Würzburg

"Der einzige Platz der Freiheit"

Ehe und Familie kann man nicht abschaffen: Eine notwendige Replik auf einen Artikel in der ZEIT.

Guggenheim-Museum zeigt Picasso in Schwarz und Weiß
„Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen handelt es sich um ein Gefüge (...). Es sind die gleichen Grundstrukturen in einer Favela von Rio de Janeiro, wie im Kaiserpalast von Tokio“, schrieb der Philosoph Robert Spaemann. Pablo Picasso verstand es, das Bil... Foto: Picasso

Die ehrwürdige „ZEIT“ ist unter die Revolutionäre gegangen. Sie hakt sich ein bei den chaotischen Geistern, die die natürlichen Institutionen Ehe und Familie abschaffen wollen. Freilich nutzt sie, die bürgerliche Bildungselite ihrer Leserschaft schonend, literarische Kniffe wie rhetorische Fragen oder das als Rezension getarnte Plädoyer für eine These, die im Untertitel eines seitenlangen Artikels so zum Ausdruck kommt: „Schafft die Familie ab, fordern manche linke Theoretikerinnen: Kinder sollten von der Gesellschaft aufgezogen werden statt von ihren Eltern. Ist die Idee so abwegig?“

Ist die Idee "keineswegs abwegig"?

Für den Autor Lukas Hermsmeier ist die Idee keineswegs abwegig. Das macht er schon eingangs mit dem Gedankenspiel klar, wonach Utopien nur solange utopisch bleiben, als sie nicht verwirklicht werden oder wenigstens der Versuch ihrer Verwirklichung unternommen wird. Der wohlwollende Duktus der Tarn-Rezension und vor allem der Versuch, das Gedankengebäude der Ideologinnen als Kapitalismuskritik gesellschaftstheoretisch abzustützen, lassen leicht erkennen, wes Geistes Kind der Autor ist. Es wäre ehrlicher gewesen, dies bei so einem gewaltigen Thema von vornherein zu sagen. Immerhin geht es nicht nur um eine Systemfrage (Kapitalismus oder Sozialismus), sondern um das Menschenbild und die gesellschaftliche Verfasstheit der Menschheit insgesamt, seit der Mensch denken kann. Es geht nicht nur darum, Familie einem System unterwerfend dienstbar zu machen, wie die Nazis und Kommunisten es versuchten, sondern Familie und ihren Kern, die Ehe und das konjugale Prinzip, abzuschaffen.

Hermsmeier verfolgt wie seine gesellschaftstheoretischen Vorbilder Judith Butler und Sophie Lewis den Versuch, die Ur-these des Ahnherrn der 68er, Jean Paul Sartre, gesellschaftspolitisch umzusetzen. Sartre behauptete schlicht: „La nature de l'homme n'existe pas – Die Natur des Menschen existiert nicht.“ Damit wird alles verneint, was gesellschaftlich und naturordnende Funktion und Wirkung hat. Das ist die Basis des Konstruktivismus und des „Anything goes“, es ist die schiefe Ebene zu Promiskuität und Polyamorie, an deren Ende zwangsläufig die Abschaffung von Ehe und Familie stehen.

Dagegen stehen, was die Epigonen Sartres nicht kennen oder deren Realität sie in klassisch ideologischer Manier verweigern, wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa die des großen Sozioanthropologen Claude Levi Strauss. Sein Buch „Traurige Tropen“ hatte in den siebziger Jahren Kultstatus. Das Mitglied der Academie Française unterschied die Völker und Gemeinschaften in Vertikalisten und Horizontalisten. Demnach besteht für die Vertikalisten die Gesellschaft aus Kleinfamilien mit einem Mann, einer Frau und ihren Kindern, eine Art biologisches und psychologisches Naturgesetz. Die Filiation oder Abstammung, die Vertikale, wäre das Lebens-und Ordnungsprinzip. „Als Institution betrachtet“, schreibt Levi-Strauss, „ist die Familie Garant dieser Treue zur Abstammung, die die Generationen miteinander verbindet. Sie weckt im Individuum die ersten und tiefsten Empfindungen, formt Leib und Seele und erzeugt aus Liebe, Eigennutz und Pflicht verschieden lange Folgen von Ahnen und Nachfahren.“ Familien bezeichnet er als „Kettfäden“, von der Natur gespannt, damit der Stoff des Sozialen gewebt werden könne.

