Krippe

„Weihnachten ist keine Kirmes“

Der „Singende Hirte“ Reiner Jacobs führt im Eifel-Dorf Höfen Menschen an der Krippe zusammen.
Der „singende Hirte" Reiner Jacobs mit seiner Krippe
Foto: Gerd Felder | Inzwischen eine Berühmtheit in der Eifel: Der „singende Hirte" Reiner Jacobs mit seiner Krippe.

Unzählige Male hat das Fernsehen über ihn berichtet, und auch die Ehrungen, die ihm zuteil wurden, sind zahlreich: Reiner Jakobs war bereits zu Gast beim ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck und erhielt das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Keine Frage: In der Eifel ist der „singende Hirte“ aus dem Dorf Monschau-Höfen eine Berühmtheit.

1991 hat Jacobs mit seiner Tätigkeit als Hirte angefangen, als jemand für den Krippenbau in der Höfener Kirche St. Michael gesucht wurde und er diese Aufgabe übernahm. Schon in jungen Jahren habe er Krippen gebaut, erinnert sich der heute 81-Jährige. Und auch die Musik sei schon immer sein Hobby gewesen, weswegen er unter anderem in einer Tanzkapelle mitgespielt habe. Beruflich war er dagegen ganz anders orientiert, hat Unfallwagen quer durch die Eifel zu den Uni-Kliniken in Aachen und Köln gesteuert, später die Chefs der Feuerwehr gefahren. Seine Bescheidenheit und Authentizität sind nicht aufgesetzt oder einer Mode geschuldet, sondern kommen von Herzen.

Landschaftskrippe mit vielen Tieren

Die riesige Landschaftskrippe in der Höfener Kirche, die bis zu 30 Meter breit und 10 Meter hoch ist, trägt Jakobs´ eigene Handschrift. Vorbereitung, Aufbau und Nachbereitung nehmen insgesamt ein halbes Jahr in Anspruch und beginnen bereits im Sommer. Was dem Betrachter der Krippe sofort auffällt, sind die ungewöhnlich vielen Tiere an der Krippe: Adler, Rehe, Füchse, Igel, Marder, Kohlmeisen, Fasane, Elstern, Enten und Eichhörnchen prägen das Landschaftsbild, das mit seinen Felserhebungen und Weihern der realen Eifel nachempfunden ist. „Junge Leute wollen heute keine ausgestopften Tiere mehr im Haus haben und bringen sie mir deshalb für meine Krippe“, erläutert Jakobs deren Herkunft. Die Schafe mit ihren großen Augen bastelt er im Sommer selbst, und Ochs und Esel dürfen – beide in fast voller Lebensgröße – natürlich ebenfalls nicht fehlen. Ein Hingucker ist vor allem die Werkstatt des Josef, die originalgetreu nachgebaut ist und in der man die Hobelspäne buchstäblich fallen sieht.

Den hoch über allem schwebenden Verkündigungsengel hat eine Ärztin aus Aachen angefertigt, die Maria hat Jakobs´ Tochter gebastelt. Den unübersehbaren Stern von Bethlehem hat der „singende Hirte“ selbst aus den glänzenden Folien von Rettungsdecken zusammengesetzt. „Was mir in diesem Jahr fehlt, ist das sich ständig drehende Wasserrad“, bedauert der „singende Hirte“. „Ich höre sein Plätschern so gern.“ Überhaupt haben die Corona-Jahre unübersehbar ihre Spuren hinterlassen, wie der 81-jährige selbst einräumt. Vor zwei Jahren konnte er überhaupt nicht als Hirte auftreten, und vor einem Jahr baute er nur eine stark verkleinerte Version der Landschaftskrippe auf. Auch in diesem Jahr hat er darauf verzichtet, das große Bauwerk wie sonst üblich mit höheren Etagen zu versehen und noch mehr in die Breite auszubauen, denn seine langjährigen, treuen Helfer beim Aufbau sind weniger geworden und zählen inzwischen nur noch fünf statt früher einmal zehn Personen.

