Würzburg

Pro & Contra: Zu Hause lernen?

Gibt die Corona-Krise einen veränderten Blick auf das Thema Homeschooling?

Debatte um das Homeschooling

Pro: Dem freien Rechtsstaat gemäß

Von Bernhard Huber

In Zeiten der Corona-Pandemie wird das Wort „Homeschooling“ wie selbstverständlich verwendet. Dabei gilt es juristisch als eine Ordnungswidrigkeit, wenn nicht sogar als eine Straftat. Aber jetzt, da die Schulen geschlossen sind, greift man nach diesem illegalen Strohhalm. Dank Homeschooling findet trotzdem Unterricht statt. Aber sonst ist unser Staat unerbittlich. Er ist der Meinung, dass nur eine Schulbildung gut ist, die nicht von den Eltern organisiert wird, und seien sie ausgebildete Lehrer. Wer nicht dafür sorgt, dass sein schulpflichtiges Kind eine dafür autorisierte Schule besucht, gilt als Schulverweigerer und ist ein Fall für die Behörden. Eine Meinung übrigens, die sich bis 1938 (!) zurückverfolgen lässt.

Erzieherische Verwantwortung

Aber in unserem demokratischen Staat sind es nun einmal die Eltern, die, wie es das Bundesverfassungsgericht ausdrückt, „höchstpersönlich“ die erzieherische Verantwortung für ihr Kind tragen. Natürlich, sie können eine Schule gründen. Aber selbst wenn eine solche Privatschule, sofern sie staatlich nur genehmigt und nicht anerkannt ist, keine Schulabschlüsse anbietet, kann in ihr die Schulpflicht erfüllt werden. Denn Schulpflicht ist alleine eine Altersfrage. Beginnend mit sechs Jahren dauert sie in Bayern zwölf Jahre, bestehend aus neun Jahren Vollzeitschulpflicht plus drei Jahren Berufsschulpflicht. Wenn aber Eltern die Beschulung ihrer Kinder abseits von den vorgegebenen Strukturen organisieren wollen, ist das nicht erlaubt. Obwohl die Lehrpläne inzwischen auf den Output, also auf das Bildungsergebnis hin getrimmt sind: Beim Homeschooling gilt das nicht.

Auf das Argument, Homeschooling wäre ein Einfallstor für politische oder religiöse Extremisten, die ihre Kinder ungehindert manipulieren würden, will ich gar nicht näher eingehen. Jeder weiß, dass sich Radikalisierungsprozesse überall abspielen können. Außerdem versteht es sich von selbst, dass das Homeschooling den Staat nicht aus seiner Aufgabe entlässt, darüber zu wachen, dass die Eltern als Homeschooler einen guten Job machen. Beispiele, wie das funktionieren kann, gibt es in vielen anderen demokratischen Ländern, auch in unserer Nachbarschaft, wo man keine Schulpflicht kennt.

Soziale Erfahrungen

Auch das Argument, Kinder würden nur in der Schule soziale Erfahrungen machen, erweist sich bei genauerer Prüfung als nicht stichhaltig. Denn die Schule ist ja gerade als Rückzugsraum für das Lernen gedacht. Soziale Erfahrungen macht der Mensch überwiegend außerhalb der schulischen Grenzen, und zwar zunächst in der Familie. Die Eltern sind für die Kinder die ersten Sozialkontakte und nicht die Lehrer. Wenn sie in die Schule kommen, müssen sie schon geübt darin sein, mit anderen Menschen umzugehen. Sonst wären sie mit sechs noch nicht schulreif. Das Homeschooling hat das Schmuddelimage, das man ihm anhängt, nicht verdient. Verglichen mit den Brüchen, die man unserem Schulsystem in den letzten Jahren zugemutet hat, wäre diese Erweiterung der schulischen Bildungsmöglichkeiten eine Kleinigkeit, geht es doch nur darum, das differenzierte Schulwesen um eine Facette zu ergänzen und nicht darum, es in Frage zu stellen.

Konflikt muss beendet werden

Die Eltern tragen die letzte Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder und für deren begabungsgerechte Bildung. Um sie dabei zu unterstützen, versucht der Staat mit einem breit gefächerten Angebot an Schulen, ob in privater oder öffentlicher Trägerschaft, eine möglichst individuelle Förderung der Kinder zu gewährleisten. Deshalb muss er auch das Homeschooling legalisieren. Es wäre nicht nachvollziehbar, wenn es nur vorübergehend als Notnagel genutzt und nach Corona wieder in die Illegalität verbannt würde. Der Konflikt zwischen dem natürlichen Elternrecht und dem dieses beschränkenden staatlichen Erziehungsrecht muss endlich einem freiheitlichen Rechtsstaat gemäß beendet werden.

Der Autor ist Diplom-Theologe und Geschäftsführer des bayerischen Landesverbandes der Katholischen Elternschaft Deutschlands.

Contra: Großteil der Schüler benachteiligt

Von Markus Kremser

Im Zuge der „Corona-Krise“ und der Aussetzung eines Unterrichtsbesuches lernen im Augenblick viele Kinder und Jugendliche daheim. Sie lernen im besten Falle unter der Anleitung ihrer Lehrer per Videochat oder Email und mit Unterstützung ihrer Eltern. Im besten Falle heißt: Die Familie verfügt über die technischen Geräte, mit denen sich online kommunizieren und lernen lässt. Die Eltern haben zudem einen hohen Bildungsstand und versuchen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Die Lehrer sind handwerklich didaktisch und pädagogisch darin geübt, mit Hilfe der neuen Medien Unterricht zu gestalten.