Zusammenwirken der Natur des Menschen mit seiner jeweiligen Kultur

Für die Horizontalisten gehe jede Familie daraus hervor, dass sich zwei Familien miteinander verbündeten und so die horizontale Ebene der Gesellschaft ausmachen. Wir haben es hier schlicht mit der Interaktion der Natur des Menschen mit seiner jeweiligen Kultur zu tun. Denn, so Levi Strauss, „die Familie gründet sich nicht nur auf biologische Notwendigkeiten – Zeugung, Geburt und Aufzucht der Kinder –, sondern ist auch sozialen Zwängen unterworfen. Zwischen Natur und Kultur stellt die Familie stets einen Kompromiss dar.“ Ohne Familien gäbe es keine Gesellschaft, aber es gäbe auch keine Familien, wäre nicht schon eine Gesellschaft vorhanden. Was war nun zuerst? Die Antwort ist einfach: Die Ehe oder, wie Levi-Strauss sagt, das konjugale Prinzip. Levi-Strauss hat sich zeitlebens – er lebte immerhin hundert Jahre und starb in geistiger Frische 2009 an einem Herzinfarkt – gefragt, ob es überhaupt ein Grundmuster der Familie gebe, das allen menschlichen Gesellschaften zugrunde liege und er hat, etwa zehn Jahre vor seinem Tod, diese vorsichtige, aber doch klare Formulierung gefunden: „Zwar verwerfen alle inzwischen die veraltete Theorie, nach der vor dem ersten geschichtlichen Auftreten der Familie unter den Menschen „Urpromiskuität“ geherrscht habe. Sie sind sich sogar darin einig, dass der Familientyp, für den monogame Ehe, selbstständiger Wohnsitz des jungen Paares und affektive Beziehungen zwischen Eltern und Kindern typisch sind, sowohl in unserer Gesellschaft als auch in jenen heimisch ist, die wir gern als technisch und ökonomisch unterentwickelt bezeichnen. (….)

Betrachtet man das ungeheure Repertoire von vier- bis fünftausend Gesellschaften, über die wir seit Herodot unterschiedlich gut Bescheid wissen, kann man nur sagen, dass die konjugale Familie offenbar recht häufig ist und wir es überall dort, wo die Familienverfassung von diesem Muster abweicht, mit Gesellschaften zu tun haben, die in ihrer sozialen, politischen, ökonomischen oder religiösen Entwicklung einen Sonderweg eingeschlagen haben.“ Auf solche familialen Sonderwege fremder Kulturen in Afrika, Indien oder bei den Eskimos mit ihrem Frauentausch berufen sich gern die Anhänger der Promiskuität oder der Polyamorie (jeder mit jedem) als Kronzeugen der Evolution. Aber es sind doch nur, wie die Wissenschaft zeigt, Randerscheinungen. Der Durchschnittsmensch ist eben kein Eskimo.

Utopisten und Revolutionäre

Will die ZEIT sich nun tatsächlich in die Reihe der Utopisten und Revolutionäre einordnen, die Randerscheinungen zur Norm erheben? Sartres Voluntarismus hält der Wirklichkeit nicht stand, es gibt die Natur des Menschen. Das konjugale Prinzip, das die Geschichte durchzieht, zeigt es. Es ermöglicht familiäres Leben und zwar in Gegenwart wie in der Vergangenheit. Wenn dieses Prinzip der Herkunft gekippt wird, dann geht mit der Herkunft auch die Zukunft verloren. Deshalb heißt es schon bei Kant: Die Ehe ist ein „für die Menschheit notwendiger Vertrag“. Und der bekannte Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk weist auf diesen Einsatz für die Menschheit hin, wenn er in seiner Schrift „Neue Zeilen und Tage“ von der heutigen „Labilität der genealogischen Fabrik“ schreibt, ich zitiere: „Nachdem die Herkunftslosigkeit das Schicksal der Modernen mehr und mehr bestimmt, wird mit der gleichgeschlechtlichen Ehe auch die Entscheidung für die Nachkommenlosigkeit als eine ihrer meist unausgesprochenen Grundtendenzen explizit gemacht. Das mit dem neuen Eherecht verbundene Adoptionsrecht verdeckt auf ziemlich durchsichtige Weise das mit ihm assoziierte Prinzip Kinderlosigkeit.“ Der ZEIT-Beitrag, der übrigens auch in der WELT, dem Spiegel oder anderen Publikationen des sogenannten Mainstreams hätte stehen können, verkennt auch den Kern des konjugalen Prinzips, der mehr ist als evolutionärer Zufall: Die Liebe.

