Familie

Aufklären - aber wie?

Durch Smartphones und das Internet ist Pornographie heute immer nur einen Klick entfernt. Gesunde Sexualaufklärung ist heute deshalb wichtiger denn je. Doch dafür braucht es mehr als nur guten Willen.
Gesunde Sexualaufklärung
Foto: JanPietruszka via www.imago-imag (http://www.imago-images.de/) | Kinder verdienen ein positives Verständnis von Sexualität und ein Bewusstsein für ihre Würde. Was ist nötig für eine gesunde Sexualaufklärung?

 Vielleicht denkt mancher Leser berührt an seine Teenagerzeit zurück, in der in seiner Familie nie über Sexualität gesprochen wurde und der Schulhof die Fragen beantwortet hat, die man zuhause nicht stellen wollte. So muss es nicht sein. Authentische, unverkrampfte und altersgerechte Aufklärung ist von enormer Wichtigkeit für die gesunde Entwicklung der Sexualität des Kindes. Sie trägt das Potenzial, dem Kind in seiner Geschlechtlichkeit Wert und Würde mitzugeben und fördert gleichzeitig einen selbstbewussten und schützenden Umgang mit dem eigenen Körper. 

Aufklärung ist ganzheitlich. Sie setzt sich aus vielen altersgerechten Gesprächen zwischen Eltern(teil) und Kind zusammen, aus spontanen Fragen, die im Alltag aufkommen und aus dem Umgang der Eltern miteinander. Aufklärung passiert im Alltag und ist dauerhafter Teil der Erziehung. Je natürlicher dabei das Thema „nebenherläuft“, desto weniger verklemmt und schambehaftet ist es für das Kind. Desto wahrscheinlicher ist es auch, dass es sich später mit seinen Fragen an seine Eltern wendet.

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Ganzheitliche Aufklärung beginnt früh

Wenn Erwachsene allerdings einen roten Kopf beim Thema Sex bekommen, fluchtartig das Thema wechseln, wenn die zehnjährige Tochter fragt, was ein Kondom ist oder sie keinen richtigen Begriff für den Penis des drei Jahre alten Sohnes haben, wird das Kind Sexualität als etwas Schambehaftetes wahrnehmen. Sexualität ist Gottes Idee. Besonders im christlichen Kontext findet sich jedoch oft ein schambehafteter Umgang mit diesem Thema.

Warum ist dies so? Die Pervertierung von Intimität durch die Pornoindustrie, Prostitution, das Überschreiten von gesunden Grenzen und vielem anderen hat der christlichen Gemeinde die Schönheit und Reinheit von gesunder Sexualität geraubt. Es wird Zeit, dass die Kirche sich diese zurückerobert. Ein eigener, gesunder Umgang sowie eine klare und lebensbejahende, auf christlichen Werten fundierte Aufklärung ist hierbei ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Aufklärung als kontinuierlicher Prozess

Eigentlich findet Aufklärung bereits ab der Geburt statt. Ein Baby kommt als Mädchen oder Junge auf die Welt. Es lernt seine Körperteile kennen und mit dem Sprechen bald auch deren Bezeichnung. Hier können Sie als Eltern schon ansetzen, indem sie die Geschlechtsteile richtig benennen und dem Kind, neben den Begriffen wie Nase, Mund und Fuß auch die Begriffe Penis oder Scheide näherbringen.

Im Alter von etwa zwei Jahren fangen Kinder an, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bewusst zu erkennen. Mit ungefähr drei Jahren beginnen sie, ihren Eltern „Löcher in den Bauch“ zu fragen. Ganz von alleine kann dabei die Frage aufkommen, wie ein Baby entsteht. Eltern können die Frage aufgreifen und die natürliche Neugierde ihres Kindes nutzen. Es spricht nichts dagegen, dass ein Kind weiß, wie ein Kind entsteht, bevor es in den Kindergarten kommt. Zur Unterstützung gibt es auch zahlreiche gute Bilderbücher.

