Bildung

Schüler spenden für Schüler

Um die Schulbildung anderer Kinder zu gewährleisten, spenden 25 Jugendliche der ruandischen Organisation „Save the future society“ ihr Taschengeld.
„Save the future Society“ besucht eine Waisenfamilie
Foto: Save the future society | „Save the future Society“ besucht eine Waisenfamilie, die von der Organisation versorgt wird.

Paris gibt es nicht nur in Frankreich, sondern auch in Ruanda. Doch statt des glitzernden Eiffelturms erwarten einen hier ein paar einfache Lehmhäuser versteckt zwischen Bananenbäumen. Eine ungeteerte Straße führt in das Dorf. Vor einem Haus sitzt eine kleine Gruppe Erwachsener auf Holzbänken, die Kinder sitzen auf einer Plastikplane auf dem Boden, nur ein paar Jugendliche haben Platz auf dem Sofa bekommen, das für sie in den Garten getragen wurde. Sie sind die Ehrengäste des Tages. Denn: die Zukunft der Kinder zu ihren Füßen liegt in ihrer Hand.

Die Jugendlichen sind Mitglieder der Organisation „Save the future society“, zu dem Treffen haben sie die ärmsten Familien des Dorfes eingeladen. Die Organisation unterstützt Familien in finanzieller Not, in erster Linie greift sie bei der Finanzierung von Schulgebühren und -materialien unter die Arme. „Jedes Kind sollte Bildung erhalten. Wenn die Eltern des Kindes dafür nicht aufkommen können, dann brauchen die Kinder andere Personen, die dafür sorgen“, erklärt der 17-jährige Steve Nsengiyumva seine Motivation, die Organisation 2020 zu gründen. „Außerdem möchten wir den Kindern vermitteln, dass sie nicht in Armut leben müssen, nur weil sie in Armut aufgewachsen sind, sondern, dass ihre Zukunft in ihrer eigenen Hand liegt.“

Schüler spenden ihr Taschengeld

Die Organisation finanziert sich bisher ausschließlich darüber, dass ihre 25 Mitglieder, die selbst alle noch zur Schule gehen oder studieren, ihr Taschengeld spenden. Jeder der Schüler und Studenten spendet pro Trimester 2, 000 Ruanda Franc (RWF) an „Save the future society“ – das sind umgerechnet rund zwei Euro. Die Gebühren für den Kindergarten betragen in Ruanda rund 5 , 000 RWF, für die Grundschule rund 10, 000 RWF. Mit dem gesammelten Geld bezahlen die Jugendlichen dann Kleidung, Essen, Schulmaterialien, Schulgebühren und Krankenversicherung. „Das Geld geben wir nicht den Familien selbst, sondern direkt an die Schulen und Versicherungen oder kaufen damit ein. Denn einige Eltern, die in Armut leben, sind von Drogen abhängig und wir können nicht überprüfen, wofür sie das Geld ausgeben“, erklärt Steve. Welche Familie Unterstützung benötigt, ermitteln die Mitglieder der Organisation, die über das ganze Land verstreut wohnen, über den Dorfvorsteher, der die Familien kennt und weiß, wer in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Um herauszufinden, welche Form von Unterstützung benötigt wird, besucht ein Mitglied der Organisation gemeinsam mit dem Vorsteher die bedürftige Familie. Die Unterstützung erhalten die Familien jeweils für ein Jahr, benötigen die Familien weiter Hilfe, laufen auch die Spenden weiter. Wenn die 2 000 RWF, die die Schüler von ihrem Taschengeld an die Organisation abgeben, nicht ausreichen, spenden sie – wenn möglich – mehr, ansonsten bitten sie ihre Eltern oder andere Erwachsene um eine Leihgabe. „Wir wollen, dass sich die unterstützten Eltern keine Sorgen wegen ihrer finanziellen Situation machen müssen. Sie sollen wissen, dass sie durch unsere Organisation abgesichert sind“, betont Steve.

