Sexualität

Das „erste Mal“

Romantisches Klischee oder Ausgangspunkt einer dauerhaften geistigen Bindung? Warum sexuelle Exklusivität die beste Basis für glückliche Beziehungen und stabile Familien ist.
Eindrücke vom Strand in Playa de Palma auf der Insel Mallorca zum Saisonstart 2022 kurz vor den Osterferien ;Eindrücke v
Foto: IMAGO / Chris Emil Janßen | Außer Herzklopfen und romantischen Gefühlen nichts gewesen? Nicht nur die tiefe menschliche Sehnsucht nach Dauerhaftigkeit und Angenommensein, sondern auch die Psychologie sagt uns, dass Sexualität mehr ist als ein ...

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, trällerte Jürgen Marcus vor fünfzig Jahren. Durchschnittsromantiker haben einige „neue Leben“ in ihrer Vita stehen. „Bis zur ersten Ehe haben Menschen im Schnitt zwei bis vier ernst zu nehmende Beziehungen“, schätzt die Sexualtherapeutin Gabriele Leipold im Artikel „Wirkt sich meine Ex-Beziehung auf meine neue aus?“ des jetzt-Magazins. Und die nicht „ernst zu nehmenden“ Romanzen?

Frisch Verliebte sind da spitzfindig. Die Gretchenfrage lautet nicht: „Wie viele Beziehungen hattest du schon?“ Sondern da will man es genau wissen: „Mit wie vielen hast du schon geschlafen?“ Ein weiterer jetzt-Beitrag mit jener Frage als Titel rechnet vor: „Wenn man 30 ist, die meiste Zeit seines Lebens Single war und im Durchschnitt zwei bis drei Sexpartner*innen pro Jahr hatte, dann kommt unterm Strich eine recht hohe Zahl raus.“ Die junge Autorin ist der Meinung, ihre Partner müssten ihre Vergangenheit akzeptieren, wenn die gegenwärtige Beziehung eine Chance haben soll. Ihr Essay entstand aus der wiederholten Beobachtung, dass da einige nicht „mit klarkommen“.

Wunsch nach Partner ohne sexuelle Vorgeschichte

In einer Studie der Universität Nottingham zu Ex-Beziehungen gaben die Befragten an, sie hätten gern einen Partner, der nicht allzu viele und wenn möglich weniger vergangene Sex-Kontakte hatte als sie selbst. Die Forscher vermuten, man wolle einen verlässlichen Partner, der in der Lage sei, eine ernsthafte Beziehung zu führen. Das Herzklopfen, das mit der Frage „wie viele hattest du schon“ einhergeht, spricht eine andere Sprache: Sexuelle Intimität fordert Exklusivität, keine Vergleiche, keine Austauschbarkeit, keine Vorgeschichte.

Anthropologische Annahmen greifen zu kurz: Etwa, Männer könnten sich nie ganz sicher sein, ob ein Kind von ihnen sei, und Frauen wollten intuitiv einen treuen Partner, der für die Familie sorgt. Das ist weit weg von den Gefühlen, um die es eigentlich geht. Die Vorstellung, dass der Mensch, an den man sich intim bindet, schon mit jemand anderem geschlafen hat, ist schwer auszuhalten. Die Einordnung in Vergangenheit und Gegenwart funktioniert nicht. Gespräche über Ex-Beziehungen zählen zu den größten Fehlern beim Kennenlernen, wissen Dating-Ratgeber.

Gemeinsame geistige Dimension

Die Vergangenheit ist mit ein paar gelöschten Pärchenfotos nicht einfach abgehakt. Die neue Liebe des Ex-Partners überrolle einen emotional, warnen Anwälte vor Kurzschlussreaktionen. Plötzlich seien da Liebeskummer und Verlustängste, auch wenn man es selbst war, der den anderen verlassen hat. Verlustangst? – Eine niedliche Umschreibung für das quälende Kopfkino, wie der Ex-Partner sich jemand Neuem hingibt.

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Die sexuelle Verbindung zwischen zwei Menschen schafft eine gemeinsame geistige Dimension, die keine Zeitebene kennt und nicht unterscheidet in ernsthaft oder flüchtig, die auf Exklusivität ausgerichtet ist und bei Störungen die heftigsten Gefühle evoziert. Mehr als den schwachen Begriff „Eifersucht“, häufig im Sinne eines patriarchalen Atavismus, haben viele Artikel rund um die Ex-Beziehungen kaum zu bieten. Was der Wechsel aus „neuer Liebe“ und „Schluss machen“ im Menschen bewirkt, bleibt unergründet, obwohl die dazugehörigen Gefühle ein Dauerbrenner in den Gazetten sind, häufig in Form von Abwehrreaktionen. Wer mit dem „aktiven Sexleben“ des neuen Partners hadere, sei eben nicht „modern und weltoffen“.

Klischee ohne Bedeutung?

„Das erste Mal“ titelte unlängst die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ganz groß, nur um festzustellen, der erste Geschlechtsverkehr sei ein romantisches Klischee ohne Bedeutung. Der Verlust der Jungfräulichkeit sei als Relikt aus patriarchalischen Zeiten immer noch in vielen Köpfen als bedeutender Einschnitt verankert, kritisiert die Sexualtherapeutin Julia Henchen den „kulturell sehr aufgeladenen Mythos“. Das Foto über dem Artikel, ein Kuss mit leicht geöffneten Lippen und geschlossenen Augen, und der Teaser „Ein Leben lang bleibt es unvergessen“ wollen jedoch nicht so recht zum Tenor passen.

Sind Empfindungen nur abhängig von Prägung? Die Liebe in einer Familie? Die Geburt eines Kindes, die alles auf den Kopf stellt? Das erste Mal miteinander schlafen – keine Zäsur, die für immer verbindet?

Henchen verkauft Bücher mit Titeln wie „Let's talk about Sex, Baby!“ oder „Ohjaaa! Journal für Deine Lust“. Der Artikel fokussiert auf die körperliche Ebene von Sexualität, während die Phantasie des Lesers dank der Titelei vom Zauber jungfräulicher Erotik umgarnt wird: Die Aufregung, die Küsse, die Unsicherheit, vertrauen und sich fallen lassen, die Erregung und das, was folgt. Was bleibt, ist nicht die körperliche Veränderung, da mögen Sextherapeuten recht haben, sondern was bleibt, ist der Koitus.

Vereinigung und Verschmelzung

Der alte lateinische Begriff für Beischlaf bedeutet auch Vereinigung und Verschmelzung, und das beschreibt, was nach dem ersten Mal anders ist als davor. Ob nun geplant und bei romantischem Kerzenschein, in spontaner Verliebtheit oder mit vermeintlich ausgeklammerten Gefühlen, es passiert mehr als die banalisierende Wendung „Sex haben“ nahelegt. In der sexuellen Vereinigung begegnen sich die Seelen von Mann und Frau auf eine Weise, die auch eine noch so intensive, aber platonische Freundschaft nicht erreicht. Sie verschmelzen dauerhaft, selbst wenn beide sich danach für immer Adieu sagen.

Die Frage „Mit wie vielen hast du schon geschlafen“ meint eigentlich: „Wie exklusiv kannst du bei mir sein?“ Der Unterschied zwischen null und eins ist dabei entscheidender als der zwischen acht und 80. Das „erste Mal“ war schon voller Bedeutung für Teenager aus grauer Vorzeit. Die Erfahrung „The first Cut is the deepest“ gab es lange vor der katholischen Sexualmoral. Das Gefühl war zuerst da. Dann kam die Kultur, die das Wesen des Menschseins, seine Sexualität und familiären Bindungen in ein sich entwickelndes Normengefüge integriert, um den Kindern die „The first Cut is deepest“-Erfahrung zu ersparen. Kultur ist Ausdruck dessen, dass die Art, wie Menschen lieben und sich die Welt erschließen, mehr ist als eine biochemische Reaktion auf äußere Einflüsse. Auch die Entdeckung des Bindungs- und Treuehormons Oxytocin ist nicht der Schlusspunkt hinter der Frage, warum das erste Mal ein Leben lang unvergessen bleibt. Neben der psychohormonellen gibt es beim Menschen, im Gegensatz zum ebenfalls oxytocingesteuerten Schimpansen, noch eine geistige Dimension. Das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Geist macht den Beischlaf zum Koitus.

Eine Zäsur, die für immer verbindet

„An beiden bleibt etwas vom anderen hängen. Es bleibt etwas von meiner Person beim Ex-Partner und vom ihm bleibt etwas bei mir. Man sehnt sich trotz Trennung noch nach dem anderen oder nach dem, was man von sich selbst dort gelassen hat.“ So beschreibt es die Psychotherapeutin Tabea Freitag in ihrer Sexualpädagogik „Fit for Love?“. Mit jedem Beziehungsabbruch lasse die Klebekraft der sexuellen Intimität nach und man verliere sich immer mehr, fasst Freitag ihre psychotherapeutischen Beobachtungen zusammen. Man kann sich für immer an seine erste Liebe, vielleicht noch an die zweite Liebe und die große Liebe erinnern, aber kaum ans letzte Tinder-Date. Die geistige Dimension stumpft von Affäre zu One-Night-Stand immer weiter ab und man verliert sich in Henchens „Ohjaaa-Sex-Baby“-Welt.

Kultur ist der auf viel Wissen um die menschliche Dreidimensionalität von Körper, Psyche und Geist beruhende Gegenentwurf zur körperbasierten Lustvereinigung. Die Prämisse lautet: Will man glückliche Kinder, braucht es Eltern, die eine glückliche Beziehung führen. Die Wahrscheinlichkeit für eine glückliche Ehe korreliert indirekt proportional zur Anzahl der Geschlechtspartner vor der Ehe. Sexuelle Exklusivität zwischen den Eltern stabilisiert Familien und ist die beste Voraussetzung für glückliche Kinder.

Gewandelte Einstellung zur Sexualität

Die Einstellung von Eltern zur Sexualität ihrer Kinder hat sich laut Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gewandelt. Im Jahr 1980 habe sich noch die Hälfte der Eltern gegen Geschlechtsverkehr vor dem 18. Lebensjahr ausgesprochen, 1994 seien es rund 25 und 2001 nur noch fünfzehn Prozent gewesen. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen würden heute viele Minderjährige zu Hause erleben, da die Eltern den Sex tolerierten.

Aufklärungsgespräche kommen vermutlich über das Verhütungsthema kaum hinaus. Frühe und wechselnde Beziehungen gehören zum „Erwachsenwerden“ dazu: „Erfahrungen machen“, „sich ausleben“, „sich ausprobieren“, „die Jugend genießen“, „sich die Hörner abstoßen“ und „nicht die Katze im Sack kaufen“, lauten die gängigen Phrasen, so wie „seine erste Freundin“ bereits die elterliche Erwartung beinhaltet, dass es bei dieser nicht bleibt.

Wie geht es den Eltern, wenn die Tochter total verknallt ihren „ersten Freund“ mit nach Hause bringt? Gibt es keinen Stich, eine leise Ahnung, dass es um mehr geht als um schöne Erlebnisse? Sind viele Eltern aufgrund eigener Brüche und Abstumpfungen emotional nicht in der Lage, die Tragweite zu überblicken? Oder fehlt den mehrfach Gescheiterten die moralische Glaubwürdigkeit, um gegenüber ihren Kindern als Spielverderber aufzutreten?

Körper und Geist gehören zusammen

Verhindern moralisierenden Fragen den „Ohjaaa-Sex-Baby“-Spaß? Bei körperlicher Intimität gehe es, so die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, um „die Freiheit zu erspüren, was einem Menschen guttut, was ihn oder sie erregt, und zwar unabhängig von gesellschaftlichen Leitbildern, Rollenklischees oder etwa der Generation, der ein junger Mensch angehört“. So gesehen sollten sich die Eltern einfach nur stolz zuzwinkern, wenn die beiden verknallten Teenager ins Kinderzimmer verschwinden. Egal wie das Leben so spielt, an ihr erstes Mal werden sie sich später ganz gewiss erinnern können…

Dr. Martin Voigt, Jahrgang 1984, ist Jugendforscher und Publizist. Er studierte in München Germanistik und Soziologie. Für die Bundespolizei initiierte er ein Präventionsprojekt, das auf seiner Forschung zur Identitätsentwicklung in den sozialen Medien basiert. Als Buch ist 2015 erschienen: „Mädchen im Netz. Süß, sexy, immer online“ Springer Spektrum. Eltern, die ihrem Kind das Spannungsfeld von Liebe, Sexualität und Ehe altersgemäß vermitteln wollen, empfiehlt Voigt das Aufklärungsmaterial der Elternaktion.

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