Abtreibungsdebatte

"Non possumus"

Von Anfang an haben Katholiken das menschliche Leben für heilig gehalten und daher auch Abtreibungen ohne Wenn und Aber verworfen.
Irme Stetter-Karp
Foto: Dieter Mayr (KNA) | Schon die ersten Christen kannten das Verbot der Abtreibung. Die ZdK Präsidentin hat jetzt eine neue Debatte losgetreten.

Die Ablehnung vorgeburtlicher Kindstötungen gehört zum unveräußerlichen Tafelsilber der katholischen Kirche. Die Forderung von ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp nach der flächendeckenden Ermöglichung von Abtreibungen ist daher auch kein Sturm im Wasserglas, sondern ein ernstes Problem, das das Laiengremium kompromittiert und zu delegitimieren droht.

Offensichtliches leugnen

Wir Menschen gehören einer merkwürdigen Spezies an. Mit bemerkenswerter Chuzpe vermögen wir selbst das Offensichtliche noch zu leugnen. Und das so fortgesetzt und beharrlich, dass es einem mitunter die Sprache verschlägt. Hat man sie wiedergefunden, wird man jedoch konstatieren müssen: Kaum etwas ist so absurd, wie die Idee, dass die Tötung eines gänzlich wehrlosen und unschuldigen Menschen etwas sein könne, dass jemandem unter Berufung auf was auch immer zugestanden werden könne. Gleiches gilt für die Vorstellung, Katholiken könnten dies, wo es dennoch geschieht, dulden oder auch nur unwidersprochen lassen. Die Forderung nach einem flächendeckenden Ausbau von Abtreibungseinrichtungen durch die oberste Repräsentantin des deutschen Laienkatholizismus, schlägt dem randvoll gefüllten Fass der Absurditäten jedoch endgültig den Boden aus.

Du sollst nicht töten

Schon die ersten Christen kannten das Verbot der Abtreibung. In der "Doctrina duodecim apostolorum", der "Lehre der zwölf Apostel" einer frühchristlichen Schrift, deren Entstehung von der Forschung heute überwiegend auf das 1. Jahrhundert datiert wird und in der manche die erste Kirchenordnung der Christenheit erblicken, wird das biblische Gebot "du sollst nicht töten" aufgegriffen und erklärt: "Es gibt zwei Wege, der eine ist der Weg des Lebens, der andere der des Todes; zwischen ihnen besteht ein großer Unterschied ... Nach der Vorschrift der Lehre: Du sollst nicht töten ..., du sollst ein Kind weder abtreiben noch ein Neugeborenes töten ... Der Weg des Todes ist folgender: ... sie haben kein Mitleid mit dem Armen, sie leiden nicht mit dem Leidenden, sie anerkennen nicht ihren Schöpfer, sie töten ihre Kinder und bringen durch Abtreibung Geschöpfe Gottes um; sie schicken den Bedürftigen fort, unterdrücken den Geplagten, sind Anwälte der Reichen und ungerechte Richter der Armen; sie sind voller Sünde. Mögt ihr, o Söhne, euch stets von all dieser Schuld fernhalten!" Und das nicht irgendwo unter ferner liefen, sondern bereits im zweiten Kapitel, in dem die Pflichten gegen das Leben und das Eigentum der anderen behandelt werden.

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Auch der aus Karthago stammende Kirchenlehrer Tertullian (um 160-220), der als erster nicht mehr auf Griechisch, sondern auf Latein schrieb, hält in seinem, im Jahr 197 erschienen Hauptwerk "Apologeticum" fest: "Wir aber dürfen, da der Mord uns ein für alle Mal verboten ist, auch den Fötus im Mutterleibe, während noch das Blut zur Bildung eines Menschen absorbiert wird, nicht zerstören. Die Geburt verhindern ist nur eine Beschleunigung des Mordes, und es verschlägt nichts, ob man ein schon geborenes Leben entreißt oder ein in der Geburt begriffenes zerstört. Was erst ein Mensch werden soll, ist schon ein Mensch; ist ja doch auch jede Frucht schon in ihrem Samen enthalten."

