Christen im Nordirak

Weihnachten ist gerettet

„Helfen bringt Freude“-Transport trifft rechtzeitig vor dem Fest bei Christen im Nordirak ein – Gemeinde kann Lebensmittel und Brennstoff verteilen.
Pfarrer Samir Yousif Al-Khoury bereitet sich mit seiner Gemeinde in Enishke auf Weihnachten vor.
Foto: Tomas Waad | Pfarrer Samir Yousif Al-Khoury bereitet sich mit seiner Gemeinde in Enishke auf Weihnachten vor. Die Krippe ist bereits aufgebaut.

Weihnachten kann kommen: „Und es wird für die vielen Flüchtlingsfamilien ein warmes Weihnachtsfest, an dem sie auch gemeinsam essen können.“ Samir Yousif Al-Khoury, Pfarrer in Enishke, einem kleinen Dorf hoch oben in den Bergen der Autonomen Region Kurdistan, nahe der Grenze zwischen dem Irak und der Türkei, hat an diesem Montag in der Woche nach dem dritten Adventssonntag alle Hände voll zu tun. Gemeinsam mit seinem Team entlädt der Geistliche einen Lkw mit 200 Lebensmittelpaketen und 200 Weihnachtspäckchen. Auf einem zweiten Fahrzeug kommt Brennstoff für Heizungen: 200 Familien erhalten jeweils 120 Liter Kerosin. Schließlich trifft ein Generator ein, der bei den häufigen Stromausfällen Schule und Kindergarten mit Elektrizität versorgt. „Helfen bringt Freude“ ist auf den Aufklebern zu lesen. Finanziert aus den ersten Spenden der gleichnamigen Weihnachtsaktion 2021 der „Schwäbischen Zeitung“, bringen diese Pakete tatsächlich Freude: „Hier in Enishke und in der Umgebung leben 1 500 einheimische Christen, die 500 völlig mittellose Flüchtlinge aufgenommen haben“, berichtet Al-Khoury am Telefon, „Christen aus der Ninive-Ebene, Jesiden aus dem Shingal-Gebirge, Syrer und Kurden, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können. Dass Ihr uns dabei unterstützt, erfüllt uns mit großer Freude“, dankt er den Leserinnen und Lesern der „Schwäbischen Zeitung“.

Helfen bringt Freude

Der 46-jährige Al-Khoury, chaldäisch-katholischer Priester, ist ein umfassend gebildeter Partner für „Helfen bringt Freude“. Neben der Gemeindearbeit ist er in der Ausbildung junger Theologen in der Provinzhauptstadt Dohuk unterwegs. Sein Fundament: „Ich war nach der Priesterweihe seit 1999 in Mossul tätig, ging dann im Auftrag meines Bischofs zum Aufbaustudium nach Rom“, berichtet Al-Khoury. An der päpstlichen Universität Gregoriana studierte er Dogmatik: „Moderne Theologie“. Seine Kirche, die chaldäisch-katholische Kirche, eine mit Rom unierte Ostkirche mit ostsyrischem Ritus, lege größten Wert auf den akademischen Austausch mit der römisch-katholischen Denk- und Lebensweise: „Wir sind doch Brüder und Schwestern!“ Doch nach Ende des Aufenthaltes in der „Ewigen Stadt“ und der Rückkehr in die Heimat musste Al-Khoury Mossul verlassen: „Ich bringe selbst Fluchterfahrungen mit. Denn als ich im Jahr 2010 zurück in den Irak kam, waren die meisten christlichen Familien vor der Terrormiliz ,Islamischer Staat? bereits aus Mossul weggegangen.“ Viele Christen flohen, weil ihnen der Tod drohte und brachten sich in Sicherheit. Die Millionenmetropole war die größte Stadt, die die IS-Terrormiliz bei ihrem Eroberungszug bis 2014 unter ihre Kontrolle bringen konnte. „Mein Bischof bat mich, die Familien auf der Flucht nicht alleine zu lassen, also ging ich mit ihnen“, erinnert sich Al-Khoury, „im Norden des Irak fanden wir Zuflucht.“

