Weltfamilientreffen

Den Tod der eigenen Kinder verzeihen?

Ein betrunkener Autofahrer tötet drei ihrer Kinder. Sie entscheiden sich dafür, ihm zu vergeben.
Leila und Danny Abdallah
Foto: BIANCA DE MARCHI/imago-images.de | Leila und Danny Abdallah mit ihrer Tochter Liana bei der Beerdigung ihrer drei Kinder Anthony, Angelina und Sienna am 10. Februar 2020.

Danny und Leila Abdallah sind die Eltern einer australischen Familie mit libanesischen Wurzeln. Am 1. Februar 2020 hat sich ihr Leben für immer verändert. Während eines Spaziergangs fuhr ein betrunkener, drogenabhängiger Autofahrer vier ihrer sechs Kinder und drei deren Cousins an. Drei der Kinder und eine ihrer Cousinen starben sofort. Ihre vierte Tochter Liana kam verletzt ins Krankenhaus. Bis heute kämpft die Familie mit dem tiefen Trauma, das die Tragödie in ihren Herzen hinterlassen hat. Auf dem Weltfamilientreffen im Rom erzählt das Ehepaar, das mittlerweile ein weiteres Töchterchen bekommen hat, ihren Weg aus unvorstellbarem Leid in die Vergebung.

Lesen Sie auch:

Gemeinsames Gebet 

Als Danny am Unfallort ankam und die zerstörten Körper seiner Kinder sah, habe er zu Gott gesagt: „Das hier ist größer als ich, ich übergebe es dir.“ Am Tag nach dem Unfall kam Leila, fassungslos und voll Leid, zum Unfallort zurück, um für die sieben Kinder, die in den Unfall verwickelt worden waren, zu beten. Anwesenden Medienvertretern gab sie eine Botschaft, die die Medien noch Wochen beschäftigte. In Bezug auf den Mann, der ihre Kinder getötet hatte, sagte sie: „Ich hasse ihn nicht, ich glaube, in meinem Herzen vergebe ich ihm, auch wenn ich möchte, dass das Gericht gerecht urteilt."

Nicht der Unfall selbst, so erzählt sie, habe daraufhin die Nachrichten beherrscht, sondern Fragen nach Vergebung und Glaube: Wie kann diese Frau verzeihen? Warum sollte sie dem Mann vergeben, der sieben Kinder überfahren hat? Warum sollte sie noch Glauben haben? Wie kann sie den Gott noch lieben, der ihr das angetan hat? Auf die Frage der Medienvertreter, wie der Familie geholfen werden könne, habe sie geantwortet: „Kommt und betet mit uns am Unfallort den Kreuzweg.“ Bis zur Beerdigung seien daraufhin jeden Abend tausende Menschen gekommen, um gemeinsam zu beten.

Bitterkeit loslassen

Im Rückblick erzählt Danny: „An dem Tag, an dem meine Kinder ins ewige Leben gingen, stand ich vor einer Entscheidung. Welchen Weg wähle ich? Wähle ich den Weg der Zerstörung oder den Weg des Aufbaus? Versuche ich, den Schmerz mit Drogen und Alkohol zu betäuben, oder entscheide ich mich dafür, ihn anzunehmen?“ Der Schmerz sei bis heute unerträglich. Er habe sich aber dafür entschieden, mit seiner Familie nicht im Tal des Schmerzes und der Trauer feststecken zu bleiben.

„Wenn ich Rache, Bitterkeit und Wut in meiner Seele habe, werden meine Kinder das ebenfalls haben, denn sie machen nach, was wir tun, nicht was wir sagen“, so der junge Vater. Er habe erkennt, dass er für seine Kinder tun müsse, was Gott für ihn getan habe. „Ich diene einem Gott, der schon vor mir viel gelitten hat. Er hat mir gezeigt, wie man durch die schlimmsten Leiden gehen und trotzdem denen vergeben kann, die einem das angetan haben“, sagt Danny, bevor er den Versammelten zuruft: „Freunde, Vergebung ist unser Weg zur Heiligkeit!“

Auch für seine Frau Leila ist Vergebung die Kernbotschaft des Christentums. „Das sind die letzten Worte, die Jesus am Kreuz gesprochen hat.“ Vergebung sei eine Entscheidung, Wut und Bitterkeit loszulassen: „In der Vergebung liegt Kraft. In der Vergebung liegt die Freiheit. Vergebung ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche“, bekennt die siebenfache Mutter. Sie erzählt, wie die Vergebung den Heilungsprozess der ganzen Familie in Gang gesetzt hat, so dass ihre Ehe an der Prüfung nicht zerbrach und auch ihre vier lebenden Kinder wieder mit Vertrauen auf Gott in die Zukunft blicken können.

Lesen Sie auch:

Täglich vergeben

Die Botschaft des Paares an die Versammelten ist deutlich: „Üben Sie sich täglich in Vergebung. Wenn Sie in der Lage sein wollen, etwas Großes zu vergeben, beginnen Sie damit, sich selbst und Ihrer Familie zu vergeben. Suchen Sie Gottes Barmherzigkeit, Liebe und Vergebung der Sünden in der Beichte.“ Liebe bedeute, jemanden in seiner Unvollkommenheit und in seiner Sünde zu lieben und ihm trotzdem zu vergeben. „Wir sind alle dazu berufen, durch Liebe und Vergebung Heilige zu werden.“

Vergebung sei wie ein Muskel, der dann stärker werde, wenn man ihn immer wieder benutze. Daher solle er zum festen Bestandteil des Lebens jeder christlichen Familie sein. „Wir hoffen und beten, dass Sie nie etwas so Großes zu vergeben haben werden“, sagt Danny zum Abschluss. „Aber Sie müssen sich auf Leid vorbereiten, das kommen wird. Wenn wir Ihnen heute etwas mit auf den Weg geben können, dann wäre es, Sie zu ermutigen, zu beten, jeden Tag Vergebung zu üben und Ihren Kindern dasselbe beizubringen.“


Das gesamte Zeugnis des Ehepaars Abdallah steht auf Englisch auf der Website des Weltfamilientreffens zum Download bereit (Panel 9: Paths to holiness – Forgiveness as the Way of Holiness).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Mitten in der Uckermark nördlich von Berlin steht seit einigen Jahren ein russisch-orthodoxes Kloster, unter anderem auf Initiative des heutigen Moskauer Patriarchen Kyrill.
10.07.2022, 15  Uhr
Oliver Gierens
Bei der Eröffnung des Weltfamilientreffens richtet der Heilige Vater einen Aufruf an die Familien dieser Welt.
23.06.2022, 11  Uhr
Meldung
Was, wenn die eigene Tochter plötzlich ein Junge sein will? Eltern von jugendlichen Trans-Jungen berichten.
11.06.2022, 15  Uhr
Cornelia Huber
Themen & Autoren
Meldung

Kirche

Das deutsche Ergebnis der Befragung zur Weltbischofssynode zeigt: Mit dem Synodalen Weg können Gremien Monologe führen, aber keine jungen Leute hinter dem Ofen hervorlocken.
09.08.2022, 11 Uhr
Regina Einig
„Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ – oder doch? Der Bilderstreit des achten und neunten Jahrhunderts.
09.08.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller