Verheiratet mit einem Knochen

Das Geschäft mit sogenannten Geisterhochzeiten versteht niemand in China – und trotzdem boomt es. Von You Xie
Junge wird um 1930 mit einer Papierbraut vermählt
Foto: Li Zi | Täuschend echt: Hier wird ein Junge um 1930 mit einer Papierbraut vermählt.
Junge wird um 1930 mit einer Papierbraut vermählt
Foto: Li Zi | Täuschend echt: Hier wird ein Junge um 1930 mit einer Papierbraut vermählt.

Während des Frühlingsfestes 2013 in China starb ein unverheirateter Junge namens Li Ning in Bingzhou, Provinz Shandong, durch einen Verkehrsunfall. Gleichzeitig verunglückte bei diesem Unfall ein Mädchen aus dem Nachbardorf. Sie hieß Wang Lian – und war ledig. Die Familienangehörigen des Jungen boten daraufhin der Familie des Mädchens 100 000 Yuan, um es als Braut für ihren toten Sohn zu gewinnen. Die Familie schlug ein – und so feierten beide eine sogenannte Geisterhochzeit.

Geisterhochzeiten, wie sie in China stattfinden, versteht fast niemand in Europa. Auch wenige Chinesen verstehen dieses Phänomen. Und dennoch boomt es heutzutage in diesem Land.

Unter Geisterhochzeit versteht man in China, dass die Familie der männlichen Seite eine „Hochzeit“ für den verstorbenen Sohn abhält, getrieben von der Befürchtung der Eltern, dass der unverheiratete Sohn im Totenreich ohne Ehefrau sehr einsam sein würde. Deshalb organisieren die Eltern eine Hochzeit für ihn am Grab. Im Leben sind sich die Verlobten häufig noch nie begegnet – im Tod sollen sie aber vereint sein. Woher kommt dieser seltsame Brauch?

Der Daoismus wird als Chinas eigene und authentische Religion angesehen. Seine Philosophie und Weltanschauung beeinflussten die Menschen im Reich der Mitte von Anfang an bis heute. Nach Lehrmeinung des Daoismus besteht die Seele aus der Vitalenergie „Qi“. Diese Energie lässt die Grenzen zwischen Leben und Tod zerfließen. Die spirituelle und intellektuelle Seite des Körpers repräsentiert das „Yang Qi“, die männliche Seite; das „Yin Qi“, die weibliche, steht dagegen für das körperbeseelende Prinzip. Beim Tod steigt „Yang Qi“ auf, während „Yin Qi“ zu Boden sinkt. Angemessene Riten sind dabei notwendig, dass sich die Seele „Yang“ in Ahnentäfelchen niederlässt und der Köper „Yin“ seinen Frieden findet.

Das Wort „Dao“ bedeutete ursprünglich „Weg“, im klassischen Chinesisch aber bereits „Methode“, „Prinzip“. Bei Laozi, der im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben soll, nimmt der Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt zugrundeliegenden, alldurchdringenden Prinzips an. Die ethische Lehre des Daoismus besagt, die Menschen sollten sich am Dao orientieren, indem sie den Lauf der Welt beobachten, in welchem sich das Dao äußert. Dadurch können sie die Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen dieses Weltprinzips kennenlernen. Der Daoismus besagt, dass es im Kosmos nichts gibt, was fest ist: Alles ist dem Wandel unterworfen und der Weise verwirklicht das Dao durch Anpassung an das Wandeln, Werden und Wachsen, welches die Welt ausmacht.

Voraussetzung für Dao-Praktiken ist die Vorstellung, dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen Details entsprechen. Und der Daoismus sagt: „Groß ist der Tod“.

Aus diesen Traditionen kommt das chinesische Totenfest. Das Fest fällt auf den 106. Tag nach dem chinesischen Sonnenkalender, einem Bauernkalender. Man fegt die Gräber, legt Nahrungsmittel, Blumen und Gegenstände darauf, die den Verstorbenen zu ihren Lebzeiten gefielen, zündet Weihrauchstäbchen an und verbrennt Totengeld. Im Süden von China kann man zu dieser Zeit auf den Straßen viele Händler sehen, die neben Papiergeld auch Autos, Anzüge, und Schuhe aus Papier anbieten, die zu diesem Zweck für die Toten verbrannt werden. Die verbrannten Dinge sollen so den Vorfahren zur Verfügung stehen und sie freundlich gegenüber ihren Nachfahren stimmen, deren Geschicke sie leiten.

Aber nach der chinesischen Aberglaube-Tradition wird der 7. Monat auch Geistermonat genannt, weil nach dem Volksglauben die Geister und Seelen der Toten aus der Unterwelt auf die Erde kommen. Das Geisterfestival ist der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Zeremonien während des Geistermonats.

