses Werk ist die Frucht eines langen seelsorglichen und inneren Ringens. Wojtya hörte zu, beobachtete, prüfte, vertiefte philosophisch und theologisch, was ihm im Leben begegnete.

Hier liegt auch schon der Grundton dessen, was später in der Theologie des Leibes seine volle Entfaltung finden sollte: Liebe ist nicht bloß Gefühl, nicht bloß Anziehung, nicht bloß romantische Erfüllung. Liebe ist eine Wahrheit über die Person. Sie hat mit Freiheit zu tun, mit Selbsthingabe, Verantwortung und Achtung vor der Würde des anderen.

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des jungen Wojtya. Er wusste: Beziehungen scheitern nicht nur an äußeren Schwierigkeiten. Sie scheitern oft daran, dass der andere allmählich nicht mehr als Person, sondern als Mittel gesehen wird – für Bestätigung, Bedürfnisbefriedigung oder emotionalen Halt. Dagegen setzt Wojtya eine Sicht des Menschen, die heute fast provozierend aktuell ist: Der Mensch darf niemals gebraucht, niemals funktionalisiert werden. Er ist Person – und darum zu lieben, nicht zu benutzen.

Von hier aus versteht man auch besser, warum Johannes Paul II. später so intensiv von der „Sprache des Leibes“ sprechen konnte: Der Leib ist nicht bloß Materie. Er bringt den Menschen selbst zum Ausdruck. In der ehelichen Liebe spricht nicht nur ein Wort, sondern der ganze Mensch. Treue, Fruchtbarkeit, Hingabe und Dauer gehören darum zum inneren Wahrheitsgehalt der Liebe.

An dieser Stelle wird Jerzy Ciesielski besonders wichtig. Sein Leben war für Wojtya ein Stück Wirklichkeit, an dem sich Wahrheit ablesen ließ. Hier war jemand, der mitten in Beruf, Familie und Alltag lebte und doch ganz von Gott her geprägt war. Besonders eindrucksvoll ist, wie nüchtern er selbst die geistliche Dimension des Alltags beschrieb. In seinen Notizen erscheint das innere Leben wie ein „Akkumulator“, wie eine Kraftquelle, die den Menschen im Alltag trägt. Das ist eine starke Sprache: Glaube nicht als Dekoration, sondern als tragender Grund.
Darin liegt eine Botschaft für Ehepaare heute. Viele erleben ihren Alltag als dicht, fordernd und zerrissen zwischen Arbeit, Kindern, Verpflichtungen und Erschöpfung. Die Versuchung ist groß, Liebe nur noch organisatorisch zu leben oder von spontanen Gefühlen abhängig zu machen. Die Geschichte des jungen Wojtya und seines Kreises erinnert daran, dass Ehe tiefer verstanden werden kann: als gemeinsamer Weg der Reifung, als Raum der Hingabe, als Berufung zur Heiligkeit mitten in den konkreten Aufgaben des Lebens.

Glaube als tragender Grund im Alltag

Das klingt groß. Aber Jerzy macht deutlich, dass es möglich ist. Heiligkeit beginnt in der Treue, in der Verlässlichkeit, in der Bereitschaft, sich zu schenken, im Durchhalten und im erneuten Ja, auch wenn der Alltag unspektakulär ist. Darin liegt Entlastung – und zugleich ein hoher Anspruch.

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Der kirchliche Prüfprozess zu Leben und Tugenden Jerzy Ciesielskis ist abgeschlossen; Papst Franziskus erkannte 2013 seinen heroischen Tugendgrad an. Für eine Seligsprechung braucht es nun noch ein bestätigtes Wunder. So richtet die Kirche unseren Blick auf eine Gestalt, die viele heute dringend brauchen: kein entrückter Heiliger, sondern ein Ehemann, Vater und Berufstätiger. Einer, der zeigt, dass die Berufung zur Heiligkeit nicht außerhalb des Lebens steht, sondern es ganz durchdringt – in Küchen, in Familiengesprächen, in beruflichen Entscheidungen und in den Mühen des gewöhnlichen Tages.


Vom 12. bis 14. Juni 2026 findet in Heiligenkreuz eine Offene Tagung zur Theologie des Leibes statt – über ihre geistigen und biografischen Anfänge und den jungen Karol Wojtya.

Der Autor ist Studienleiter des Studiengangs Theologie des Leibes in Heiligenkreuz. Im Juni erscheint im Be+Be-Verlag in Heiligenkreuz sein neues Buch „Ehe als Weg der Heiligkeit. Jerzy Ciesielski und die geistigen Ursprünge der Theologie des Leibes“.

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