Liebe

Der erste Lobpreis

Mit der Theologie des Leibes zurück zu den Ursprüngen der menschlichen Liebe.
Das Geschenk Evas an Adam ist das erste Hochzeitsfest der Welt - der erste Lobpreis.
Foto: Eugen Haag | Das Geschenk Evas an Adam ist das erste Hochzeitsfest der Welt - der erste Lobpreis.

 Lobpreis – mit diesem Wort bezeichnen wir eine beliebte Gebetsform, die das Lob und die Anbetung Gottes mit Gesang und Musik ausdrückt. Was aber war – im Blick auf die Heilige Schrift – der erste Lobpreis des Menschen?
In seiner Betrachtung der Genesis sagt Johannes Paul II., dass der Garten Eden für den Menschen der Zustand seines ursprünglichen Glücks war. Adam lebte in einer Welt ohne Krankheit, Sünde und Leid, die noch ohne Einschränkung gut war. Doch Gott nimmt die Sache noch einmal in Augenschein und zum ersten Mal in der Heiligen Schrift sagt Gott, dass etwas nicht gut ist.  „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ (Genesis 2,18) Allem Anschein nach fehlt dem Menschen etwas, das ihn „wachsen lässt“, das ihn „über sich hinaus“ wachsen lässt. So führt Gott dem Menschen alle Tiere zu, um zu sehen, wie er sie benenne. Und „der Mensch gab Namen allem Vieh … Aber eine Hilfe, die ihm entsprach, fand er nicht“ (Genesis 2,20).


Warum fand der Mensch unter allen Geschöpfen kein echtes Gegenüber, keine Hilfe, die ihm entsprach? Weil der Mensch sich von der sichtbaren Welt, von der Welt der anderen Lebewesen unterscheidet. Der Mensch gehört gleichzeitig der sichtbaren, materiellen Welt und der unsichtbaren, geistigen Welt an. Er ist in der sichtbaren Welt das einzige Geschöpf, das eine Person darstellt, denn nur der Mensch besitzt Freiheit und die Fähigkeit zu lieben. Warum gab Gott dem Menschen die Freiheit? Weil der Mensch zur Liebe berufen ist und ohne Freiheit ist Liebe unmöglich. In seinem Alleinsein wird Adam bewusst, dass die Liebe sein Ursprung, seine Bestimmung und sein Ziel ist. Unter allen Geschöpfen ist nur er berufen, einen Bund der Liebe mit Gott zu schließen, in eine „einzigartige, ausschließliche und unwiederholbare Beziehung mit Gott“ einzutreten. Im Herzen des Menschen gibt es einen Raum der Liebe, der Begegnung mit Gott! 

Der Mensch will nicht nur Gott, sondern auch Menschen lieben

Adam ist eingeladen seinen Platz in der Liebesgemeinschaft Gottes einzunehmen, ähnlich wie es in der Apostelgeschichte (17,28) heißt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ Dennoch – in einem Bild ausgedrückt: Als Abbild Gottes möchte er nicht nur Gott lieben und von Gott geliebt werden, sondern er möchte – analog zu Gott, seinem Urbild – eine andere Person lieben, die ihm ähnlich ist. Und Gott antwortet auf diese Sehnsucht des Menschen: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“

Die Frau wird Adam zugeführt, er erkennt die Frau als Geschenk Gottes und nimmt dieses Geschenk voll Bewunderung in Empfang: „Die Frau wird von Anfang an seinen Augen, seinem Bewusstsein und seiner Sensibilität, seinem Herzen anvertraut“, so Johannes Paul II.

Bei dem Wort Hilfe mag vielleicht der eine oder die andere an eine Küchen- oder Putzhilfe denken, und das ist nicht unbedingt das, was eine Frau gerne für ihren Mann sein möchte. Doch das hebräische Wort Ezer, das hier für Hilfe verwendet wird, hat eine völlig andere Bedeutung. Es kommt im Alten Testament nur 21 mal vor. An beinahe jeder dieser Stellen bezieht sich dieses Wort nicht auf die Hilfe durch einen Menschen, sondern auf die Hilfe von Gott selbst, und zwar immer dann, wenn von Gott als Schutz und Hilfe in größter Not die Rede ist. Wenn im Buch Genesis also von der Frau als Ezer gesprochen wird, ist gemeint, dass die Frau gleichsam der Garant der Hilfe Gottes für den Mann ist. Dies gilt nicht nur für eine Frau in Bezug auf ihren Ehemann. Es sagt vielmehr etwas aus über den Genius der Frau und ihre Bedeutung in Kirche und Welt, wie es Johannes Paul II. eindrucksvoll in seinem Scheiben Mulieris dignitatem dargelegt hat.


Allem Anschein nach hat Adam diesen Genius der Frau erkannt, denn nun hören wir die ersten Worte des ersten Menschen. Adam öffnet staunend und jubelnd seinen Mund zu einem Lobpreis: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ (Genesis 2,23)
Zum ersten Mal erfährt der Mensch – wie Johannes Paul II. es ausdrückt – eine tiefe „überschwängliche Freude, zu der er bisher keinen Grund hatte, weil ihm ein gleiches Wesen fehlte“. Es ist ein Jubelruf über das Gute und Schöne, das der Mann in der Frau sieht. Die Frau wird Adam zugeführt, er erkennt die Frau als Geschenk Gottes und nimmt dieses Geschenk voll Bewunderung in Empfang: „Die Frau wird von Anfang an seinen Augen, seinem Bewusstsein und seiner Sensibilität, seinem Herzen anvertraut“, so Johannes Paul II.

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Mann und Frau empfangen einander aus der Hand Gottes

Im ursprünglichen Alleinsein wird dem Menschen bewusst, dass er sich von den anderen Lebewesen unterscheidet. Mit der Erschaffung der Frau öffnet sich der Mensch für ein Wesen, das ihm ähnlich ist. Er öffnet sich für eine tiefe Gemeinschaft mit einer anderen Person und „auf das alles fiel von Anfang an der Segen der Fruchtbarkeit, verbunden mit der menschlichen Zeugung“ (Kat. 9,3). Es ist das erste Hochzeitsfest der Menschheit.
Dieser jauchzende Ruf des Erkennens und der Freude, die Entdeckung des anderen in seiner Einmaligkeit, ist unerlässlich für jede Liebe! Gott ist es, der Mann und Frau einander schenkt. Bei der Feier des Ehesakramentes „nehmen“ wir einander nicht, sondern wir „empfangen“ einander als Mann und Frau aus der Hand Gottes. Vielleicht ist dies eine der täglichen Herausforderungen in der Ehe: Einander immer wieder als kostbares Geschenk aus den Händen Gottes zu empfangen und gegenseitig Hilfe zu sein auf dem großen Weg zu Gott.

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