Jahreswechsel

Silvesterbräuche aus aller Welt

Böller, Linsen, Würfelspiele. Zur Jahreswende gibt es in aller Welt Spiele und Bräuche, die einen Blick in die Zukunft erlauben sollen und solche, die überirdische Mächte besänftigen sollen. Eine Übersicht  
Bleigießen
Foto: Peter Steffen (dpa) | Ein Bleistück wird über einer Kerze zum Schmelzen gebracht. Bleigießen an Silvester ist ein beliebter Brauch in Europa.

Egal ob am 1. Januar, am 13. Januar oder am ersten Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar, wie beim chinesischen Neujahrsfest – wenn ein neuer Jahreslauf beginnt, wird in aller Welt gefeiert. Böller und leuchtend buntes Feuerwerk gehört an vielen Orten dazu, auch dort, wo diese Tradition, wie beispielsweise in England, eigentlich gar nicht zuhause ist. Doch auch wenn die Briten ihr Pulver bereits am Guy Fawkes Day verschossen haben, weshalb der 5. November, an dem man auf der Insel des fehlgeschlagenen Attentates auf König Jakob I. und das Parlament gedenkt, auch Bonfire Night oder Firework Night heißt, gibt es am London Eye ein herrliches Feuerwerk, zu dem sich tausende Londoner und Touristen versammeln, das man aber auch ganz bequem am heimischen PC mitverfolgen kann.

Lesen Sie auch:

Prosit Neujahr 

In Deutschland ist eine Silvesterfeier ohne Böller und bunte Kanonen schlicht undenkbar. Denn Silvester ist nicht nur der Beginn des neuen Jahres, sondern auch Teil der am Fest der Wintersonnenwende beginnenden Raunächte, in denen der Schleier zwischen den Welten besonders dünn ist und man deshalb stets damit rechnen muss, dass gute wie böse Geister vorbeischauen. Weil man letztere aber selbstredend nicht willkommen heißen, sondern vielmehr weit von sich wegtreiben will, haben die lärmenden Silvesterknaller, an deren Stelle früher Schellen oder Peitschen verwendet wurden, traditionell eine Dämonen abwehrende Funktion.

In Deutschland wünscht man sich nach dem gemeinsamen Abzählen der letzten zehn Sekunden des Jahres und dem andächtigen Lauschen auf die zwölf Glockenschläge, die das neue Jahr einläuten, traditionell „Prosit Neujahr“, was übersetzt „lass es gelingen“ bedeutet, oder einen guten Rutsch. Die letztere Wendung ist aus dem Jiddischen übernommen und bedeutet: „guter Anfang“. Um ihn zu gewährleisten, kam es darauf an, die alten Götter und Geister zu verschrecken, ihnen aber auch keine Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn Wotan und sein Heer sich an den Raunächten in Wäscheleinen verhedderten, konnten sie äußerst ungehalten reagieren und Unglück über das Haus bringen.

Linsensuppe aber keine Wäsche 

Wäsche zu waschen war deshalb in den Tagen rund um Silvester tabu. Und auch bei Genuss von Fisch hieß es „aufgepasst“, war der heilige Papst Silvester doch dafür bekannt, dass Ungläubige in seiner Gegenwart an Fischgräten erstickten. Dagegen konnte man zwar den heiligen Blasius anrufen, aber wer vorsichtig war, filetierte den traditionellen Silvesterkarpfen lieber besonders sorgfältig und legte zur Sicherung seiner Geldangelegenheiten eine von dessen Schuppen ins Portemonnaie oder brachte lieber gleich einen saftigen Braten auf den Tisch.

Auch Linsensuppe gehört zu den Gerichten, die sich an Silvester besonderer Beliebtheit erfreuen. In Tschechien und dem Süden der USA wird sie zu Mitternacht serviert, weil die flachen runden Linsen ein wenig wie Münzen aussehen und ihr Verzehr daher reichen Geldsegen versprechen soll. In Pennsylvania hat sich dank einer starken Community aus deutschen Einwanderern außerdem der Brauch gehalten, an Silvester Sauerkraut zu essen. Die Spanier mögen es dagegen lieber süß und schieben zu jedem Glockenschlag eine Traube in den Mund.

Wer sich dabei verzählt, dem droht Ungemach, weshalb sich viele Spanier im Vorfeld mit einer exakt abgezählten Anzahl der Früchte versorgen. In Tschechien steht neben dem Linsengericht auch ein Apfel im Fokus des Interesses, weil das Aussehen seines Kerngehäuses einen Blick in die Zukunft ermöglicht. Erscheint ein Pentagramm ist alles in Ordnung, ist dagegen ein Kreuz zu sehen, steht Unheil ins Haus. Bei den sonst auf leichte Kost achtenden Italiener steht an Silvester eine deftige Schweinshaxe auf dem Speiseplan, deren Genuss reichen Geldsegen verheißen soll. In Deutschland ist Bleigießen eines der Highlights des Silvesterabends. Was dabei herauskommt soll angeblich Auskunft über das künftige Geschick des Gießenden geben.

Orthodoxe sind später dran

In Bulgarien gibt es die Tradition, einen Ast des Kornelkirschenbaumes abzuschneiden, zu schmücken und damit von Haus zu Haus zu gehen. Die Aufgabe, die jeweiligen Bewohner auf den Rücken zu schlagen, damit sie im kommenden Jahr gesund, glücklich, reich und fruchtbar sind, wird von Kindern übernommen, die im Gegenzug für die schlagkräftige Segnung Süßigkeiten geschenkt bekommen. Auch in Russland erhalten die Kinder Geschenke, die von Väterchen Frost, dem slawischen Pendant zum Weihnachtsmann und seiner Begleiterin Snegurotschka, was übersetzt Schneeflöckchen bedeutet, übermittelt werden. Zum Jolkafest versammelt sich die ganze Familie zu einem festlichen Essen um den Weihnachtsbaum.

Wer an Silvester in die orthodoxe Kirche geht, wartet dort allerdings vergeblich auf gute Wünsche für ein frohes neues Jahr. Denn nach deren liturgischen Kalender steht erst einmal das Weihnachtsfest am 7. Januar vor der Tür, bevor am 13. Januar Neujahr gefeiert wird. Auch in China geht es an Silvester ruhig zu, denn das eigentliche Neujahrsfest wird in diesem Land an einem wechselnden Datum gefeiert, das sich nach dem Mondkalender richtet. Dann aber reisen Tausende von Chinesen in ihre Heimatdörfer, um dort gemeinsam mit ihren Familien kleine Teigtaschen zu essen, deren Form an Geldmünzen erinnert und für das nun beginnenden neue Jahr Reichtum bringen sollen.

Fast vergessene Bräuche gibt es in den ländlichen Regionen unseres Landes. Bei manchen, wie dem in Westfalen traditionell geübten Neujahrshämmern, bei dem der Schmied und seine Gesellen sich um den Amboss scharten, um das alte Jahr mit lautem Getöse zu verabschieden und das neue mit ebensolchem Lärm zu begrüßen, klingt die alte apotropäische (abwehrende) Wirkung mit. Andernorts pflegte man nachdem man auf das neue Jahr angestoßen hatte, das Glas hinter sich an die Wand zu werfen und dazu den Spruch „Scherben bringen Glück“ auszubringen. Auch der segnende Umgang mit Weihrauch oder die Prozessionen durch das Haus mit abschreckenden Masken sollte die Dämonen im neuen Jahr von den Bewohnern fernhalten. Der Anziehung des Glücks dienen Talismane wie Kleeblätter, Schornsteinfeger oder Glücksschweinchen. Hinter manch einem dieser Zeichen steht der Glaube an heidnische Götter.

Lesen Sie auch:

Bibel statt Blei

Die Schweine beispielsweise sind der nordischen Göttin Freya zugeordnet und stehen für Fruchtbarkeit und häuslichen Segen. Die heute wieder vielerorts geübten Silvesterläufe gehen auf einen alten schweizerischen Brauch zurück. In Niedersachsen ist dies die Sache der Kinder und heißt Rummelpott. Dabei ziehen die Kinder in der Nachbarschaft von Haus zu Haus und tragen plattdeutsche Lieder vor. Im Alpenraum gab es stattdessen die Perchten oder Tresterer Läufe. Ruhiger geht es in christlichen Kreisen zu, wo statt zukunftsdeutendem Bleigießen oft das Bibel- oder Heiligenorakel befragt wird. Hierzu zieht man aus einer vorher angelegten Sammlung Sprüche für jeden Anwesenden und fügt in katholischen Orakelkreisen noch einen Heiligen hinzu, der zum spirituellen Begleiter für das kommende Jahr wird.

Heutzutage wird fast überall auf der Welt am 31. Dezember Silvester gefeiert. Aber das war nicht immer so. In der christlichen Kirche beginnt das neue Jahr mit dem ersten Advent. Die Druidencommunities lassen das neue Jahr bereits mit Samhain am 1. November beginnen und in der Kirche von Mailand bildete das Fest des heiligen Martin am 11. November den Startschuss. Tatsächlich ist die weltweite gemeinsame Feier des Jahreswechsels eine relativ neue Erscheinung. Mit der Vereinheitlichung hat sich auch das Brauchtum weltweit synchronisiert.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Barbara Stühlmeyer Barbara Stühlmeyer Bibel Jakob I. Päpste Russisch-Orthodoxe Kirche

Weitere Artikel

Wie Bücher bei der Begegnung mit Christus helfen. Eine Ausstellung zu 200 Jahre Bibliothek des Bamberger Metropolitankapitels.
15.08.2022, 19 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Die Bundesrepublik war immer stolz auf ihre Erfolgsgeschichte. Trotzdem geht sie in das neue Jahr wie ein Schüler, der sich vor dem Abiturexamen fürchtet. Ein Kommentar.
28.12.2022, 19 Uhr
Sebastian Sasse
Neue Sexualmoral in Limburg kommt ohne Bibel und Tradition aus. Der Synodale Weg spielt schon gar keine Rolle mehr. Auch abgelehnte Papiere werden einfach umgesetzt.
19.01.2023, 11 Uhr
Peter Winnemöller

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier