„Wir werden geboren, um auf ewig zu leben“

Sie war schön, talentiert und gab ihr Leben für den Sohn. Die Kanonisierung von Chiara Corbella ist auf dem Weg. Von Barbara Wenz
Chiara Corbella und ihrer Familie begegnen Papst Benedicht XVI.
Foto: IN | Beim Papst auf dem Petersplatz: Kurz vor ihrem Tod wurde Chiara Corbella und ihrer Familie diese Begegnung geschenkt.

Die Geschichte von Chiara Corbella scheint zunächst eine typisch italienische Geschichte zu sein: Es geht um eine wunderschöne Frau mit einem blendenden Lächeln, ebenmäßigen Gesichtszügen, honigbraunem Haar, die wohlgeformten Schultern sind auf dem Hochzeitsfoto dezent umschmeichelt von feinster weißer Spitze – tatsächlich scheint dieses Bild eher eine Prinzessin zu zeigen, der die Welt zu Füßen liegt. Ihren Mann hatte Chiara im Jahre 2002 in Medjugorje kennengelernt; beide sind überzeugte katholische Christen. Doch erst im September 2008 entschließen sie sich, zu heiraten. Kurz darauf wird sie schwanger und dem Glück dieser beiden hübschen jungen Menschen scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Bis zu der schrecklichen vorgeburtlichen Diagnose für ihre kleine Tochter Maria Grazia Letizia – auf Anenzephalie, eine schwere Fehlentwicklung. Dem Baby fehlen wichtige Teile des Gehirns, auch des Schädels. Maria Grazia kommt nur zur Welt, um knapp eine halbe Stunde nach der Geburt zu sterben. Das junge Paar steht mit diesem Schicksalsschlag nicht alleine da – doch es ist die Art und Weise, wie sie versuchen, damit umzugehen: Sie sind überzeugt von der Liebe Gottes, der Maria Grazia erschaffen und wieder in seine zärtlichen Arme zurückgeholt hat. In dieser Überzeugung stehen sie gemeinsam auch den zweiten Schlag aus. Chiara wird erneut schwanger, diesmal mit einem Söhnchen. Auch Davide Giovanni ist so schwer behindert, dass er, wie sein Schwesterchen, nur gut eine halbe Stunde lang das Licht der Welt sehen, atmen, die Liebe seiner Eltern erfahren kann, bevor er stirbt.

Ihr Mann ging mit ihr durch die schwere Zeit

Chiaras Mann beschreibt diese Zeit der Verheerung mit Worten voller Zuversicht und Vertrauen. Für ihn und seine Frau sei es eine Zeit der Schönheit und der Gemeinsamkeit gewesen, die mehr als jedes Glück der Welt verbindet: Wie blind durch ein dunkles Tal zu wandern und zu spüren, dass da jemand ist, der die Führung übernommen hat. Spätestens jetzt ist diese Geschichte keine italienische mehr, sondern eine, die alle Menschen, alle jungen Ehepaare, alle werdenden Mütter und Väter angeht. Alle Menschen, die sich wie Hiob mit unermesslichem Leid konfrontiert sehen, das sie sich nicht erklären können. Chiara und ihr Mann haben darauf eine ultimative Antwort, und sie heißt: Bedingungsloses Gottvertrauen.

Zunächst scheint es aus irdischer Sicht dafür endlich eine Belohnung zu geben. Chiara wird zum dritten Mal schwanger, nachdem sie bereits zwei Kinder „in den Himmel geboren“ hat.

Es ist wieder ein Sohn, Francesco. Und er ist – ihre Gebete sind sichtlich erhört worden – ganz gesund. Aber die Mutter ist es nicht: Bei Chiara wird mitten in der Schwangerschaft ein Tumor festgestellt. Wiederum muss sich dieses junge Paar entscheiden, und auch dieses Mal ist klar: Das Kind wird zur Welt kommen – das Vertrauen auf die Güte Gottes ist immer noch größer als die Angst.

Chiara verweigert also die eigentlich dringend nötige Chemotherapie, um das Leben ihres Kindes zu retten und setzt alles auf eine Karte. Auf Gottes Karte. Es gelingt, Francesco wird gesund geboren, aber der Krebs hat zu diesem Zeitpunkt bereits auf Lunge, Leber und eines ihrer Augen übergegriffen.

Die letzten Fotos von Chiara zeigen eine glücklich lachende Frau mit einer dicken Binde über dem rechten Auge und dem kleinen Francesco im Arm. Beim Papst auf dem Petersplatz sowie in der Portiunkula von Assisi, wo sie Francesco im März 2012 seinem Schutzpatron und dem allmächtigen Gott weiht.

Im Juni 2012 erliegt Chiara ihrem schweren Leiden und wird auf dem römischen Friedhof Verano beigesetzt. Diese Geschichte ist keine rein italienische Geschichte. Und sie hat ein Happy-End.

Sie kann Frauen ermutigen, das Leben zu schenken

Denn wenn uns die Schönheit Chiaras schon angerührt hatte, wie viel mehr rührt uns dann angesichts ihrer Verstümmelung durch die Krankheit in ihrem finalen Stadium ihr bedingungsloses Vertrauen, ihre Liebe und ihre Zuversicht an. Unzählige junge Frauen wurden durch dieses Beispiel ermutigt, ihre Schwangerschaften wider alle vernichtenden Diagnosen fortzusetzen. Sie haben sich von Chiara anstecken lassen, von ihrem bedingungslosen Mut, ihrer Schönheit, die bereit war, sich dem Leiden preiszugeben, darum, Leben schenken zu dürfen, und sei es nur für wenige Minuten. Denn, so Chiara: „Wenn die Ewigkeit unser Bezugspunkt ist, dann ist alles, was mit uns passiert auf Erden so sehr klein.“

In einer Zeit ohne echte Hoffnung, ohne Glaube an das Gute und Schöne und ohne tiefe Liebe vor allem zu Gott, selbst wenn er uns im Stich zu lassen scheint, ist Chiara die Selige, die wir brauchen. Ihre Kanonisierung ist seit dem 13. Juni, ihrem fünften Todestag, auf dem Weg.

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