Ordensleben

Verbunden mit Edith Stein

Die eigentliche Begegnung: Seit 60 Jahren lebt Schwester Ancilla als Nonne im Kölner Karmel Maria vom Frieden.
Schwester Ancilla
Foto: hoens | Edith Stein ist das Vorbild von Schwester Ancilla.

Es ist im Grunde immer eine kleine Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben“, zitiert Schwester Ancilla ihre bekannte Mitschwester aus dem Orden der Karmelitinnen, die heilige Edith Stein. Ganz in diesem Sinne ergänzt Schwester Ancilla ihre Überzeugung, „nämlich durch mein Leben in der Liebe zu Gott zu wachsen“. Als Edith Stein im Jahre 1998 durch den damaligen Papst Johannes Paul II. In Rom heiliggesprochen wurde, durfte die so bescheiden und zurückhaltend auftretende Ancilla die Lesung vortragen. Es war ein Textabschnitt aus dem Buch Esther, jener alttestamentarischen Königin, die sich stets für ihr Volk eingesetzt hat. „Edith Stein hat sich selbst gern mit Esther verglichen und sich auch die kleine Ester genannt, um vor dem König zu stehen, der sie erwählt hat.“ Dieses Vor-Gott-Stehen habe Edith Stein geprägt; nicht nur im Tode, sondern auch durch ihr Ordensleben als betende Existenz in der Gegenwart Gottes. Für die 83 Jahre alte Ancilla ist das Beispiel und Orientierung für ihren eigenen Weg als Nonne im Kölner Karmel Maria vom Frieden .

Seit 60 Jahren lebt die aus einer westfälischen Familie stammende Schwester Ancilla mit zwölf Nonnen in dem kontemplativen Kloster, das auf eine rund 350 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann – das Gebäude und die Gemeinschaft wirken wie eine friedliche und stärkende Oase inmitten der Betriebsamkeit einer Großstadt. Als sie 1962 eingetreten ist, wurde sie noch von einigen Schwestern geprägt, die Edith Stein bis zu deren Flucht im Jahr 1938 im alten und später im Zweiten Weltkrieg zerstörten Karmel im Kölner Stadtteil Lindenthal erlebt haben. „Ihre Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit drücken sich in Akzeptanz und Liebenswürdigkeit gegenüber allen aus – das ist mir damals mitgegeben worden“, so Schwester Ancilla.

„Ich bin hergegangen worden“

Auf die Frage nach ihrer Berufung und ihrem Weg ins Kloster, entgegnet die Ordensfrau mit einem gewinnenden Lächeln: „Ich bin hergegangen worden.“ Was sie damit genau meint, erklärt sie vielsagend mit einem Zitat aus einem der Texte des US-amerikanischen Trappisten und Schriftstellers Thomas Merton (1915 bis 1968): „Im innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an den Sünde und Illusion nicht zu rühren vermögen. Es ist der Punkt der lauteren Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der ganz Gott gehört. Nie können wir über diesen Punkt verfügen, sondern Gott fügt von diesem Punkt aus unser Leben.“ Edith Stein, die ein Jahr nach ihrer Heiligsprechung von Johannes Paul II. auch zur Patronin Europas erklärt wurde, hätte möglicherweise in diesem Zusammenhang jenes von ihr bekannte Wort hinzugefügt: „Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“

Lesen Sie auch:

Der Vater von Schwester Ancilla hatte zwar ein Buch über die Gelehrte, aber die eigentliche Begegnung mit ihr setzte für Schwester Ancilla erst im Kölner Karmel ein. Das Klosterleben ist gekennzeichnet von eremitischen und gemeinschaftlichen Elementen im wechselnden Rhythmus von innerem Gebet, Arbeit, Lesung und Stundengebet. Immer wieder nutzt Schwester Ancilla auch das direkt dem Kloster angegliederte Edith-Stein-Archiv, befasst sich mit Texten von und über die Heilige oder tauscht sich mit Archivleiter Thomas Schuld aus. Zu den Lehrerinnen von Schwester Ancilla gehörte seinerzeit auch Schwester Teresia Margareta Drügemöller. Die Ordensfrau hatte unmittelbar nach dem Krieg angefangen, Materialien von und über Edith Stein zu sammeln und damit die Grundlage für das heute neben dem Karmel befindliche international vernetzte Edith-Stein-Archiv gelegt.

Schreiben an Papst Pius XI.

