Ludwig II.

Weltenrichter und Märchenkönig

Warum das Votivbild Ludwigs II. in der Landshuter Burgkapelle ein sublimes Werk ist.
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Foto: www.schloesser.bayern.de / Bayerische Schlösserverwaltung, A. Wiesneth | Ungewöhnlich: Der hl. Georg empfiehlt König Ludwig II an die Gottesmutter.

Lächelnd blickt die Gottesmutter auf das Christkind herab, das in ihrem Schoß sitzt. Dieses hat sich in einer lebhaften Bewegung nach rechts gewendet und breitet die Arme aus, um den in stiller Anbetung niedergesunkenen königlichen Pilger willkommen zu heißen. Zwischen Kind und König besteht ein inniger, vertrauter Augenkontakt. Voll Zuversicht blickt der Monarch mit den jugendlichen Gesichtszügen zum Jesuskind empor, das seine Linke nach dem royalen Besucher ausstreckt, als wolle es zärtlich dessen Stirn und Wange streicheln. In hermelinverbrämtem Ornat mit Schwert und Schild ist der König angekommen; hier – im Glauben an Jesus Christus – wird er als Mensch angenommen. Ergriffen legt er die Hand auf seine Brust – dorthin, wo ihm unter dem Königsmantel das Herz schlägt. Ist es Melchior? Balthasar oder Kaspar? Nein. Es ist kein Geringerer als „Märchenkönig“ Ludwig II., der dort in der Georgskapelle der Landshuter Burg Trausnitz kniet, in welcher er sich ein prächtiges Appartement hat einrichten lassen.

Die Landshuter Burg also ein Königsschloss? Noch eines neben Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee? Fast, denn in seinem 6. Regierungsjahr machte „der Kini“, wie Ludwig II. in Bayern liebevoll genannt wird, einen zweitägigen Kurzbesuch in der Hauptstadt Niederbayerns. Der Abend des 21. August 1869 war für die Besichtigung der alten Herzogsburg reserviert. „Mit großem Interesse haben Seine Majestät die Gemächer, wo einst die hohen Ahnen gewohnt haben, durchschritten und die alte Burg, wie mag sie sich gefreut haben, dass nach so langer Zeit ein königlicher Enkel dieser Ahnen ihr so große Aufmerksamkeit schenkte“ – hieß es daraufhin in der elektrisierten Lokalpresse.

Eine niederbayerische Nebenresidenz

Tatsächlich fristeten Burg und Stadt Landshut damals eine eher kümmerliche Existenz. Nach dem Aussterben der begüterten niederbayerischen Wittelsbacher Linie 1503 und der kriegerischen Wiedervereinigung Ober- und Niederbayerns zur Provinz herabgesunken, hallten von dem vergangenen Glanz nur noch Echos nach. Selbst gut gemeinte Infrastrukturmaßnahmen der Zentralregierung in München – etwa die zeitweilige Verlegung der Universität dorthin, oder die Garnisonierung von Soldaten – vermochten daran nicht zu rütteln. Kein Wunder, dass es von Landshuter Seite ein vermehrtes Interesse gab, dem jungen, schwärmerischen König die Flause in den Kopf zu setzen, sich in der alten Wittelsbacher Stammburg ein Quartier, womöglich gar eine „niederbayerische Nebenresidenz“ einzurichten, denn baufreudig war der Monarch. In Linderhof begann in diesem ereignisreichen Jahr 1869 das Louis-II-Rokoko die ersten Blüten zu treiben und fürs ewige Fernweh sollte seine eben erst fertig möblierte Münchner Wohnung einen riesigen Dach-Wintergarten erhalten – gemaltes Himalaya-Panorama inklusive.