Dazu gehören das Aufstellen von Speisen vor den Häusern und Verbrennen von Totengeld als Opfergabe für die Geister und Seelen. Vielfach lässt man auch Papierboote und Laternen auf dem Wasser schwimmen, die den Geistern und Seelen die Richtung weisen sollen. Die Menschen glauben, dass es ihnen im Totenreich gut ergeht, wenn sie ihr Leben gut geführt haben. Ein toter, unverheirateter Mensch kann ihrer Meinung nach gar kein gutes Leben geführt haben – deshalb soll seine Familie für ihn eine „Eheschließung“ erledigen, die verhindern soll, dass er im Totenreich ein Geist werden muss.

Cáo Cao (155–220) war ein chinesischer General, Stratege, Politiker, Dichter und Kriegsherr während der späten Han-Dynastie. Er errang die Herrschaft über ganz China nördlich des Jangtsekiang, übte großen Einfluss auf den Kaiser aus und legte den Grundstein für die Wei-Dynastie, die nach seinem Tod von seinem Sohn Cao Pi begründet wurde. Aber sein jüngster Sohn, er hieß Cao Chong, starb mit 13 Jahren. Sein Vater ließ trotzdem eine Schwiegertochter für ihn suchen. Nach dem Tod der „Schwiegertochter“ wurde schließlich eine Hochzeit gefeiert und die beiden Leichen zusammen begraben.

Die Chinesischen Medien berichteten aktuell über die im Land bekannte Schauspielerin Michelle Yim Wai-ling (58), die sich in den Fußballer und Schauspieler Wan Chi Keung verliebte. 26 Jahre lang waren beide ein Paar, dann starb Wan Chi Keung an Krebs. Angeblich habe die alternde Schauspielerin nach seinem Tod eine „Eheschließung“ mit ihrem Geliebten organisiert und eine Geisterhochzeit in Hong Kong gefeiert. Dabei soll ihr ein Fengshui-Meister geholfen haben.

Michelle Yim Wai-ling ist da nicht die Einzige. In China boomt der Brauch, unverheiratet verstorbene Männer am Grab zu vermählen – mit einer Frauenleiche, die für viel Geld gekauft wurde. Die Fengshui-Meister wittern ein großes Geschäft. Ihre „Dienstleistungen“ umfassen die Prüfung eines Heiratskandidaten unter astrologischen Gesichtspunkten, die Wahl eines Glück verheißenden Hochzeitsdatums, die Auswahl des besten Standorts für Wohnhäuser, Läden oder Gräber gemäß der Feng-Shui-Prinzipien und schließlich die Begräbnisse und Geisterhochzeiten. Das ist nicht billig. Geisterhochzeiten werden daher hauptsächlich von wohlhabenden Familien gefeiert. Manche Chinesen haben dafür aber auch schon ihr Auto verkauft.

Für eine Geisterhochzeit dürfen nur die Menschen Heirats-Kandidaten sein, die ledig sind. Manchmal fehlt es an unverheirateten toten Mädchen. Deshalb kommt es oft vor, dass die Leichen toter, lediger Frauen ausgegraben, gestohlen und dann weiterverkauft werden. Das nimmt bisweilen bizarre Züge an: Laut Medienberichten wurde Wang Hairong im Juli 2011 vom Landgericht Yuanan der Provinz Shanxi zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet, weil er im Mai desselben Jahres einen Verkehrsunfall mit Vorsatz organisiert und die Leiche eines ledigen Mädchens zu einem Preis von 22 000 Yuan (rund 2 648 Euro) für eine Geisterhochzeit verkauft hatte. Und das, obwohl die Lingbao-Schule des Daoismus gegen die Geisterhochzeiten ist und den Fengshui-Meistern vorwirft, Chinesen zum Aberglauben zu verführen. Auch die kommunistische Regierung in Peking lehnt Geisterhochzeiten ab.

Aber weil für Geld fast alles geht, „verheiratet“ der Fengshui-Meister sogar die letzten Knochen von Toten. Hierfür werden die Knochen von zwei Gräbern in einer bunten Zeremonie aufs Neue in einem Grab zusammen beigesetzt. Der Meister meint, so könnten die Toten in Frieden im Totenreich „leben“. Damit man sich das besser vorstellen kann, werden am neuen Grab die symbolische „Braut“ und der „Bräutigam“ aus Holz oder Papier aufgestellt. Die Familienangehörigen von „Braut“ und „Bräutigam“ gratulieren sich und tauschen miteinander zahlreiche Geschenke. Die Geschenke sind dabei, wohlgemerkt, echt, meistens handelt es sich um Kleidung oder Decken aus feiner Seide, Ohrringe, Amtsringe, Fingerringe und Halsketten aus feinem Gold. Eine gute Summe Geld gehört auch dazu, manchmal sogar eine Million Yuan, etwa 120 000 Euro.

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