Würzburg

Wahrheit wirkt persönlich

Die Philosophin Sara Gallardo González gehört als erste Spanierin dem Neuen Schülerkreis Joseph Ratzingers/ Benedikts XVI. an. Ein Gespräch über die Faszination der Theologie des Papstes.

Joseph Ratzinger ist neuer Papst - Benedikt XVI.
Die Wahrheit spricht den Menschen persönlich an, erklärte der Theologe Joseph Ratzinger. Foto: IN

Frau Dr. Gallardo, was fasziniert Sie an der Theologie Joseph Ratzingers?

Die Philosophie hat mir persönlich den Zugang zur Theologie Ratzingers eröffnet. Auch wenn ich immer wieder gute philosophische Werke gelesen habe, konnte ich meinen Durst nach Wahrem, Tiefem, Ernstem und zugleich Leichtem und Heiterem erst in den Schriften von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. richtig stillen. Der Realismus seiner Theologie ist auch bemerkenswert. Er lässt in seinen Überlegungen über das menschliche Dasein keine Erfahrung unbeobachtet. Immer wieder stelle ich im Gespräch mit befreundeten Philosophen und nichtgläubigen Lesern fest, welchen Eindruck Ratzingers Texte hinterlassen: Die eigenen Fragen werden von ihm theologisch ernst genommen und tief verstanden, so dass man sich gleich zum Gespräch eingeladen fühlt. Andererseits macht er deutlich, dass die Wahrheit, die er vermitteln will, einen persönlichen Charakter hat. In dem Zusammenhang wird die Freiheit desjenigen, der sich mit der Wahrheit auseinandersetzt, persönlich angesprochen, aber niemals aufgedrängt.

„Allein die Heiligen können die Welt dauerhaft zum Besseren verändern“: Die Philosophin Sara Gallardo González lehrt an ... Foto: Privat

Papst Benedikt hat immer wieder zur Neuevangelisierung aufgerufen. Was können insbesondere die Frauen dafür tun?

In einem Interview aus dem Jahre 1988 sagte der damalige Kardinal, dass wir heute Menschen brauchen, die vom Evangelium getroffen sind. Ich denke, dass das Charisma der Frau in vielen Bereichen noch zu entdecken ist. Jede von uns muss sich von Christus lieben und umformen lassen, so dass sie ein Instrument der Gnade Gottes für diese Welt werden kann. Die Frau ist dazu berufen, die Zärtlichkeit und das Verständnis der Liebe Gottes für unsere menschlichen Schwächen zu zeigen. Diese Liebe ist gleichzeitig stark und lässt nicht zu, dass wir mit unseren Nachlässigkeiten einen Kompromiss schließen.

Die Frau befreit den Mann von der Gefahr, sich das Leben einerseits zu abstrakt vorzustellen und es andererseits nicht als ein Ganzes anzusehen, bei dem alle Aspekte der Person und des Lebens miteinander verknüpft sind. Deswegen versteht die Frau tiefer und intensiver, dass die personale Hingabe in der Liebe Gottes alles umfasst und alles zu prägen hat.

Was heißt das konkret?

Die Entfaltung ihrer Mutterschaft, geistig wie leiblich, befähigt die Frau, Menschen in ihren Bedürfnissen und Lebensumständen zu begleiten, für sie zu sorgen und ihr Wachstum zu fördern. Wie so viele heilige Frauen zu allen Zeiten können Frauen, wenn sie mit Christus innig verbunden bleiben, andere ins Glaubensleben einführen und sie geistlich beraten.

Viele der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten drehen sich im Kern um die Familie. Welchen Beitrag kann das Denken Ratzingers im Blick auf Bildung und Erziehung leisten?

Ratzinger korrigiert die heute verbreitete Vorstellung, der Mensch könne durch die Technik viel machen und glauben, bald noch mehr zu können. Technik vermittelt den falschen Eindruck, als ob alles im eigenen Leben von den eigenen Entscheidungen abhinge. Gott wird dabei kaum gebraucht. So wird heute von der Genderideologie die Idee verbreitet, dass Ehe und Familie von unserer Entscheidung abhängige Größen seien, die man beliebig gestalten könne. Heute sind starke Versuchungen zu sozialem Engineering bei Politikern spürbar, die stark auf einem individualistischen Verständnis des Menschen beruhen.

Dagegen betont Ratzinger die persönliche Dimension der Erziehung und der Bildung des Menschen. Die erste Voraussetzung der Erziehung sind die Nähe und das Vertrauen, die aus der Erfahrung der Liebe entstehen. Diese grundlegende Erfahrung machen die Kinder bei ihren Eltern, oder sollten sie zumindest machen. Erziehen heißt sich selbst zu geben und insofern den eigenen Egoismus zu überwinden. Andererseits betont er, dass Kinder, die – wenn auch mit guter Absicht – gegen Leid und Schwierigkeiten abgeschirmt werden, zu schwachen und weniger großherzigen Menschen heranwachsen. Schließlich versteht Papst Benedikt XVI. die Vertrauenskrise in das Leben, die fehlende Hoffnung, als die tiefste Wurzel der Erziehungskrise.

Initiativen wie Maria 2.0 sehen Frauen in der Kirche diskriminiert und fordern Reformen. Wie sehen Sie auf der Grundlage von Ratzingers Theologie die Stellung der Frau in der Kirche?

Die Theologie der Befreiung hat in der Kirche die Logik einer marxistisch-dialektischen Weltanschauung eingeführt, die menschliches Handeln verabsolutiert und ausblendet, dass menschliche Freiheit den Charakter einer Antwort hat. Der Glaube hat für die Befreiungstheologen keine praktische Dimension, so dass der Mensch allein für die Veränderung der Welt und der Kirche verantwortlich bleibt.

Andererseits sind diese Forderungen vor dem Hintergrund dialektischer Gegensätze und aus der Perspektive der Macht zu interpretieren. Aber die Logik der Liebe, die das Geheimnis der Kirche auslegt, ist weit davon entfernt. Die Proexistenz Christi ist die Perspektive, in der alle Charismen in der Kirche, auch das Weiheamt, auszudeuten sind. Es geht um den Dienst der Liebe. Nicht umsonst ist die Kirche von Paulus durch das Bild der Ehe beschrieben worden.

Auch wenn solche Initiativen vorgeben, im Namen aller katholischen Frauen zu sprechen, spiegeln sie meine Erfahrung als Katholikin nicht wider. Ich würde mir mehr Aufmerksamkeit für Andersdenkende wünschen. Gerade die marxistische Gleichmacherei führt zur Intoleranz gegenüber anderen. Ich liebe diese Kirche, die heilig und sündhaft zugleich ist, die mir den Glauben vermittelt hat, mich tagtäglich mit dem Leib Christi ernährt und mich von meinen Sünden losspricht, die der Welt dient und sich auch unter so vielen Verfolgungen für sie hingibt. Überzeugender als Maria 2.0 verkörpern Frauen wie die Mutter Jesu, Mutter Teresa von Kalkutta oder Edith Stein den Glanz und die Schönheit des Einflusses der Frauen auf dieser Welt.

Welche Frauen der Kirchengeschichte verkörpern Aspekte der Theologie Joseph Ratzingers besonders glaubwürdig?

Da ich an der Katholischen Universität „Teresa de Jesús“ von Ávila arbeite, beziehe ich mich auf diese große Frau, die Papst Benedikt wohl aufgrund ihrer augustinischen Prägung geistig nahesteht. Er nennt sie „eine wahre Lehrerin des christlichen Lebens für die Gläubigen jeder Zeit“, in deren Leben die Sehnsucht nach der wahren Liebe alles prägt. Für Ratzinger ist die Liebe ebenfalls das Zentrum des menschlichen Lebens. „Allein die Heiligen können die Welt dauerhaft zum Besseren verändern, denn durch sie werden Kräfte wirksam, die nur die Liebe zu Christus wecken kann“, hat er in der Audienz vom 15. September 2010 über Klara von Assisi angemerkt. Die Liebe bewegt die Sonne und die Sterne. Nach Edith Stein prägt die Liebe die Spiritualität der Frau auf eine tiefere Weise als die des Mannes. Deswegen ist Ratzinger besonders empfindsam für die Gabe der Frau in der Kirche, denn seine Theologie darf als eine Theologie der Liebe ausgedeutet werden. Professor Schönberger schildert ihn als einen derjenigen Theologen, „die die Liebe zu einem tragenden Begriff ihrer Theologie gemacht haben“. Die unbedingte Liebe zur Kirche und die innere Notwendigkeit, dass die Beziehung zu Gott das ganze Leben umfasst, sind sowohl sichtbare Merkmale des Lebens und der Spiritualität Teresas als auch des Werkes Ratzingers. Theologie hat mit dem ganzen Leben zu tun, denn es geht dabei um die persönliche Beziehung des Menschen mit Gott, eine Beziehung, die unsere Freiheit anspricht und nach einer Antwort verlangt.