Heilige Schrift

Willy Wiedmann: Die Bibel des Besessenen

Der Stuttgarter Multikünstler Willy Wiedmann übersetzte die komplette Heilige Schrift – in 3 333 Bilder.
„Wiedmann-Bibel“ erleben
Foto: Bossenz | Die Bibel als visuelles Ereignis für alle Konfessionen: Wer zur Wartburg aufsteigt, kann die sogenannte „Wiedmann-Bibel“ erleben.

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist …“ Zum Glück haben sich Maler, Bildhauer, Theaterregisseure, Filmemacher und andere, die die Visualisierung und Illustrierung der biblischen Botschaft als kreative Aufgabe und oft auch als religiöse Berufung verstanden, vom Zweiten Gebot des Dekalogs nicht abschrecken lassen: Nie wäre jener in Jahrhunderten gewachsene künstlerische Kosmos entstanden, dessen Ausformung auch in unserer, gleichwohl immer wieder der Gottferne geziehenen Zeit fortdauert.

Bildenden Künstlern wie Matthias Grünewald, Albrecht Dürer oder Michelangelo, wie Francisco de Goya, Marc Chagall oder Salvador Dalí; aber auch Film- und Theaterregisseuren wie Cecil B. DeMille („Die zehn Gebote“), Mel Gibson („Die Passion Christi“) oder Christian Stückl (Passionsspiele Oberammergau) ist es wesentlich zu danken, dass die überlieferten, kanonisierten, mit diversen Dogmen und theologischen Traktaten unter- und überbauten Glaubenslehren im unablässig fließenden Sein ein Stück zeitbezogener Zeitlosigkeit darstellen, ohne einem inferioren Zeitgeist anheimzufallen.

Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit waren es zwei Revolutionen, die sich gegenseitig vorantrieben: die Reformation und der Buchdruck. Neben der Produktion religiöser Episteln und propagandistischer Flugschriften zur Verbreitung der neuen Bekenntnisse betraf das vor allem die im Gefolge von Luthers Bibelübersetzung stürmisch steigende Nachfrage nach solchen Ausgaben der Heiligen Schrift. Die technischen Innovationen sorgten für hohe Auflagen und zugleich erschwingliche Preise des Bestsellers.

Sensationsfund auf dem Dachboden

Auch die Bebilderung der Bücher des Alten und Neuen Testaments erlebte dank der mit Reformation und Gegenreformation einhergehenden Debatten um bibelbezogene Themen eine anhaltende Blütezeit. Ein Höhepunkt in diesem Schaffen war die 1860 erschienene „Bibel in Bildern“ des sächsischen Malers Julius Schnorr von Carolsfeld, einem der bekanntesten Mitglieder der in Rom wirkenden Künstlergruppe der Nazarener. Schnorrs Bibel vermittelte das Heilsgeschehen nicht primär über den Text, den er sehr sparsam verwendete, sondern über 240 Holzstiche. Analog erschien 1866 in Frankreich eine Bibel mit 230 Holzstichen des Malers und Grafikers Gustave Doré. Diese Ausgaben blieben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein populär, womit die Opulenz biblischer Bebilderung ihre Grenzen erreicht zu haben schien.

Dass dies ein Trugschluss war, zeigte sich, als nach dem Tod des Stuttgarter Malers Willy Wiedmann(1929-2013) sein Sohn Martin Wiedmann dessen Nachlass sichtete. Auf dem Dachboden der Galerie des Künstlers in der Tuchmachergasse 6 des Stuttgarter Stadtteils Bad Cannstatt lagerten vier Aluminiumkisten, deren Inhalt sich als Sensation offenbarte: 19 großformatige Leporello-Bände mit insgesamt 3 333 Bildern. Aneinandergelegt erreichen sie eine Länge von fast 1 200 Metern und schildern in chronologischer Abfolge die Geschehnisse und Geschichten sämtlicher Bücher des Alten und Neuen Testaments. Das inzwischen als „Wiedmann Bibel“ deutschlandweit und international bekannte genial-monumentale Kunstwerk war der Traum eines Mannes, der dessen Umsetzung 16 Jahre seines Lebens widmete.

Ein Besessener mit revolutionärer Maltechnik

Willy Wiedmann war ein Besessener, ein Perfektionist, dem es nie genügte, sich in einer einzigen Kunstdisziplin oder in einem einmal gefundenen und bewährten Stil einzurichten. Seit frühester Jugend begeisterte er sich für Musik, komponierte mit 13 sein erstes Menuett, studierte nach einer Lehre als Möbeltischler Orchesterfach und Komposition und nahm dann parallel zu seiner Arbeit als Musiker und Komponist ein Studium der Malerei und Bildhauerei auf. Dessen Abschluss folgte 1964 die Gründung der bis heute bestehenden Galerie in der Stuttgarter Tuchmachergasse. Wiedmann malte, bildhauerte, kuratierte (auch international), musizierte, komponierte, dichtete, legte sich rund ein Dutzend Pseudonyme mit entsprechenden Lebensläufen und individuellen Stilrichtungen zu, denen er „inkognito“ in seiner Galerie eigene Ausstellungen widmete. Bei der Komplettrestauration dieses Domizils, einem Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, zeigte sich Wiedmann als leidenschaftlicher Gebäudekünstler, der mit seinen unkonventionellen Praktiken zum Schrecken der örtlichen Ämter wurde.

