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Reich gewürzte Heilige Schrift

Die Bibel ist das Wort Gottes. Sie enthält aber auch eine erstaunliche Kulturgeschichte der Gewürze.
Gewürze Bibel
Foto: Andreas Drouve | Frisch geerntete Safranblüten aus Altenburg in Thüringen.

Pfarrer Vogler (46) ist in einer passenden Gegend Deutschlands tätig, um über die Gewürzwelt der Bibel zu sinnieren: in der historischen Residenzstadt Altenburg in Thüringen. Ein Nachweis im dortigen Archiv belegt den Anbau von Safran, des heute teuersten Gewürzes der Welt, für das Spätmittelalter, ehe es durch den Dreißigjährigen Krieg verschwand. Seit einem Jahrzehnt feiert die Bestellung der Altenburger Böden mit Safran eine erfolgreiche Renaissance, Blütezeit ist im Herbst.

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Wertvoll sind – wie überall – nur die roten, manuell aus den Blüten gezupften Griffelfäden. Sie werden getrocknet, sind federleicht und färben Gerichte, ob gebacken oder gekocht, kurioserweise gelb. Das edle Produkt ist im Alten Testament dokumentiert und befindet sich in guter Gesellschaft: „Narde und Safran, Kalmus und Zimt mit allerlei Bäumen, die Weihrauch tragen“ (Hoheslied 4,14). Safran war in der Antike ein begehrtes Luxusgut und galt als Symbol für Wohlgeruch und Schönheit. In Altenburg kostet ein Gramm gegenwärtig knapp fünfzig Euro. Minimalste Mengen veredeln Gerichte, geschmacklich und visuell. Zudem gibt es Safranseife, Safranparfum, Safranbier, Safranhonig.

„In der Bibel werden über 30 Gewürze und Duftstoffe erwähnt“, weiß Pfarrer Vogler und setzt hinzu: „Anders als man heute denkt, wurden viele dieser Pflanzen aber weniger zum Würzen von Speisen benutzt, sondern vor allem für religiöse Zeremonien und Bestattungen.“ Gewürze waren im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Sie dienten als Handelsgüter, Statussymbole, königliche Geschenke. Da denkt man gleich an die Weihnachtsgeschichte mit den Sterndeutern, die dem neugeborenen Jesuskind außer Gold auch Weihrauch und Myrrhe darbrachten (Matthäus 2,11).

Nach dem Zeugnis der Evangelien tauchte Myrrhe auch an anderen Stellen auf: vor der Kreuzigung Jesu, mit Wein gemischt („er nahm ihn aber nicht“, Markus 15,23) und nach Jesu Tod, als Nikodemus eine größere Melange aus Myrrhe und Aloe heranbrachte. Dies hatte einen besonderen Zweck, wie Johannes 19,40 skizziert: „Sie nahmen nun den Leichnam Jesu und banden ihn samt Spezereien, wie es bei den Juden Begräbnissitte ist.“

Weihrauch war mit Reinigung und Verehrung verbunden – aber nicht nur. Das wird in der Offenbarung des Johannes 8,3–4 besonders plastisch und auch feierlich zelebriert: „Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor.“ So ähnlich lautet die Verbindung in Psalm 141,2: „Wie Weihrauch steige empor zu dir mein Gebet.“ Daran knüpft bis in die Gegenwart die vielleicht weltweit bekannteste Zeremonie dieser Räuchergabe an: Wenn acht Seilezieher in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien nach mancher Pilgermesse den Weihrauchwerfer über eine Aufhängung in Schwung bringen. Dann schießt der rauchende Silberkessel mit knapp 70 Stundenkilometern durchs Querschiff und fast an die Gewölbe.