Kirchenrechtlich sanktioniert

Wie konstitutiv und unaufgebbar die konsequente Ablehnung vorgeburtlicher Kindstötungen für Katholiken ist, lässt sich zudem daran erkennen, wie das Kirchenrecht diese sanktioniert: So sieht Can. 1397 des "Codex des kanonischen Rechts" (CIC) vor: "Wer eine Abtreibung vornimmt, zieht sich mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der Exkommunikation zu." Das meint nichts Geringeres, als das die an einer Abtreibung Beteiligten der Kirchengemeinschaft durch die Tat auf der Stelle verlustig gehen und nicht länger berechtigt sind, die Sakramente und Sakramentalien zu empfangen. Außerdem dürfen sie bis zur möglichen Aufhebung der Exkommunikation kein kirchliches Amt mehr bekleiden oder kirchliche Dienste ausüben.

Auch das kirchliche Lehramt hat sich immer wieder eindeutig zur Abtreibung positioniert. So mahnt etwa Papst Pius XII. in der Enzyklika "Casti connubii" vom 31. Dezember 1930, "die Staatenlenker und Gesetzgeber" dürften "nicht vergessen, daß es Sache der staatlichen Autorität ist, durch zweckmäßige Gesetze und Strafen das Leben der Unschuldigen zu schützen, und zwar um so mehr, je weniger das gefährdete Leben sich selber schützen kann. Und hier stehen doch an erster Stelle die Kinder, die die Mutter noch unter dem Herzen trägt." Die Politiker daran erinnernd, dass auch sie sich einmal für ihre Taten rechtfertigen werden müssen, fährt der Papst fort: "Sollte jedoch die öffentliche Gewalt diesen Kleinen nicht allein den Schutz versagen, sie vielmehr durch ihre Gesetze und Verordnungen den Händen der Ärzte und anderer zur Tötung überlassen oder ausliefern, dann möge sie sich erinnern, daß Gott der Richter und Rächer unschuldigen Blutes ist, das von der Erde zum Himmel schreit" (Nr. 73).

Verabscheuungswürdiges Verbrechen

In seiner, vom heiligen Papst Paul VI. am 7. Dezember 1965 promulgierten Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et spes" bezeichnet das II. Vatikanische Konzil die vorgeburtliche Kindstötung als ein "verabscheuungswürdiges Verbrechen". Unter der Überschrift "Förderung der Würde der Ehe und der Familie" heißt es bereits in Kapitel 1: "Gott, der Herr des Lebens, hat nämlich den Menschen die hohe Aufgabe der Erhaltung des Lebens übertragen, die auf eine menschenwürdige Weise erfüllt werden muß. Das Leben ist daher von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuenswürdige Verbrechen." Dabei hänge "die sittliche Qualität der Handlungsweise nicht allein von der guten Absicht und Bewertung der Motive ab, sondern auch von objektiven Kriterien, die sich aus dem Wesen der menschlichen Person und ihrer Akte ergeben und die sowohl den vollen Sinn gegenseitiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe wahren." Vor dem Hintergrund dieser Prinzipien sei es "den Kindern der Kirche nicht erlaubt, in der Geburtenregelung Wege zu beschreiten, die das Lehramt in Auslegung des göttlichen Gesetzes verwirft". Und weiter: "Mögen alle daran denken: Das menschliche Leben und die Aufgabe, es weiterzuvermitteln, haben nicht nur eine Bedeutung für diese Zeit und können deshalb auch nicht von daher allein bemessen und verstanden werden, sondern haben immer eine Beziehung zu der ewigen Bestimmung des Menschen" (Nr. 51).

Schändliche Entscheidung

In der Enzyklika "Humanae vitae" vom 25. Juli 1968 wird Paul VI. noch deutlicher und erklärt darin unmissverständlich: "Der direkte Abbruch einer begonnenen Zeugung, vor allem die direkte Abtreibung   auch wenn zu Heilzwecken vorgenommen, sind kein rechtmäßiger Weg, die Zahl der Kinder zu beschränken, und daher absolut zu verwerfen" (Nr. 14).