Sicher, Liebe hat viele Gesichter, eins aber sind die Kinder, oder um es mit dem deutschen Frühromantiker Novalis zu sagen: Kinder sind sichtbar gewordene Liebe. Liebe ist eine geistige Kraft, die bindet und die Leben spendet. Deshalb ist es ja auch natürlich, und macht es Freude, sich zu lieben, leiblich und geistig. Die Familie hat im Lauf der letzten zweieinhalb Jahrhunderte, also seit der Industrialisierung und der entstehenden Sozialgesetzgebung mehr und mehr die Aufgaben der wirtschaftlichen Erhaltung, der Daseinsvorsorge bei Krankheit, Invalidität, Alter und so weiter verloren oder an den Staat abgegeben und sich zunehmend auf die Zeugung des Nachwuchses, seiner Sozialisation und auf die Pflege der innerfamiliären Intim- und Gefühlsbeziehungen beschränkt. Aber ihre Kernkompetenz hat sie noch nicht aufgegeben. Diese Kompetenz ist die Pflege und die Stabilität der emotionalen Befindlichkeit; analog verlief die Entwicklung bei der Ehe.

Gerade diese Stabilität gibt auch der Gesellschaft Halt. Benedikt XVI. sagt es so: „Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung“ und die Ehe als Voraussetzung für stabile Familien ist der Kern des Kerns. Die Ehe nutzt aber auch, rein ökonomisch gesehen, dem Einzelnen und der Gesellschaft. Stabile Beziehungen senken nachweislich die Risiken von Armut und Krankheit und erhöhen die Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit. Das größte Geschenk aber machen Ehe und Familie nicht sich selbst, sondern dem Staat. Sie sind es, die die berühmten Voraussetzungen schaffen, von denen der Staat lebt und die er nicht selber schaffen kann. Das sind soziale Tugenden wie Solidarität, Empathie, Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Verantwortung – alles Tugenden und Fähigkeiten, wovon Gesellschaft, Staat und Wirtschaft leben.

Es ist bezeichnend, dass – folgt man der wissenschaftlichen Literatur – „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt wird. Es sei, schreibt Heinz Lampert, der frühere Nestor der Familienpolitik, eine Leistung, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde.

Der Staat liebt nicht

All das kann der Staat nicht leisten. Er liebt nicht. Er gehört zu den „cold projects“, (Dahrendorf), wie sie Ideologen lieben, die die Ligaturen des Gemeinwesens aber weder erzeugen noch garantieren können. Die Natur dagegen, jene „sanfte Führerin“, wie Michel de Montaigne sie nannte, schafft Bindungen des Lebens. Und von ihr, der Natur, könne man sich nicht emanzipieren, meinte schon Robert Spaemann, und zur Frage des konjugalen Prinzips schrieb er: „Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen handelt es sich um ein Gefüge, das bei immer gleichen Grundstrukturen die unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Es sind die gleichen Grundstrukturen in einer Favela von Rio de Janeiro, wie im Kaiserpalast von Tokio.“ Die Ehe zwischen Mann und Frau ist der Kern der Familie und diese Lebensform bleibe „ohne gleichwertige Alternative“.

Die ZEIT verdrängt in diesem Sinn auch die entscheidende Frage für die Zukunft: „Was macht es mit Kindern, wenn sie nicht mehr der Gemeinschaft von Vater und Mutter entstammen, sondern mehr und mehr Produkte technischer Planungen werden?“ Diese Frage kam übrigens auch in der Debatte um die „Ehe für alle“ zu kurz und sie wird auch bei den aktuellen Diskussionen um Leihmutterschaft nicht gestellt. Im Kern aber geht es um die Kinder und nicht mehr um vermeintliche „Privilegien“ der Ehe. Diese Eheprivilegien sind gleichgeschlechtlichen Paaren mit der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ längst zugestanden worden. Das gilt sogar für das steuerliche Ehegattensplitting und die Hinterbliebenenversorgung. Und wenn es, wie Hermsmeier und der Titel seines Artikels suggerieren, nur um eine Systemkritik am Kapitalismus geht, dann darf man vielleicht auf die tröstlichen Worte von Gilbert K. Chesterton verweisen, die dieser vor fast hundert Jahren in Zeiten übelsten Kapitalismus schrieb:

„Die schlimmste aller modernen Anschauungen, die nur auf dem Boden des Reichtums wachsen konnte, ist die Ansicht, dass Häuslichkeit etwas Dumpfes, Eintöniges sei. […] Das ist wahrlich die Ansicht eines reichen Mannes! Der reiche Mann weiß, dass sein Haushalt auf mächtigen lautlosen Rädern dahinrollt; angetrieben von einem Heer schweigender Diener […]. Er hat ja genug Geld und kann es sich leisten, ein Landstreicher zu sein. […] Die Wahrheit ist natürlich, dass das Heim für die mittelmäßig Armen der einzige Platz der Freiheit ist. Mehr sogar! Es ist der einzige Platz für Anarchie. […] ist der einzige tolle Ort in einer Welt voll Zwang und Regeln.“