Doch statt von einer biederen Niederbayernburg träumte der 26-Jährige von einem byzantinischen Palast im Graswangtal und dazu noch von seinem sagenumwobenen „Tmeicos Ettal“. Die aus der Bourbonendevise „L'État, c'est moi“ (Der Staat bin ich) gebildete Chiffre war der Geheimcode für ein dem französischen Sonnenkönig geweihtes, begehbares Denkmal. Später wurde Schloss Herrenchiemsee daraus; Versailles in Bayern; Ludwigs kostspieligstes Projekt. Akribisch ließ sich der Bayernkönig jeden Entwurf vorlegen, notierte kritische Anmerkungen, ordnete Ausbesserungen an und trieb die ausführenden Künstler mit seiner pingeligen Detailversessenheit bisweilen an den Rand des Wahnsinns. Ludwig II. trat dabei weniger als Bauherr in Erscheinung, denn als Regisseur; als kompromissloser Künstler, der die ihm zuarbeitenden Gewerke zu Höchstleistungen antrieb, beziehungsweise antreiben ließ, denn der König verkehrte mit keinem seiner Künstler – besser: Kunsthandwerker – persönlich. Kabinettssekretär Lorenz von Düfflipp war Ludwigs Mann fürs Grobe, der allerhöchstes Lob, meistens aber allerhöchsten Tadel zu übermitteln hatte. Und wehe, wenn einer sich einmal eine Eigenmächtigkeit erlaubte, wenn der Goldton nicht die richtige Farbe traf!

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Landshut war Ludwigs Ding nie

Landshut und Burg Trausnitz dagegen blieben für Ludwig nur Episode und anderntags reiste Ludwig wieder ab. Nur wenige Tage nach der niederbayerischen Eskapade war die Grundsteinlegung von Schloss Neuschwanstein geplant und bald darauf würde Richard Wagners langersehntes Rheingold seine Uraufführung erleben – royal business as usual. Dennoch gab er am 18. März 1870 auch für Landshut grünes Licht, „in dieser einst so herrlichen Fürstenburg, dem alten Wohnsitz meiner Ahnen, ein Absteigequartier für Mich einrichten zu lassen“. Die Bauleitung überließ er dem örtlichen Kreisbaubeamten. Der lieferte auch brav die Entwürfe für die königliche 3-Zimmer-Einliegerwohnung. Audienzzimmer, Arbeitszimmer und Schlafzimmer – alles in Altdeutsch, Eiche massiv mit schweren Möbeln und voluminösem Rollwerkdekor. Burg Trausnitz also ein weiteres Königsschloss? Nein. Landshut war Ludwigs Ding nie. Während die handschriftliche Korrespondenz über seine anderen Kunstinstallationen ganze Bücher füllen könnte, widmete der Künstlerkönig seiner bürgerlich möblierten Burg keine Zeile. Mit einer Ausnahme. Einzig dem eingangs beschriebenen, sogenannten Stifterbild galt sein besonderes Interesse, das für die altehrwürdige, aber dringend zu restaurierende Burgkapelle bestimmt war.

Das kleine, dem Ritterheiligen Georg geweihte Gotteshaus stammt noch aus der Gründungszeit der Burg, also aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Gegenüber der Fürstenempore an der Westseite befindet sich eine zweite vor der Altarwand im Osten. Verbunden werden die beiden Balkone durch einen später eingebauten, hölzernen Laufgang. Während im Erdgeschoß der gotische Hochaltar sowie zwei weitere Flügelaltäre stehen, von denen einer auch die Anbetung der Könige zeigt, befindet sich ein weiterer Altar auf der Ostempore darüber. Die absolute Besonderheit der Burgkapelle ist aber der ungewöhnlich umfangreiche, frühgotische Figurenschmuck, der zusammen mit dem frei von der Decke hängenden Triumphkreuz die christliche Heilsidee vor Augen führt.

Die Nische des Stifters

Die halbrund eingetiefte, zentrale Nische des Emporenaltars im Obergeschoß wird flankiert von zwei weiblichen Heiligen unter aufwändigen Baldachinarchitekturen. Ihre Haltung, die lächelnden Gesichter und die höfische Gewandung waren damals der letzte Schrei der französischen Kathedralplastik – in Landshut war man auf der Höhe der Zeit. Zusammen mit den Figuren der Kreuzigungsgruppe werden sie auf das zweite Drittel des 13. Jahrhunderts datiert. Die Wände links und rechts davon werden durch zwei Doppelnischen mit weiteren Figuren aufgelockert, u. a. Mariae Verkündigung vom gleichen Meister. Ungewöhnlich sind auch die Skulpturen an der Brüstung der Ostempore, die wenig später entstanden, jedoch eine andere Handschrift zeigen. Der Weltenrichter ist dort im Kreise von Aposteln und Heiligen zu sehen. In Frankreich kennt man solche Apostelgalerien nur von den Fassaden; in Landshut ziert sie das Innere. In der Spätgotik wurde die alte Flachdecke durch ein modernes Netzgewölbe ersetzt. Da dessen tief ansetzende Wölbung in die seitlichen Doppelnischen einschnitt, mussten diese verschmälert und die äußeren Figuren tiefer gesetzt werden, weswegen Gabriel mit der Verkündigungsbotschaft heute tiefer steht, als seine überraschte Adressatin. Ob die Figuren der südlichen Doppelnische schon damals verschwanden oder erst später, ist nicht mehr zu klären. Als Ludwig II. sich der heruntergekommenen Stammburg annahm, war die Nische jedenfalls leer und es soll der auf der Burg lebende Archivkonservator gewesen sein, der die Idee dazu hatte, den edlen Bauherrn dort als Stifter zu verewigen.

Auftrag des Hofsekretariats

Im Februar 1871 erging der Auftrag des Hofsekretariats an den Bildhauer Joseph Knabl, der an der Münchner Königlichen Kunstakademie den Lehrstuhl für Christliche Plastik innehatte. Mit seiner Dreierkomposition von Gottesmutter mit Kind und König gelang dem gebürtigen Tiroler eine seiner gereiftesten Schöpfungen, eine Perle der historistischen Bildhauerei. Aufmerksam, ja, fast neugierig neigt die auf einem Thron sitzende Maria den Oberkörper leicht nach links, um die Gesichtszüge ihres Sohnes betrachten zu können. Ihre linke Hand ruht auf der Schulter des knienden Königs, als breite sie ihren Schutzmantel gleichsam über ihn wie auch über sein Bayern aus. Obwohl er den prunkvollen, blauen Großmeisterornat des Hausritterordens vom Heiligen Georg mit Ordenskette und Ritterschwert angelegt hat, erscheint der jugendliche Ludwig nicht in Stifterpose, sondern wie auf einem Ex Voto; wie er sich – geleitet vom heiligen Georg – beim Regierungsantritt der Patrona Bavariae weiht. Schon im Oktober 1871 war das Reliefbild vollendet und musste nur noch farbig gefasst werden.

Von Flammen verschont

Auch wenn Ludwig II. Landshut nie mehr besucht hat, so gelangte er mit Knabls Figurengruppe doch noch dorthin – in ewiger Anbetung des Fleischgewordenen und in Gestalt einer der wenigen, noch zu seinen Lebzeiten gefertigten, vollplastischen Darstellungen. Sein Votivbild überlebte sogar den verheerenden Brand der Burg von 1961, in dessen Flammen das verschmähte Absteigequartier unterging. Wie durch ein Wunder blieb die Georgskapelle, dieses Schatzkästchen des Christentums, von den Flammen verschont. Und der König? Ludwig hat das Kunstwerk nie gesehen, ließ sich aber ein Lichtbild davon kommen, denn anders als an seiner zeitlichen Bleibe lag ihm sein bleibendes Bild ehrlich am Herzen. Und laut Versicherung ihres Kabinettssekretärs Düfflipp waren Majestät von Knabls Wurf sehr angetan.

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