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Das Größte aber ist die Liebe

Am 11. Juni 2021 starb der Schöpfer der „Tagespost“-Familienseite, Jürgen Liminski. Humorvoller Familienmensch, vertrauensvoller Gottsucher und Journalist von unglaublicher Schaffenskraft: Schlaglichter auf einen außergewöhnlichen Ehemann und Vater.
Jürgen Liminski in seinem heimischen Arbeitszimmer (oben) und mit seiner Ehefrau Martine in ihrem Zuhause in Sankt Augustin.
Foto: Tobias Liminski | Jürgen Liminski in seinem heimischen Arbeitszimmer (oben) und mit seiner Ehefrau Martine in ihrem Zuhause in Sankt Augustin.

Sein Büro im Speicher des großen Familienhauses im rheinischen Sankt Augustin sieht aus, als hätte er gerade erst seinen Platz verlassen. Auf dem Schreibtisch liegt einer seiner berüchtigten Tagespläne, bis auf die Minute durchgetaktet. Anders wäre das unglaubliche Arbeitspensum, das Jürgen Liminski noch mit über 70 Jahren täglich verrichtete, auch nicht zu schaffen gewesen. In einer Ecke der „Höhle“, wie seine Familie das vor Bücherregalen überquellende Büro gerne nannte, steht der Sessel, auf dem er täglich sein Morgengebet verrichtete. Die „Höhle“ gleicht jetzt einem Archiv, voll bis unters Dach mit Büchern, Zeitungen, Magazinen, Texten, Notizen. Still ist es hier. Manchmal steigt ein Mitglied der großen Familie hinauf und verliert sich in der unglaublichen Menge an Lesestoff.

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Zu Jürgen Liminskis Lebzeiten stand die Türe zur „Höhle“ immer offen, ungeachtet der Geräuschkulisse, die zehn Kinder nun einmal produzieren. „Ich habe jetzt keine Zeit für dich“, ist ein Satz, den man aus seinem Mund niemals hörte, da sind sich seine Frau Martine und sein Sohn Tobias einig. Denn neben Büchern und Zeitungen lautete seine erste und größte Leidenschaft: Familie. Zuerst seine eigene, aber auch das Schicksal der Familie als Keimzelle einer krankenden Gesellschaft. Vor nun drei Jahren verstarb Jürgen Liminski überraschend mit 71 Jahren und hinterließ nicht nur in seiner Familie, sondern auch beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (Idaf) und bei der „Tagespost“ ein riesiges Loch. 

Gottvertrauen in schwierigen Zeiten

Seine Frau Martine lernte Jürgen Liminski bei einem Schüleraustausch in die bretonische Hauptstadt Nantes kennen. Für die damals 17jährige Französin, deren Vater Kommunist war, war der junge Mann aus Deutschland schon damals Halt und Vorbild im Glauben. „Du brauchst nicht weinen, denn Gott verlangt nie, was wir nicht geben können“, sagte der 18jährige ihr, als sie während eines Kirchbesuchs ganz deutlich Gottes Ruf an sie spürte: „Du kannst mehr geben.“ Auch anderen fiel schon früh auf, was Martine als prägende Wesenszüge ihres Mannes beschreibt: Aufrichtigkeit, Konsequenz, unglaubliches Gottvertrauen. Ein alter Bundeswehrkamerad erinnert sich, wie Jürgen während seines Wehrdienstes als bekennender Christ manchen Nachteil wegstecken musste, sich aber nie hat einschüchtern lassen. Mut und Vertrauen verließen ihn auch dann nicht, als er als Ressortleiter Außenpolitik der „Welt“ seinen Abschied nehmen musste und plötzlich arbeitslos dastand – mit einer vielköpfigen Familie, die ernährt werden wollte. Fortan machte Liminski sich als freier Journalist selbständig, um nie mehr von einem einzigen Arbeitgeber abhängig zu sein. Mit seinem Engagement für verschiedene Zeitungen in Deutschland und im Ausland sowie den Deutschlandfunk erreichte er phasenweise bis zu vier Millionen Leser und Hörer täglich.

„Wir hatten das Glück, nicht nur verliebt zu sein, sondern auch ein gemeinsames Ziel zu haben“, erinnert sich Martine. „Durch Beziehungen Liebe geben, das war das Ziel unseres Lebens.“ Für das kinderreiche Paar war es in den kinderunfreundlichen 70er und 80er Jahren nicht immer einfach, das Unverständnis von Vermietern, Umfeld und Arbeitskollegen für die große Kinderschar auszuhalten. „Ich habe mich oft gewundert, wie Jürgen da stets geduldig und freundlich bleiben konnte“, so Martine. Über ihren Mann erzählt sie: „Da Jürgens Vater durch einen Unfall starb, als er selbst erst sechs war, war es für ihn zunächst schwierig, in die Vaterrolle zu finden.“ Entscheidend sei dann aber für sie beide das Ziel der Erziehung gewesen: „Was für eine Art von Menschen möchten wir erziehen? Unsere Kinder gehören uns nicht, sie sind uns anvertraut. Und unser Auftrag ist, sie so zu lieben, wie Gott sie liebt, nämlich ganz selbstlos. In der Familie soll diese Selbstlosigkeit gelebt und geschenkt werden. Kinder verstehen das manchmal nicht sofort und glauben, wir Eltern erwarten irgendetwas von ihnen. Dabei erwartest du als Mutter oder Vater gar nichts, sondern willst nur, dass deine Kinder glücklich werden, etwas Gutes im Leben tun und Gott gefallen.“