Gesellschaftliche Spaltung

Wer in deutsche Wohn- und Klassenzimmer schaut, wird sich schnell klar darüber, dass diese drei Bedingungen nur in den seltensten Fällen gegeben sind. Und dabei ist das, was die Schüler zwischen Flensburg und Garmisch derzeit praktizieren, noch gar kein „Homeschooling“. Denn unter „Homeschooling“ verstehen Bildungswissenschaftler nicht das „Lernen daheim“, wie es derzeit stattfindet, sondern in aller Regel ist damit Hausunterricht gemeint, der durch Eltern oder bezahlte Lehrer gegeben wird. Dieser Hausunterricht findet abseits der öffentlichen Schulen statt.

Diese Form des Lernens treibt aus mehreren Gründen die gesellschaftliche Spaltung voran. Zum einen können nur Eltern mit viel Geld sich Hausunterricht leisten. Es wurden schon vor Corona große Summen in Nachhilfe und Schulstoff ergänzendes Material investiert, um einen höheren Schulabschluss zu erreichen, der ein höheres Sozialprestige verspricht und Voraussetzung für ein gelingendes Leben zu sein scheint. Häufig übernehmen Eltern dabei auch die Rolle eines Nachhilfelehrers. Das führt nicht selten zu Spannungen in den Familien und macht Kinder wie Eltern nicht glücklicher. Ihnen fehlt vor lauter Schule freie Zeit für soziale, sportliche, verbandliche und kreative Aktivitäten.

Dabei lebt unser Gemeinwesen am besten, wenn das christliche Menschenbild in seiner Vielfalt der Begabungen, Fähigkeiten und Neigungen die gesellschaftliche Realität prägt. Schon bevor allerorten die Rede von „systemrelevanten Berufen“ war, hat die Katholische Elternschaft darauf hingewiesen, dass Bäcker und Altenpfleger in unserer Gesellschaft ebenso unverzichtbare Berufe sind wie Rechtsanwalt und Arzt.

Gefahr geistiger Indoktrination

Zum anderen öffnet die Beschulung zu Hause auch Tür und Tor für geistige Indoktrination. Nicht umsonst schwärmen beispielsweise Reichsbürger für diese Art von Schule. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ist nach wie vor eine der größten Sozialleistungen der vergangenen einhundert Jahre. Jedes Kind hat dadurch einen Anspruch auf Bildung, egal aus welchem Elternhaus es kommt. Jedes Kind kann somit Grundlage für ein selbstbestimmtes, selbstgestaltetes Leben schaffen. Dabei bieten öffentliche Schulen und Schulen in freier Trägerschaft mit unterschiedlicher Wertorientierung eine große Vielfalt an, die unserer pluralen Gesellschaft in einem demokratischen Rechtsstaat entsprechen. Nicht zuletzt ist in den Schulgesetzen verankert, dass JEDES Kind ein Recht auf Bildung hat. Es gehört zu den grundlegenden Verpflichtungen unseres Staates, dass dieses Recht auch für Kinder mit Beeinträchtigungen gilt.

Elternhaus ist keine Ersatzschule

Es sollte nicht nur in Zeiten der Pandemie selbstverständlich sein, dass Eltern den Schulalltag ihrer Kinder mit Interesse verfolgen. Sie helfen auf diese Weise ihren Kindern, Aufgaben und Probleme zu lösen. Dabei geraten Eltern immer wieder in Gefahr, sich zu Nachhilfe- oder gar Ersatzlehrern zu machen. Das Elternhaus ist aber keine Ersatzschule. Klare Absprachen zwischen Eltern und Lehrern helfen. Sie können den Eltern verdeutlichen, an welcher Stelle und wie sie unterstützend wirken können. Das stärkt auch das gegenseitige Vertrauen und macht deutlich, dass Eltern und Lehrer mit ihrer jeweils eigenen Kompetenz als Erziehungspartner für die Kinder da sind.

Der Autor ist Pressereferent für den Bundesverband der Katholischen Elternschaft Deutschlands.

 

Hintergrund: Die Eltern oder der Staat

Das Thema Homeschooling in Deutschland hat in der Vergangenheit auch immer wieder die Gerichte beschäftigt. Familie Wunderlich aus Hessen hatte bereits 2019 versucht, das Recht auf Homeschooling am Europäischen Gerichtshof einzuklagen. Zuvor hatten bereits Gerichte den Eltern das Sorgerecht über ihre Kinder teils entzogen oder sie in staatliche Obhut genommen. Am 11. Januar 2019 entschied dann der Gerichtshof, das Vorgehen des Staates sei keine Verletzung der Rechte der Familie.

Bis 1938 war der Unterricht zuhause, auch Homeschooling genannt, in Deutschland legal. Historisch galt es als Privileg, sich für seine Kinder einen Hauslehrer leisten zu können. Das ist auch in den meisten westlichen Ländern erlaubt. Es besteht dann nur Schulpflicht, aber kein Schulzwang.

Internationale Kritik

Deutschland ist schon mehrmals international wegen seiner Durchsetzung des Schulzwangs in die Kritik geraten. Häufig ist das Homeschooling in Ländern, in denen es erlaubt ist, sogar Teil der Verfassung. Wird das Homeschooling erlaubt, müsste im Gegenzug auch Islam- oder Koranunterricht durch private Einrichtungen erlaubt werden.

Die meisten Eltern, die in den Vereinigten Staaten zu Hause unterrichten, tun dies aus religiösen oder moralischen Gründen. So stellte etwa das deutsche Ehepaar mit fünf Kindern, Hannelore und Uwe Romeike, 2008 erfolgreich einen Asylantrag in den USA, weil sie sich wegen des häuslichen Unterrichts in Deutschland strafbar gemacht hätten. Sie forderten Religionsfreiheit.

In Deutschland räumt das Grundgesetz dem Staat eine Aufsichtspflicht über das öffentliche Schulwesen ein (Artikel 6, Absatz 2).

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