Mit Blick auf den seit 1996 bestehenden Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar – dem Tag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz im Jahr 1945) wird beispielsweise jener Brief aktuell, den die konvertierte Jüdin Edith Stein seinerzeit nach Rom gesendet hatte. „Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie?“, fragte sie im April 1933 in ihrem berühmt gewordenen Schreiben an Papst Pius XI. Keine zehn Jahre später, am 9. August 1942, ist die Ordensfrau tot: Opfer der von ihr kritisierten Staatsgewalt, wegen ihrer ursprünglich jüdischen Herkunft in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet. „Seit Wochen warten und hoffen nicht nur Juden, sondern tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt –darauf, daß die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Mißbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun“, hatte sich die Nonne mit erstaunlicher Hellsicht, Klarheit und Sensibilität wenige Wochen nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten in ihrem eindringlichen Schreiben an den Pontifex erhofft. „Die vielen Brüche, Identitäten und Stationen in ihrem Leben zeigen die Widersprüchlichkeit ihrer Zeit, die aber auch für unsere Zeit kennzeichnend ist“, sagt Archivleiter Thomas Schuld und ergänzt: „Das ist nicht zuletzt seit dem Holocaust von zeitloser Aktualität.“

Während das Archiv das geistige und philosophische Erbe wissenschaftlich pflegt, geht es im Karmel um die lebendige Erinnerung des geistlichen Erbes. In einer kleinen Seitenkapelle der Klosterkirche der Kölner Karmelitinnen, ein kontemplativer Reformzweig des Karmelitenordens, befindet sich neben dem spätbarocken Hochaltar nicht nur ein Bild der Brückenbauerin zwischen Judentum und Christentum, sondern auch, zu Füßen des Figurenpaares Jesus und Pilatus, eine unscheinbare gusseiserne Schatulle. Darauf steht in Deutsch und Polnisch „Auschwitz Birkenau“ sowie die Zahlen „1940–1945“. „In der Schatulle befindet sich Erde aus der Umgebung von Auschwitz“, erläutert Schwester Ancilla. Vor vielen Jahren haben Freunde des Klosters diese Erinnerung an den letzten irdischen Ort der Heiligen nach Köln gebracht.

Krippenfiguren mit KZ-Kleidung

Seit einigen Jahren gehört auch eine Krippe mit drei Figuren in der typischen Kleidung von KZ-Insassen zum Karmel in der Südstadt. Es handelt sich um ein Geschenk eines italienischen Geistlichen. Eine der Figuren zeigt einen Geige spielenden Häftling. „Die Musik mochte man, den Menschen nicht“, sagt Schwester Ancilla beim Blick auf die Figurengruppe und ergänzt: „Die Figuren stehen symbolisch für viele Gefangene in dieser Welt.“ Ein Stolperstein auf dem Gehweg vor der Kirche erinnert an Teresia Benedicta a Cruce, so der Ordensname von Edith Stein.

Schwester Ancilla und ihre Mitschwestern sind auf jeweils individuelle Weise mit ihrer berühmten Vorgängerin innerlich verbunden. Edith Stein habe sich wie ein Glied in der Menschheitsgeschichte empfunden, so die Ordensfrau, während sie die Schatulle wieder behutsam an ihren angestammten Platz neben einer Rose und einer Kerze stellt. „Das Leben, Denken und Schicksal von Edith Stein verstehe ich als bleibende Erinnerung und demütige Aufforderung, den Menschen in liebender Annahme zu begegnen: Niemand darf einen Menschen vernichten.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Ein fiktives Interview mit der heiligen Teresa von Ávila. Über die Macht des Gebetes, ihre Lauheit und Lebenslust und die darauf folgende Herzensreform.
24.04.2022, 19  Uhr
Antonio María Rouco Varela Sara Gallardo
Themen & Autoren
Constantin von Hoensbroech Ulrike von Hoensbroech Berufung Edith Stein Holocaust Jesus Christus Johannes Paul II. Nationalsozialisten Nonnen Pius XI. Päpste Trappisten

Kirche

Hannelore Baier zeigt in „Überwachung und Infiltration“ die Unterdrückungsstrukturen des kommunistischen Regimes in Rumänien am Beispiel der Evangelischen Kirche auf.
04.07.2022, 07 Uhr
Jürgen Henkel
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter
Forschungsprojekt bringt einen Fall aus dem Erzbistum Paderborn ans Licht. Nach Angaben des Erzbistums hat Becker, zu jener Zeit Personaldezernent, gemäß der damaligen Rechtslage gehandelt.
01.07.2022, 11 Uhr
Meldung
Kirchliche Stimmen begrüßen die Aussicht auf besseren Lebensschutz Ungeborener – Deutscher Familienbischof kritisiert Härte der Auseinandersetzung .
03.07.2022, 19 Uhr
Maximilian Lutz
Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig