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Bildschirmfrei bis drei

Kinder- und Jugendärzte äußern sich kritisch zur Mediennutzung von Kleinkindern.
Kind mit Smartphone
Foto: KOSTIANTYN POSTUMITENKO | Entstehen so "Digital Natives"? Vmtl. wäre ein Spaziergang in der Natur trotzdem besser...

Handy, Tablet und Co. sind auch bei Kleinkindern auf dem Vormarsch, wie erste Ergebnisse der bislang nicht veröffentlichten miniKIM-Studie 2023 des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) aufzeigen. Seit über 25 Jahren begleitet der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest die Entwicklung der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen mit repräsentativen Umfragen. Bei einer Befragung von 600 Eltern mit Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren stellte sich heraus, dass knapp ein Viertel der Kinder täglich smarte Geräte wie Smartphones, Tablets, Laptops oder Sprachassistenten nutzt. Nimmt man Mediatheken, Streaming-Dienste, Computerspiele oder Apps dazu, sind es 44 Prozent, die täglich digitale Angebote nutzen. „Was die Medienausstattung der Haushalte betrifft, sind deutlich mehr Sprachassistenten zuhause verfügbar. Auch hat eine steigende Anzahl Familien ein Abo bei einem Pay-TV-Anbieter oder einem Streamingdienst", erklärt miniKIM-Studienleiter Thomas Rathgeb die Veränderungen seit der letzten Untersuchung aus dem Jahr 2020.

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Außerdem hat der direkte Zugang zu smarten Geräten seit 2020 um 50 Prozent zugenommen. Vier von fünf Familien haben ein Streaming-Abo und insgesamt 13 Prozent der Kinder einen direkten Zugang zu einem solchen Abo. Mit einer Steigerung um 50 Prozent steht nun jedem fünften Kleinkind ein eigenes Tablet zur Verfügung, bei den Vorschulkindern (4-5 Jahre) sind es bereits 28 Prozent. Ein eigenes Handy oder Smartphone besitzt jedes zehnte Kind.

Die Umfragen des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest würden zwar „als Standard für Deutschland genutzt, wenn man Trends des ,Normalen‘ in der Mediennutzung referieren möchte“, sie sagten aber „nichts zu der Frage, ob das Normale auch gesund ist“, betont Dr. Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. bvkj gegenüber der „Tagespost“. Der Kinder- und Jugendarzt mit eigener Praxis ist Beauftragter seines Verbands für Fragen des Mediengebrauchs durch Kinder und Jugendliche. „Bildschirmfrei bis Drei“, so lautet die generelle Empfehlung der Kinder- und Jugendärzte für die Mediennutzung von Kleinkindern.

Medienkonsum von Eltern und Kindern korrelliert

Man könne jetzt schon sagen, dass die Entwicklung der Kleinkinder negativ mit dem Medienkonsum der Eltern korreliere, erläutert Reckert unter Bezugnahme auf erste Ergebnisse der präinterventionellen Erhebung vor der Vorsorgeuntersuchung U5 von Kindern, die im Jahr 2022 geboren wurden. Die Daten von über 4.000 befragten Eltern zeigten unter anderem, dass die Zeit, die Eltern in Gegenwart ihres Kindes vor dem Bildschirm verbringen, mit statistisch signifikanten schlechteren Ergebnissen bei manchen Entwicklungsschritten der Kinder, so etwa im Bereich Sprache und emotionaler Entwicklung, einherging. Kinder, die viel Zeit in der Natur verbrachten, entwickelten sich offensichtlich besser. Knapp ein Fünftel der befragten Mütter zeigte zudem Anzeichen für riskante, schädliche oder abhängige Nutzung des Internets, bei den Vätern waren es sogar über 30 Prozent.

„Wenn kleine Kinder lange Zeit mit Bildschirmmedien verbringen, lernen sie ganz vieles nicht ausreichend, was sie ihr Leben lang benötigen: motorische Fähigkeiten, sensomotorische Integration, Sprache, bildliches Vorstellungsvermögen, phantasievolles Spiel, Impulskontrolle, soziale Fähigkeiten“, zählt Reckert auf. In einem Fachaufsatz plädierte der erfahrene Kinder- und Jugendarzt gemeinsam mit Kollegen dafür, dass „die primäre Sinnes- und Motorikentwicklung sowie die Sprach- und Denkentwicklung fortgeschritten sein sollten, bevor Eigenaktivität und Selbstbildung an der Welt durch Bildschirmmedien erschwert“ würden.

Der Pädiater ist „davon überzeugt, dass man gesamtgesellschaftlich Kinder- und Jugendmedienschutz insbesondere für kleine Kinder noch stärker auch als Schutz vor den modernen elektronischen Bildschirmmedien verstehen sollte und nicht ausschließlich als Schutz vor diversen Phänomenen innerhalb der resultierenden Medienwelten.“ Medienkompetenz könne man in ihrer Tiefe als auf Medien angewandte Lebenskompetenz verstehen. Daher bedürfe es kluger analoger Anregungen, durch die das Kind „Vorläuferfähigkeiten zu einer modernen Medienmündigkeitsentwicklung“ erlerne.

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Cornelia Huber

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