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Der singende Hirte

Acht Wochen lang, vom ersten Advent bis Ende Januar, ist der singende Hirte tagsüber in der Kirche Sankt Michael präsent, tritt regelmäßig mit Gitarre, Mundharmonika und Panflöte auf und singt mit den Gruppen, die ihn und die Landschaftskrippe besuchen kommen. Waren das vor Corona noch bis zu 10 000 Besucher in einer Saison, wie der Westdeutsche Rundfunk einmal errechnete, so hat die Resonanz inzwischen deutlich abgenommen, die Anmeldungen sind zurückgegangen, und es kommen nicht mehr so viele Busse wie früher. „Wenn zwei Jahre mehr oder weniger Pause entstehen, fällt manches bereits hinten herunter“, meint der „Hirte“ bedauernd. Immerhin kommen aber weiterhin nicht nur Deutsche, sondern auch viele Belgier und Niederländer, denn Höfen liegt mit seiner Krippe nahe an den Grenzen zu den Nachbarländern. Die meisten Besucher melden sich aber nicht mehr an, sondern kommen ganz einfach spontan vorbei, wie Irmgard Jakobs, Reiners Frau, die für die Planung und Koordinierung der Termine zuständig ist, zu berichten weiß. Vor allem Kindergärten und Schulen halten dem „Hirten“ die Treue und beleben das Gotteshaus, und da der romantische Weihnachtsmarkt der spektakulär gelegenen Eifel-Fachwerkstadt Monschau, der alljährlich viele Touristen aus nah und fern anzieht, gleichsam um die Ecke liegt, kommt es häufiger vor, dass dessen Besucher auch Reiner Jacobs und seiner schon legendären Landschaftskrippe einen Besuch abstatten und mit ihm Advents- und Weihnachtslieder singen.

Ein Purist ist der Mann mit breitkrempigem Hut und Felljacke, der alles auswendig und ohne Noten spielt, allerdings nicht: Von seinem Platz in einer lauschigen Höhle aus, die sich er sich selbst gebastelt hat, stimmt er neben „Stille Nacht“ oder dem „Ave Maria der Berge“ auch gern Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Schön war die Zeit“ an und stößt damit gerade bei älterem Publikum auf große Resonanz. Immer wieder bekommt er auch Unterstützung von Profis: Vor fünf oder sechs Jahren hat ihn Heino aufgesucht, und in diesem Jahr hat er bereits zusammen mit dem Musikverein „Lyra Höfen“ und dem Chor Maranatha gesungen, im neuen Jahr wird er zusammen mit dem Blechbläserensemble aus Mechernich und Euskirchen auftreten.

Auftritte sind kein Selbstzweck

Doch die Auftritte von Reiner Jacobs und sein langjähriges Engagement für die Landschaftskrippe sind kein Selbstzweck: Von Anfang an hat er Spenden für den Förderkreis „Hilfe für krebskranke Kinder im Klinikum Aachen“ gesammelt und dabei beträchtliche Erfolge erzielt. Allein im vorigen Winter konnte er dem Verein 78 450 Euro überreichen. Der „singende Hirte“ tut alles dafür, um die Bedingungen der kleinen Patienten und ihrer Angehörigen zu verbessern. Selbstverständlich hat er sie auch schon einmal in Europas größtem Krankenhaus besucht und war erstaunt, wie lebhaft und fröhlich, persönlich und kindgerecht es auf der Station der Kinderonkologie im Aachener Klinikum zugeht. Er konnte sich persönlich davon überzeugen, dass die besondere, familiäre Atmosphäre dort auch ein Verdienst der vielen Sponsoren des Förderkreises und nicht zuletzt seiner selbst ist, da er sich mit seinen wochenlangen Auftritten als „Hirte“ in der Höfener Kirche St. Michael für die Belange der Kinder einsetzt.

Aktuelle Botschaft

Dass die Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr, in dem nach Jahrzehnten wieder ein entsetzlicher Krieg in Europa tobt, besonders aktuell ist, dessen ist sich Reiner Jacobs voll bewusst. Gerade noch hat ihn eine ukrainische Gruppe besucht. „Weihnachten ist keine Kirmes“, mahnt der singende Hirte. „Wir brauchen den Frieden, der von der Krippe ausgeht, dringender denn je.“

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