Eine gute Beziehung ist die beste Prävention

Die erste Erfahrung mit einem Thema hat wissenschaftlich erwiesen die stärksten Auswirkungen auf ein Kind. Sprechen Sie deshalb rechtzeitig das Thema Sexualität an, bevor Ihr Kind durch seine Altersgenossen aufgeklärt wird. Frühe und altersgerechte Aufklärung sollte das Kind auch stärken, seine körperlichen Grenzen wahrzunehmen und diese auch einzufordern. Wenn ein Kind weiß, dass es Nein sagen darf, ist das unglaublich stärkend und ein wichtiger Entwicklungsprozess im Sinne der Selbstwirksamkeit.

Auch im Grundschulalter haben Kinder eigentlich keine Scham, Fragen zum Thema Sexualität zu stellen. Diese Fragen können wertvolle Anknüpfungspunkte sein. Sobald ein Kind eine Frage stellt, ist es auch bereit, eine Antwort zu hören. Würgen Sie Ihr Kind nicht ab, indem sie sagen: „Dafür bist du noch zu klein", sondern versuchen Sie, auf dessen Frage einzugehen. Damit lernt es, dass es keine blöden Fragen gibt und nimmt Sie als verlässlichen Ansprechpartner wahr.

Investieren Sie in die Beziehung zu Ihrem Sohn, Ihrer Tochter. Haben Sie Interesse an ihrem Leben, lernen Sie ihre Freunde kennen, verbringen Sie regelmäßig Zeit mit Ihrem Kind alleine, organisieren Sie Mama- oder Papa-„Dates“. Ermutigen Sie Ihr Kind dazu, dass es nichts Peinliches gibt, womit es nicht zu Ihnen kommen könnte. Wenn ein Kind dies gelernt hat, dann wird es sich vermutlich auch an Sie wenden, wenn es von einem Schulfreund Bilder oder Videos geschickt bekommt, die es verstören, weil pornografische Inhalte zu sehen sind. Wie wertvoll ist es da, wenn Ihr Kind weiß, dass es damit zu seinen Eltern gehen kann.

Kinder in ihrem Wert und ihrer Würde bestärken

Bis zur Teenagerzeit steht der Schutz des Kindes im Vordergrund. Mit dem Eintritt in die Pubertät verändert sich der Fokus und es geht mehr und mehr auch darum, dass Ihr Kind sich befähigt fühlt: mit den Umstellungen des Körpers klar zu kommen, die erste Regelblutung zu bewältigen, eine gute Körperhygiene zu haben und irgendwann dann auch ein beziehungsfähiger und verantwortungsvoller Partner sein zu können.
Gerade wenn in diesem Alter die Themen heikler und die Herausforderungen größer werden, ist eine gute Beziehung mit dem eigenen Kind das A und O.

Erzählen Sie Ihrem Kind aus Ihrem Leben. Wie war es damals für Sie, als Sie sich das erste Mal verliebt haben? Teilen Sie Persönliches, zeigen Sie sich verletzlich; das ist verbindend und schafft Tiefe. Ermutigen Sie Ihren Teenager, darüber nachzudenken, was für ihn in einer romantischen Beziehung wichtig ist. Je mehr ein Teenager weiß, was er möchte, desto weniger besteht die Gefahr eventuell in eine ungesunde Beziehung zu „rutschen“.
Gerade beim Thema Sexualität ist es so entscheidend, wie man über Dinge spricht. Ein belehrendes: „Du sollst aber nicht“ oder ein richtendes „Das ist falsch, das ist richtig“ kann viel kaputt machen und letztendlich die Beziehung, die Sie zu Ihrem Kind haben, beeinträchtigen. Wie viel nachhaltiger ist es, wenn ein Teenager von sich aus Nein zu Dingen sagt, weil Sie als Mama oder Papa ihn darin bestärkt haben, dass er Wert und Würde trägt.

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Bei der Weitergabe von Wertvorstellungen sollte nie nur „Richtig“ oder „Falsch“ im Mittelpunkt stehen, sondern immer das „Warum“ dahinter.
Wenn Sie merken, dass Ihr Kind pornografische Bilder auf dem Handy oder Pornoseiten aufgerufen hat, ist viel Feingefühl gefragt. Ruhe bewahren und nicht aus dem Affekt reagieren ist jetzt sehr wichtig. Suchen Sie das Gespräch, am besten von Mama zu Tochter und von Papa zu Sohn. Treten Sie hier nicht Ihre Verantwortung aus Hilflosigkeit an die Kirche oder Schule ab. Diese Gespräche sind sehr wertvoll für die gemeinsame Beziehung. Das Ziel dabei sollte immer sein, die Herzensverbindung zwischen Ihnen und Ihrem Kind nicht zu stören oder zu verlieren.

Wichtig ist, dass Ihr Kind merkt, es wird nicht verurteilt oder bevormundet, sondern darin ermutigt, Verantwortung zu übernehmen und entscheidungsfähig zu sein. Zudem kann ein offenes Gespräch von Herz zu Herz die Neugier für unbeantwortete Fragen senken, nach deren Antwort in der Pornografie gesucht wird.

Nicht verurteilen, sondern gemeinsam Lösungen finden

Stellen Sie die richtigen Fragen: Wie kam der Zugang bzw. der Kontakt zustande? Was hast du dabei empfunden? In welchen Momenten schaust du Pornos? (Stress, Überforderung, Langeweile, Neugier...) Die Frage nach dem Warum ist hierbei sehr entscheidend. Pornografie versucht eigentlich immer ein vorhandenes, emotionales Bedürfnis körperlich zu befriedenund stillt letztendlich nicht die eigentliche Sehnsucht. „Was würde dir helfen, dich zu schützen?“ Suchen Sie gemeinsam nach Lösungen, anstatt harte Regeln zu setzen. Diese sind oft ein Anreiz, sie zu überschreiten. 

Es gibt viele Möglichkeiten, dem Thema Pornografie proaktiv zu begegnen. Warnen Sie Ihre Kinder frühzeitig durch ein offenes und identitätsstiftendes Gespräch vor den Gefahren im Internet. Schützen Sie Ihre Kinder, indem Sie den Internetzugang auf U18-Seiten beschränken. Suchen Sie sich gegebenenfalls Hilfe, wenn es um die Einstellung an Ihrem Router geht. Würde es Ihrem Kind helfen, dass es seine Hausaufgaben am Esszimmertisch macht? Welche Handy- und PC-Zeiten sind sinnvoll oder ist es vielleicht an der Zeit, den PC aus dem Kinderzimmer zu nehmen? Diese Fragen sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind durchgehen.

Egal, ob Sie mit Ihrem Teenager über Pornos sprechen, oder erfahren, dass Ihre Tochter das erste Mal verliebt ist oder Sie Ihrem Kleinkind erklären, was der Unterschied zwischen Mann und Frau ist: Sprechen Sie mit dem Bewusstsein, das Sexualität im Ursprung etwas Schönes und Reines ist und mit dem Ziel, Wert und Würde zu stärken, anstatt zu richten oder zu verurteilen. Ihr Kind nimmt Ihre Einstellung zur Sexualität, Ihre persönliche Geschichte und Ihre Werte wahr, ob Sie es beabsichtigen oder nicht. Sie können als Eltern dem Thema Sexualität seine Schönheit zurückgeben und es als etwas Schützenswertes und Wertvolles vorleben.

Die Autorinnen sind pädagogische Fachkräfte und in der Leitung des Vereins free!ndeed tätig. Free!ndeed betreibt Pornografieprävention und hilft Christen, sich aus einer Pornografie-Abhängigkeit zu befreien.
Der kostenlose Onlinekurs „Kämpferherz“ von free!ndeed hilft männlichen Jugendlichen aus einer Pornografieabhängigkeit. Für Mädchen gibt es den „REIN.“-Onlinekurs, der neben dem Thema Pornografie auch das Thema Selbstbefriedigung in den Blick nimmt.

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