Vater und Freund

Freiheit wurde dementsprechend im Hause Liminski großgeschrieben. „Mein Vater war immer ein Förderer. Egal was der Einzelne machen wollte, er wurde seinen individuellen Stärken und Neigungen nach gefördert“, erinnert sich Tobias, der fünfte in der Geschwisterfolge. „Er hat einen immer ermutigt, aber auch Verantwortung gefördert und uns klar gemacht, dass unsere Handlungen Folgen haben.“ Der heutige Chefredakteur des Magazins „Grandios“ ist schon früh in die journalistischen Fußstapfen seines Vaters getreten, der für ihn nicht nur Vorbild, sondern auch bester Freund war. „Ich möchte, dass meine Kinder in mir immer ihren Vater sehen. Aber mit zunehmendem Alter möchte ich, dass sie mich auch als ihren Freund sehen“, habe sein Vater einmal in einer Fernsehsendung gesagt, so Tobias: „Und so war es auch! Es ist für mich das größte Geschenk gewesen, während der letzten sieben Jahre seines Lebens eng mit ihm zusammengearbeitet zu haben.“

Ein weiteres großes Geschenk ist für den vierfachen Familienvater der Glaube, den ihm seine Eltern weitergegeben haben und den er wiederum an seine eigenen Kinder weitergibt. „Unsere Eltern haben uns nie zu etwas gezwungen, sondern den Glauben einfach vorgelebt. Dabei haben sie unser eigenes Leben ins Gebet einbezogen, sodass das für uns Kinder etwas ganz Natürliches war.“ Zentral sei auch gewesen, dass er zuhause gelernt habe, dass Glaube etwas sei, das ein Stück weit unabhängig von der Institution ist: „Das Geschenk des Glaubens musst du aktiv selbst pflegen!“ In der Suche nach der Wahrheit und nach dem Sinn des Lebens seien seine Eltern unschätzbare Vorbilder gewesen. Seine Kinder erlebten Jürgen Liminski als wahren Christen: ein respektvoller und meinungsstarker Gesprächspartner, großzügig, verlässlich, humorvoll. Seine älteste Tochter Annabelle erzählt, wie sie am Grab ihres Vaters darüber nachdachte, welche Spur er hinterlassen hat: „Es war nicht so sehr seine Leistung im Journalismus und in der Welt, sondern viel mehr seine gelebte Trotzmacht des Geistes. Er hat nie aufgegeben, ein Suchender zu sein.“ Sein Sohn Arnaud erinnert sich: „Papa ist Vorbild. Besonders als Vater und als Freund, aber auch als nur Nachbar und gar als Feind. Denn auch Letzteren hat er innerlich verziehen. Das machte ihn so groß, warm- und barmherzig.“

Den Einzelnen lieben und respektieren

Dass Erziehung viel mit dem Gottesbild der Eltern zu tun hat, wird klar, wenn Martine über die Glaubenserziehung ihrer Kinder spricht. Als einer ihrer Söhne sich einmal weigerte, mit zur Sonntagsmesse zu kommen, sei ihre Botschaft an ihn gewesen: „Der Respekt vor deiner Freiheit ist uns wichtiger als die Verpflichtung.“ Denn: „Gott lässt uns die Freiheit und will, dass wir ihn aus freiem Willen lieben und zu ihm kommen.“ Gerade in einer so großen Familie sei auch der Respekt vor dem Einzelnen mit seinen Eigenheiten für ein friedliches Zusammenleben zentral. Daher sei es ihr und ihrem Mann immer wichtig gewesen, die Kinder auch bei Auseinandersetzungen wissen zu lassen: „Ich bin zwar nicht einverstanden mit dem, was du gerade tust, aber das hindert mich nicht daran, dich sehr zu lieben.“
 
„Gebt aufeinander Acht und vor allem gebt einander nie auf, die Beziehungen mit den Geschwistern sind die längsten im Leben“, so zitierte Nathanael Liminski, heute Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, seinen Vater in seiner Trauerrede. Tobias Liminski wurde gerade bei der Beerdigung des Vaters deutlich, wie wertvoll das Geschenk der Geschwister ist. „Unser Vater war wie der Atomkern unserer Familie. Von innen wirkte er nach außen und hat gleichzeitig alles zusammengehalten. Nach seinem Tod war das unser erster Gedanke: ,Nun ist dieser Kern weg. Wie schaffen wir es, trotzdem als Familie zusammenzubleiben?‘ Ich glaube, wir haben das hinbekommen, denn das ist es, was er gepflanzt hat: Eine Familie, die trägt.“

Kondolenzbuch: www.liminski.de

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Franziska Harter Jürgen Liminski

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