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„Deine Kinder müssen ungeboren bleiben"

Auch schon vor Beginn des NS-Regimes wurde über Eugenik und Euthanasie diskutiert, auch in Gremien der evangelischen Kirche: Vor 95 Jahren gründete sich der Eugenische Ausschuss der Inneren Mission.
Euthanasie in der Geschichte
Foto: Imago/Arkivi | Ein Blick auf die Diakonieanstalten Hephata in nordhessischen Treysa im Jahr 1935: Hier konstituierte sich im Jahr 1931 der Eugenische Ausschuss der Inneren Mission.

Bei den Begriffen Eugenik und Euthanasie denken die meisten wohl zuerst an die Nazi-Zeit. Kaum bekannt aber ist, dass es diese Ideen schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab. „Es war eine moderne Spielart der praktischen Psychiatrie. Es hat sehr viele Leute fasziniert“, sagt der evangelische Theologe Jochen-Christoph Kaiser, zuletzt Professor für Kirchliche Zeitgeschichte, historische Frauenforschung und Diakoniegeschichte am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg.

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Die Eugenik wurde bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts etwa auch in Skandinavien, in der Schweiz und Österreich oder in den USA diskutiert. Es ging einerseits um die dauerhafte Pflege behinderter Menschen, andererseits um die Kosten und das vermeintliche Ideal einer Rassenhygiene durch Eugenik. Das Konzept einer Erbgesundheitslehre zielte darauf, dass sich nur noch „gesunde“ Menschen fortpflanzen sollten.

Der Papst hatte eugenische Maßnahmen verboten

Der Berliner Medizinhistoriker Uwe Kaminsky erläutert: „Die Debatte über Eugenik oder Rassenhygiene hatte weit vor der Zeit des Nationalsozialismus eine Art wissenschaftliche Beweiskraft gewonnen, die sich als eine Erklärung von auch sozialen Unterschieden in die gesellschaftspolitischen Debatten hineindrängte.“

Diese Debatten wurden auch in der Evangelischen Kirche geführt. Denn im Mai 1931 konstituierte sich in der Diakonieanstalt Hephata im nordhessischen Treysa der Eugenische Ausschuss der Inneren Mission. Zur Jahreswende 1933/34 wurde er in „Ständiger Ausschuss für Rassenhygiene und Rassenpflege“ umbenannt.

Protestanten wollten sich von katholischer Kirche absetzen

Jochen-Christoph Kaiser und Uwe Kaminsky haben zusammen in den Archiven der Diakonie, die damals noch Innere Mission hieß, recherchiert. Bei der Eugenik hätten die Evangelischen auf der Höhe der Zeit sein wollen, sagt Uwe Kaminsky: „Zugleich setzte man sich auch in der Konfessionskonkurrenz zur katholischen Kirche ab, denn Ende des Jahres 1930 hatte der Papst die Enzyklika ,Casti Connubii’ veröffentlicht, die ein Verbot von eugenischen Maßnahmen wie der Zwangssterilisierung ausgesprochen hatte.“ Obwohl es auch katholische Stimmen für die Eugenik gab.

Neben dem Naturwissenschaftler und ehemaligen Jesuitenpater Hermann Muckermann ist hier etwa Joseph Mayer zu nennen. Am Institut für Caritaswissenschaft in Freiburg schrieb Meyer seine 700-seitige Dissertation „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker“. Ein allgemein beachtetes Referenzwerk. Grundsätzlich aber galt für Katholiken das Veto aus Rom.

Ringen um die richtige Ethik

Für die Evangelischen aber gab es nie ein Verbot, über Eugenik, Sterilisation, ja sogar über Euthanasie nachzudenken. Von 1931 bis 1938 nahmen rund 130 Fachleute an den reichsweiten Sitzungen des Ausschusses teil: Theologen, Medizinerinnen und Mediziner, Juristinnen und Juristen, Soziologinnen und Soziologen, Missionare, Fürsorgerinnen und Fürsorger, Funktionäre der Inneren Mission, des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin und Anstaltsleiter. Eine protestantische Elite kam hier zusammen.