„Ich fühle mich abgesichert“

Finanzielle Sicherheit durch die Unterstützung von „Save the future society“ hat Dativa Uwizimana erlebt. Die siebenfache Mutter, die als erste Person Unterstützung von der Organisation erhielt, könnte sich den Schulbesuch ihrer Kinder ohne die Hilfe nicht leisten. Sie ist alleinerziehend, wegen einer Erkrankung aktuell nicht arbeitsfähig. „Save the future society“ hat neben den Schulgebühren für sie auch Lebensmittel und eine Lebensversicherung bezahlt. „Ich habe mir immer Sorgen darüber gemacht, wie ich die Schulgebühren bezahlen soll, ich wusste nicht, wo ich das Geld für Essen und meine Rente auftreiben kann. Aber jetzt fühle ich mich abgesichert und auch meine Kinder sind unbeschwerter geworden.“

In Ruanda gibt es zwar bereits Hilfsorganisationen wie Sand am Meer: Klimaschutzorganisationen, Organisationen, die sich für Mädchen- und Frauenrechte einsetzen und vor allem solche, die sich der Versöhnungsarbeit nach dem Völkermord 1994 verschrieben haben, aber auch zahlreiche Organisationen, die Kinderarmut bekämpfen. Trotzdem war es den Jugendlichen wichtig, ihre eigene Initiative zu starten. „Wir spenden unser Taschengeld nicht an andere Hilfsorganisationen, weil wir den Schülern beibringen möchten, das wenige, das sie haben, mit anderen zu teilen“, erklärt Steve. Ein Vorteil von „Save the future society“ sei außerdem, dass die Organisation in Ruanda gegründet wurde, während viele andere Hilfseinrichtungen aus dem Ausland stammen. „Wir kennen die Lebenssituation der Menschen und wissen daher genau, welche Hilfe sie brauchen. Um zu lernen, benötigt man nicht nur Geld für die Schulgebühren, sondern auch finanzielle Sicherheit in der Familie.“

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Junge Bevölkerung

Die ruandische Bevölkerung ist extrem jung, rund die Hälfte der Einwohner des ostafrikanischen Landes ist jünger als 18 Jahre. Zwar werden fast alle Kinder in die Grundschule eingeschrieben, aber viele steigen aus der Schule aus; rund 26 Prozent der Jugendlichen haben die weiterführende Schule nicht beendet oder nie besucht. Auch zehn der aktuell 25 Mitglieder von „Save the future society“ konnten die Schule für eine bestimmte Zeit nicht besuchen – Steve war einer von ihnen. Nach dem Tod seines Vaters konnte seine Familie die Schulgebühren nicht mehr bezahlen. Nur weil Pallottinerinnen für die Kosten aufkamen, konnte er an die Schule zurückkehren. „Wir Schüler wissen am besten, wie wichtig Bildung ist und wie schwierig es ist, nicht in die Schule gehen zu können“, so der 17-Jährige über seine Motivation, sein Taschengeld zu teilen. Spenden von Erwachsenen zu sammeln, sei keine Option gewesen, „denn es ist sehr schwierig, in Afrika Erwachsene zu finden, die bereit oder in der Lage dazu sind, Geld für andere zu spenden“.

In Zukunft möchte die Organisation Sponsoren aus dem Ausland anwerben und direkt mit den Kindern in Kontakt bringen, damit die Unterstützer wissen, wem sie helfen. Die Mitglieder von „Save the future society“ sollen dann in erster Linie noch als Mittler fungieren. Wie konkret das gelingen kann, da ist sich der Gründer aber selbst noch nicht sicher. Doch auch das Spenden des Taschengelds soll ausgebaut werden. So plant die Organisation, die Schüler, die finanzielle Unterstützung erhalten, dazu zu animieren, Spendenclubs an ihren Schulen zu gründen. Dort sollen sich Schüler zusammenschließen, die der Organisation gemeinsam einen Teil ihres Taschengeldes geben.

Ehrgeiz und Wissensdurst

Dass die Kinder die Bildung, die ihnen finanziert wird, schätzen, merkt man an ihrem Ehrgeiz und Wissensdurst. Nach der Informationsveranstaltung von „Save the future society“ gibt es einen Wettbewerb: Die Kinder sollen die Namen anderer Kinder aufzählen, viele wollen sich viel mehr merken, als ihnen aufgetragen wurde. Sie wetteifern miteinander, wer sich an mehr Namen erinnert.

Über den kleinen Köpfen der Kinder kreisen große Träume: Sie wollen Ärzte, Polizisten, Piloten und Lehrer werden. Sie scheinen zu wissen: der einzige Weg zu ihren Zielen ist Bildung.

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