Entscheidender Auslöser für die Inangriffnahme seines Opus magnum war für Wiedmann 1984 der Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung der Pauluskirche in Stuttgart-Zuffenhausen. Die Ausmalung des Kirchenraumes mit biblischen Szenen erfolgte in jenem innovativen Stil, den der Maler zwanzig Jahre zuvor kreiert hatte und der heute mit seinem Namen eine untrennbare Einheit bildet: der Polykonmalerei. Das Kompositum verweist einmal auf die Mehrtafelmalerei – polýs (griechisch: viel) und ikon (Bild/Tafel) –, kann aber auch als Vielwinkelmalerei übersetzt werden. Beides trifft auf dieses unverwechselbare Stilsystem Wiedmanns zu. Vor allem: Die revolutionäre Technik ermöglicht durch Zusammenreihung geometrischer Formen eine ununterbrochene, verfugte Folge von Bildtafeln, die sich so zu einer fortlaufenden Erzählung verbinden.

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Die Bibel in der Sprache der Bilder

Die Polykonmalerei war für Willy Wiedmann der Weg, sich seinen größten Traum zu erfüllen: die ganze Bibel ein weiteres Mal zu übersetzen – diesmal in die Sprache der Bilder. In einem wahren Schaffensrausch verwandelte er die über 30 000 Verse vom „Anfang“, da „Gott Himmel und Erde“ schuf (1. Mose 1), bis zur Botschaft Jesu: „Ja, ich komme bald!“ (Offenbarung 22, 20) in ein biblisches Band aus 3 333 Bildern, die das Heilsgeschehen in ein grandioses Panorama farbensatter, kraftvoller und zugleich poetisch-subtiler Darstellungen transformieren. Darstellungen, die nicht einfach das Illustrative eines gegebenen Textes betonen, sondern diesen Text gleichsam inkarnieren und direkt den Sinnen und Gefühlen des Betrachters darbieten. Wesentlich dafür ist Wiedmanns Detailbesessenheit, die jede Eindimensionalität ausschließt und jeder Szene interpretatorische Vielschichtigkeit verleiht.

Es ist ein wahres Jahrhundertwerk, das mit dem Jahr 2000 vollendet wurde. Doch warum lagerte es dann bis zum Tod des Künstlers 2013 auf dem Dachboden des Galerie-Hauses? „Mein Vater schrieb zahlreiche Verlage an, stellte sein Werk vor und bat um eine Veröffentlichung in Buchform“, sagt Martin Wiedmann. „Einige der Antwortschreiben habe ich gefunden. Sie waren durchweg positiv. Doch die Produktion wäre zu aufwendig und zu teuer gewesen. Die Digitaltechnik war noch nicht so weit, um dieses Mammutwerk in gebührender Qualität zu veröffentlichen. Später hinderten ihn sein fortgeschrittenes Alter und Krankheit daran, das Projekt weiter zu verfolgen.“

Werk mit einzigartiger Aura

Willy Wiedmann wollte das in absoluter Perfektion erschaffene Werk auch in perfekter Form veröffentlichen. Nicht zuletzt befürchtete er wohl den Verlust der einzigartigen Aura seiner Kunstschöpfung. Denn die Feststellung Walter Benjamins hat nie ihre Gültigkeit verloren: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“

Dass diese Aura bewahrt wird und bei immer mehr Menschen ihre inspirierende Kraft entfalten kann, ist das Anliegen Martin Wiedmanns. Er ließ das Bibel-Œuvre des Vaters vollständig digitalisieren, organisierte Ausstellungen in Deutschland, Europa und den USA. Und 2018 wurde auch der große Wunsch Willy Wiedmanns Wirklichkeit: In Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft erschien die Wiedmann-Bibel zum ersten Mal als Buch.

Wer sich selbst ein Bild von den 3 333 Bildern machen möchte, kann dies noch bis zum 31. Oktober im thüringischen Eisenach beim Aufstieg zur Wartburg tun: Mit der 1, 7 Kilometer langen Ausstellung „Eisenacher Pilgerbibel – Die längste Bibel der Welt“ ist das Meisterwerk (natürlich auf wetterfesten Kopien) erstmals für einen längeren Zeitraum vollständig der Öffentlichkeit zugänglich. Beste Chancen für den „Wiedmann-Moment“, den der Künstler in seinen Aufzeichnungen beschreibt: „Eines jedoch hatten sie alle, wenn sie mein liebevolles Atelier wieder verließen: Sie waren voll beeindruckt und ich spürte, dass mein Werk ihnen etwas gab, was sie ruhig, gelassen machte und mit einer gewissen Freude belud.“

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