Es war ein Ringen um das, was Evangelische noch dürfen und was ihnen theologisch-ethisch verboten war. Bis 1933 ging man bei der Inneren Mission noch von der Freiwilligkeit einer Sterilisation aus. Als im Januar 1934 aber die zwangsweise Sterilisation per Gesetz eingeführt wurde, folgte man der staatlichen Vorgabe.

So heißt es im Ergebnisprotokoll der 7. Arbeitstagung des Ständigen Ausschusses für Fragen der Rassenhygiene und Rassenpflege vom 10. und 11. April 1935: „Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlaubt im Interesse der Gesunderhaltung unseres Volkes bei einer nicht unerheblichen Zahl von Menschen einen operativen Eingriff, durch den die Betreffenden von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. In der Kette der Geschlechter, in der wir alle stehen, wird dieser Mensch durch einen ‚künstlichen‘ Eingriff isoliert. Es wird ihm an seinem eigenen Leibe bescheinigt: Deine Kinder müssen ungeboren bleiben, weil sie sonst die Zukunft des Volkes gefährden.“

Ein Pfarrer widerspricht

Die kirchlichen Anstalten führten sogar Sterilisationsstatistiken, die sie dem NS-Staat übermittelten. Evangelische Anstaltsleiter hatten Angst, die Behörden würden ihnen sonst Sabotage vorwerfen. Nur der Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau, Pfarrer Paul Gerhard Braune, sprach sich gegen das Sterilisationsgesetz aus. Braune war aber nie Teil des Eugenischen Ausschusses der Inneren Mission.

Die Mitglieder im Ständigen Ausschuss betonten im Gegenteil ihre Mitwirkungsbereitschaft an einer möglichst reibungslosen Durchführung der Sterilisationsgesetzgebung. Obwohl es dazu nie ein Gesetz gab, drangen die nationalsozialistischen Rassenhygieniker dann mehr und mehr auf Tötung des ihrer Meinung nach unwerten Lebens, auf Euthanasie.

Doch da war für die allermeisten Evangelischen eine Grenze erreicht. Jochen-Christoph Kaiser: „Dass die Leute, die sich damit beschäftigt haben, nun gleichzeitig ganz nah dran gewesen seien an den tödlichen Konsequenzen einer radikal zu Ende gedachten Eugenik, das will ich ja nicht in Abrede stellen. Aber sie haben es eben nicht getan.“

Widerstand gegen die Euthanasie

Tatsächlich regt sich Widerstand gegen die Euthanasie. Pfarrer Paul Gerhard Braune fand sowohl Belege für den Gasmord in Brandenburg, Sachsen und Württemberg als auch für ein Hungersterben in den sächsischen Anstalten. Er verfasste eine Denkschrift, die er zusammen mit der Leitung der Inneren Mission Mitte Juli 1940 der Reichskanzlei vorlegte. Braune wurde daraufhin am 12. August 1940 verhaftet.

Trotz einer Vielzahl interner Eingaben, beispielsweise vom württembergischen Landesbischof Theophil Wurm, kam es in vielen Landesteilen zur Erfassung der Anstaltsbewohner, ihrer Verlegung in staatliche Anstalten und ihrer Ermordung in einer der Gastötungsanstalten. Auch aus der Diakonieanstalt Hephata in Treysa, wo es 1931 mit dem Eugenischen Ausschuss begann, wurden 388 Patienten zur Tötung abgeholt. Rund 300 000 Menschen fielen insgesamt der Euthanasie zum Opfer.

Bei Evangelischen blieb der öffentliche Protest aus

Von katholischer Seite aus erhob sich Protest. Berühmt sind die Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, gegen die Mordaktionen der Nazis. Bei den Evangelischen aber blieb der öffentliche Protest aus. Es blieb bei Eingaben an einige Reichsminister.
Zudem befürworteten sogar manche Teilnehmer im Ständigen Ausschuss für Rassenhygiene und Rassenpflege die Euthanasie, zum Beispiel die beiden ehemaligen Betheler Chefärzte Carl Schneider und Werner Villinger. Sie waren Mitorganisatoren der Mordaktion. Zur Rechenschaft gezogen wurden sie dafür nie. Und der Eugenische Ausschuss der Diakonie bildete sich in der jungen Bundesrepublik sogar erneut, als sei nichts geschehen.


Der Autor ist evangelischer Theologe. Er arbeitet als Journalist. 

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