Lange, gefährliche Handelswege

Im Altertum standen die Preise für die erlesenen Waren auf hohem Niveau. Sie waren vor allem den langen und gefährlichen Handelswegen geschuldet, auf denen Karawanen mit schwer beladenen Lasttieren voranzogen. Pfarrer Vogler nennt Beispiele: Narde, in Form eines besonders kostbaren Öls, kam aus dem Himalaya und fand über Indien seinen Weg nach Israel; Aloe, Kassia und Zimt gelangten über weite Strecken aus Indien, Sri Lanka und dem jetzigen China an ihr Ziel; Myrrhe und Weihrauch wurden aus Harzen gewonnen, die in den Wüstenregionen Südarabiens und am Horn von Afrika wuchsen. Wie die Transporte aussahen, zeichnet exemplarisch das zweite Buch Mose 37,25 nach: „Als sie ihre Augen erhoben und ausschauten, sahen sie eine Karawane von Ismaelitern aus Gilead daherkommen. Ihre Kamele waren mit Gummi, Balsam und Ladanum beladen. Sie waren damit auf dem Wege, es nach Ägypten zu bringen.“

Apropos Gilead: Der Balsam von Gilead, den man aus den Harzen bestimmter Bäume und Sträucher aus dem Jordantal gewann, galt als wirksames Heilmittel. Die Textstelle in Jeremia 8,22 untermauert die Bedeutung: „Gibt es denn keinen Balsam in Gilead, ist dort kein Wunderarzt?“

Generell fanden die Produkte verschiedenste Verwendung. Ein Beispiel aus dem zweiten Buch Mose 30, 23–25, wo der Herr zu Mose spricht: „Nimm dir Balsam von bester Sorte: fünfhundert Schekel erstarrte Tropfenmyrrhe, halb so viel, also zweihundertfünfzig Schekel, wohlriechenden Zimt, zweihundertfünfzig Schekel Gewürzrohr und fünfhundert Schekel Zimtnelken, nach dem Schekelgewicht des Heiligtums, dazu ein Hin Olivenöl, und mach daraus ein heiliges Salböl, eine würzige Salbe, wie sie der Salbenmischer bereitet.“

Zimt, aus der getrockneten Rinde des Zimtbaums, war im Orient schon über 3 000 Jahren ein begehrtes Handelsgut. Es diente zum Würzen, zur Konservierung, als Bestandteil von Räucherwerk und galt gleichfalls als Heilmittel. Es fördert die Durchblutung und entkrampft den Verdauungstrakt.

In der Heiligen Schrift sind auch andere Gewürze verbürgt, etwa als Jesus die Pharisäer rügt: „Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue“ (Matthäus, 23,23).
Minze, bereits im antiken Ägypten kultiviert, enthält Menthol. Ein Minztee weckt die Lebensgeister und verströmt ein betörendes Aroma. Schon damals kam es als Speisegewürz und für medizinische Zwecke zum Einsatz. Dill wurde in Palästina und ebenfalls in Ägypten angebaut und als Gewürz- und Heilpflanze genutzt. Dillsamen enthalten ätherische Öle, die eine beruhigende, krampflösende und verdauungsfördernde Wirkung haben. Das Dillkraut besitzt einen hohen Mineralstoffgehalt, frischer Dill enthält reichlich Vitamin C.

Gewürzhaltige Gleichnisse in der Bibel

Aufschlussreich sind biblische Gleichnisse, die ein Licht auf Kulturpflanzen und agrarische Praktiken werfen. Im Gleichnis vom Senfkorn heißt es in Matthäus, 31–32: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“

In Jesaja 28, 24–27 liest man das Gleichnis vom Bauern: „Pflügt denn der Bauer jeden Tag, um zu säen, beackert und eggt er denn jeden Tag seine Felder? Nein, wenn er die Äcker geebnet hat, streut er Kümmel und Dill aus, sät Weizen und Gerste und an den Rändern den Dinkel. So unterweist und belehrt ihn sein Gott, damit er es recht macht. Auch fährt man nicht mit dem Dreschschlitten über den Dill und mit den Wagenrädern über den Kümmel, sondern man klopft den Dill mit dem Stock aus und den Kümmel mit Stecken.“

Die Bibel beleuchtet die göttliche Schöpfung auf vielfältigste Art und Weise. So wie jedes Samenkorn, jede Wurzel und jede Blüte ihren eigenen Charakter und Duft hat, erzählt auch jede Pflanze von der Kraft, die das Leben hervorbringt und erhält.
Spiritualität, Handel und Heilkultur, Anbau und Alltag – für die Welt der Gewürze ist die Bibel eine einzigartige Fundgrube und schärft bis heute das Bewusstsein für die wunderbare Vielfalt der Schöpfung.

Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt seit vielen Jahren in Spanien und ist auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.

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