Und der heilige Papst Johannes Paul II., dessen Katechesen zur "Theologie des Leibes" als Kommentar zu "Humanae vitae" verstanden werden wollen, hält in der Enzyklika "Evangelium vitae" vom 25. März 1995 fest: "Mit der Petrus und seinen Nachfolgern von Christus verliehenen Autorität bestätige ich daher in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, daß die direkte und freiwillige Tötung eines unschuldigen Menschen immer ein schweres sittliches Vergehen ist." Und weiter heißt es dort: "Die willentliche Entscheidung, einen unschuldigen Menschen seines Lebens zu berauben, ist vom moralischen Standpunkt her immer schändlich und kann niemals, weder als Ziel noch als Mittel zu einem guten Zweck gestattet werden. Sie ist in der Tat ein schwerer Ungehorsam gegen das Sittengesetz, ja gegen Gott selber, seinen Urheber und Garanten; sie widerspricht den Grundtugenden der Gerechtigkeit und der Liebe" (Nr. 57).

Tötung Wehrloser

In "ihrer ganzen Wahrheit" werde "die sittliche Schwere der vorsätzlichen Abtreibung" deutlich, wenn man erkenne, "daß es sich um einen Mord handelt, und insbesondere, wenn man die spezifischen Umstände bedenkt, die ihn kennzeichnen. Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden! Es ist schwach, wehrlos, so daß es selbst ohne jenes Minimum an Verteidigung ist, wie sie die flehende Kraft der Schreie und des Weinens des Neugeborenen darstellt. Es ist voll und ganz dem Schutz und der Sorge derjenigen anvertraut, die es im Schoß trägt. Doch manchmal ist es gerade sie, die Mutter, die seine Tötung beschließt und darum ersucht und sie sogar vornimmt."

"Gewiß", so Johannes Paul II. weiter, nehme "der Entschluß zur Abtreibung für die Mutter sehr oft einen dramatischen und schmerzlichen Charakter an, wenn die Entscheidung, sich der Frucht der Empfängnis zu entledigen, nicht aus rein egoistischen und Bequemlichkeitsgründen gefaßt wurde, sondern weil manche wichtigen Güter, wie die eigene Gesundheit oder ein anständiges Lebensniveau für die anderen Mitglieder der Familie gewahrt werden sollten. Manchmal sind für das Ungeborene Existenzbedingungen zu befürchten, die den Gedanken aufkommen lassen, es wäre für dieses besser nicht geboren zu werden. Niemals jedoch können diese und ähnliche Gründe, mögen sie noch so ernst und dramatisch sein, die vorsätzliche Vernichtung eines unschuldigen Menschen rechtfertigen" (Nr. 58).

Das Leben gehört Gott

"Das Leben, besonders das menschliche Leben", so Johannes Paul II., "gehört allein Gott: wer daher nach dem Leben des Menschen trachtet, trachtet Gott selbst nach dem Leben" (Nr. 9). Desweiteren gilt: Wenn, wie der heilige Papst einleitend schreibt: "das Evangelium von der Liebe Gottes zum Menschen, das Evangelium von der Würde der Person und das Evangelium vom Leben", ein "einziges, unteilbares Evangelium" sind (Nr. 2), dann ist das kompromisslose Eintreten von Katholiken für den Schutz menschlichen Lebens auch kein Luxus, auf den ihre Repräsentanten in der Öffentlichkeit auch verzichten könnten. Es gehört viel mehr zum Kern der Botschaft und zum unveräußerlichen Tafelsilber der Kirche. Wer meint, darauf verzichten zu können, der kann nicht katholisch sein und sollte die Konsequenz daraus ziehen. Wer katholisch bleiben will, kann beim Lebensschutz keine Kompromisse eingehen. Und wer sie verlangt, dem kann nur beschieden werden: "Non possumus".

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