Seit fast zwölf Jahren ist Al-Khoury in Enishke als Seelsorger tätig: „Und in den umliegenden fünf Dörfern.“ Seine Aufgabe: „Wir wollen im Irak christliches Leben fortführen, hier bleiben, auch wenn wir immer weniger Christen sind.“ Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zur islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert stellten Christen im irakischen Kernland die Bevölkerungsmehrheit. Die immer wieder verfolgte christliche Gemeinde in dem heute überwiegend muslimischen Land ist in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft. Zwischen 200 000 und 590 000 Christen leben nach Schätzungen der Kirche und Hilfsorganisationen heute noch im Irak – von einst bis zu 1, 4 Millionen Ende der 1980er-Jahre.“ Allein in Enishke hat sich fast ein Drittel der ehemals über 2 100 Christen zur Flucht entschlossen: „Ein wahrer Exodus.“ Das Jahr 2021 aber könnte für die Christen im Irak eine Wende zum Positiven gebracht haben: Papst Franziskus hatte als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche überhaupt das Land im März besucht und seine Botschaft vom friedlichen Zusammenleben zwischen den Menschen „Fratelli tutti“ (in etwa: Wir sind alle Geschwister) in die krisengeschüttelte Region getragen.

Positive Bilanz des Papstbesuchs

Unumstrittene Führungspersönlicheit der Christen im Irak ist Kardinal Louis Raphael I. Sako, der Patriarch von Bagdad. Das Oberhaupt von weltweit 537 000 Gläubigen und 200 Priestern der chaldäisch-katholischen Kirche bilanziert den Besuch des Papstes im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“: „Für unsere Heimat, den Irak, hat der Besuch auch die Chance geboten, dass wir uns der Weltöffentlichkeit positiv präsentieren konnten – anstatt dauernd mit Nachrichten von den 1, 3 Millionen Vertriebenen, von IS-Zellen, von Angriffen schiitischer Milizen oder von Massenprotesten gegen Korruption und die schlechte Wirtschaftslage.“ Konkret: „Der Papst hat in seinen Treffen mit den politischen, wirtschaftlichen und geistlichen Führern ganz deutlich die Korruption im Land angesprochen und kritisiert“, sagt Sako. Weiter könnten die Gespräche des Papstes mit Religionsvertretern, mit Staatschef Barham Salih und der Ortskirche den Weg für eine gesellschaftliche Diskussion auch abseits der Religionen geebnet haben. Sako zitiert Franziskus: „Die Botschaft des Papstes lautet: Hört aufeinander!“

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Zurück nach Enishke. Dort berichtet Pfarrer Al-Khoury von weiteren Gefahren für Leib und Leben: „Nicht nur Korruption, Gewalt oder wirtschaftliche Schwäche bedrohen uns, sondern auch die türkische Luftwaffe.“ Praktisch jedes Dorf in seinem Bezirk habe schon Bomben- und Drohnenangriffe erlebt. Denn im Nordirak attackiert die türkische Armee mit Luft- und Bodenoffensiven immer wieder Ziele der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die in den Kandil-Bergen ihr Hauptquartier hat. Die PKK wiederum verübt Anschläge. Erst am vergangenen Donnerstag war das türkische Militär gegen PKK-Kämpfer vorgegangen und hatte sechs Männer getötet. Zuvor seien drei türkische Soldaten durch Angriffe ums Leben gekommen, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit.

Gerechte Verteilung der Hilfsgüter

Allen Gefahren zum Trotz hat Al-Khoury mit seinem Team das Gemeindehaus in Enishke mit der Kirche „Mutter Salome“ zu einem Zentrum christlichen Lebens aufgebaut. Dort treffen sich der Erwachsenen- und der Kinderchor. „Freitags kommen die Kinder zum Religionsunterricht, wir lesen in der Bibel und wir singen miteinander“, berichtet der Pfarrer. In diesen Tagen des Advents aber dient der große Raum einem anderen Zweck: „Hier verteilen wir die Lebensmittelpakete, die Ihr geschickt habt.“ Er habe Listen erstellt, um gerecht verteilen zu können: „Wir wissen, welche Flüchtlingsfamilie in welchem Haus lebt und was sie benötigt.“

In den kommenden Tagen wird es im Norden Kurdistans kalt, ist sich Al-Khoury sicher: „Minus vier bis minus fünf Grad. Wir erwarten Schnee, wir liegen auf 1200 Meter Höhe.“ Daher komme der Lkw mit den Hilfsgütern zur richtigen Zeit. Der Brennstoff aus der „Helfen bringt Freude“-Lieferung werde schnell verteilt und dringend benötigt. „Eigentlich könntet Ihr Eure Aktion auch ,Helfen bringt Wärme? nennen“, meint Al-Khoury, „Freude und Wärme: Stimmt beides.“

Der Autor ist Chefreporter der „Schwäbischen Zeitung“.

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