Nicht nur Schokolade

Was wäre der Advent ohne Adventskalender? Das Angebot ist vielfältig bis schrill, manchmal aber auch fromm. Von Gerd Felder und Stefan Meetschen
Adventskalender für jeden Geschmack
Foto: Foto: | Kalender für jeden Geschmack: Gerlinde Wermeier-Kemper.GF

Alle Jahre wieder freuen sich Groß und Klein auf die letzten 24 Tage vor Weihnachten. Dahinter steckt nicht nur die Vorfreude auf das Fest – auch der Weg dahin lohnt sich. Vorausgesetzt, man hat – neben anregenden geistlichen Impulsen – einen guten Adventskalender, der einen Türchen für Türchen mit Schokolade oder anderen Leckereien versorgt.

Doch wer hat eigentlich gesagt, dass sich die Vorfreude auf Süßigkeiten beschränken muss? Im Zeitalter der zunehmenden Kommerzialisierung gibt es mittlerweile Adventskalender für alles, was das profane Herz begehrt und nicht unbedingt eine sakrale Note besitzt: Von Bier bis Erotikartikeln, von Schmuck bis Katzenfutter. Sogar ein Ostalgie-Kalender ist auf dem Markt – für diejenigen, die sich ausgerechnet beim Fest der Liebe nach Stacheldraht und Mauerbau sehnen.

Auch bei der Kirche pflegt man den Brauch

Da tut es gut, dass von Seiten der Kirche Gegenakzente gesetzt werden. Der „Essener Adventskalender“ zum Beispiel, der 1978 zum ersten Mal erschien, ist mittlerweile ein Klassiker unter den Adventskalender-Angeboten, obwohl das Konzept im Prinzip immer noch so einfach ist wie damals. An einem Nagel lässt sich der Kalender aufhängen; was einen dann täglich erwartet, ist nach den Worten von Michael Dörnemann, dem Leiter des Pastoraldezernats im Bistum Essen, eine „sehr abwechslungsreiche Mischung aus Geschichten und Spielen, Liedern, Bastelanleitungen, Gebeten“. Wobei man in Essen bemüht ist, auch auf Weihnachtsbräuche in anderen Ländern aufmerksam zu machen, vor allem die in Lateinamerika, so Dörnemann.

Um Lateinamerika, nur etwas sportlicher, geht es auch bei dem Adventskalender „Advent bewegt“ des Hilfswerkes Adveniat. Dieser zusammen mit der DJK-Sportjugend konzipierte Kalender ist eine kostenlose App, die man beim iTunes Store und bei Google Play downloaden kann. „Ein Touch auf das Smartphone, und schon poppen hinter dem Türchen Videos mit sportlichen Übungen zum Nachmachen, spirituelle Impulse zum Nachdenken und spannende Informationen über die Länder Lateinamerikas auf, die den Wissensdurst stillen“, so die Anbieter. „Die bewusste Verbindung von Körper und Geist, die der mobile Kalender verfolgt, vermittelt die christlichen Themen der Advents- und Weihnachtszeit neu.“

Wem so viel vorweihnachtliche Action zuviel ist und wer sich stattdessen nach gepflegter Besinnung sehnt, der dürfte beim Münsteraner Coppenrath-Verlag fündig werden, dessen Angebote in die Traum- und Wunderwelt der Nostalgie führen: Schneekugeln, Wölkchen mit Engelchen, Dampfloks, Rehkitze, Nikoläuse, zauberhafte alte Hausfassaden, verschneite Giebel und Tannenbäume, an Kaminen dekorativ aufgebaute Geschenkberge, Pfannen und Töpfe auf alten Herden. Gerlinde Wermeier-Kemper, die beim Verlag für dieses Reich verantwortlich zeichnet, betont: „Weihnachten ist das nostalgische Thema schlechthin. Warum, das ist einfach zu erklären: Weil es mit zu Hause sein und in Kindheit schwelgen zu tun hat.“

Die Bandbreite an Adventskalendern ist bei dem bekannten Verlag groß: Tee- und Schokoladen-Kalender, Kalender zum Befüllen, Wandkalender mit und ohne Sound, mal kleiner und mal größer, Zettel- und Aufstellkalender, literarische und Kreativkalender, Mini-Ausführungen und Schachtelspiele. „Beim Advent ist vieles möglich“, weiß die charmante Mittfünfzigerin. „Man muss also viele Ideen haben und manches immer wieder neu kombinieren.“ So stehen neben Longsellern, die seit über 25 Jahren im Programm sind, jedes Jahr 40 Novitäten. Waren auf dem ersten illustrierten Kalender noch Schneemänner zu sehen und in den ersten Jahren noch Engel und Schutzengel dominierend, so spielen heute Häuser und Häuserzeilen eine große Rolle.

Total angesagt, so Wermeier-Kemper, ist in diesem Jahr aber „New York Christmas“, ein Motiv, zu dem es ganz verschiedene Formate, auch mit jeder Menge Back- und Kochtipps, gibt. Die andere Neuheit, die sehr gut ankommt, sind die Sound-Kalender, bei denen mit dem Öffnen eines jeden Türchens ein Weihnachtslied erklingt. Neu dazugekommen sind in den letzten Jahren darüber hinaus Adventskalender mit großen Tiermotiven wie Eichhörnchen, Meise und Rotkehlchen, die von der niederländischen Illustratorin Marjolein Bastin stammen und auf Grundlage ihrer Zeichnungen graphisch aufgearbeitet und neu arrangiert worden sind. „Adventskalender sind vor allem Deko-Artikel“, weiß Wermeier-Kemper. Die Planungs- und Produktionsphase ist lang: Die Kalender für Advent 2019 sind jetzt schon fertig, zwischen Januar und März gehen sie in Druck, im Spätsommer sind sie bereits am Lager, im Juli werden sie bereits nach Großbritannien versandt, wo sie traditionell früh bei Messen gezeigt werden.

Doch seit wann gibt es eigentlich Adventskalender? Wo und wieso ist dieser Brauch entstanden? Beim „Domradio“ ist man diesen Fragen nachgegangen – ganz eindeutig ist die Antwort nicht: „Anfang des 20. Jahrhunderts brachte eine evangelische Buchhandlung in Hamburg eine Uhr auf den Markt, bei der Kinder mit Hilfe eines verstellbaren Zeigers die zwölf Tage vor Heiligabend rückwärts zählen konnten. In dieser Zeit verkaufte der Münchner Verleger Gerhard Lang auch den ersten kommerziellen Kalender mit 24 Klebebildern. Bald setzte sich der Kalender mit 24 Türchen durch, hinter denen sich Bilder, Schokolade oder kleine Geschenke verbergen.“

Man kann Adventskalender natürlich auch selbst basteln

Dass in jeder Zeit auch versucht wird, den Adventskalender konform zu machen mit den jeweils herrschenden Ideen oder Ideologien, wird besonders deutlich, wenn man einen Blick auf die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte wirft. Damals wurde mithilfe der Kalender die Aufmerksamkeit auf eine sogenannte „Deutsche Weihnacht“ gerichtet. Heidnische Inhalte sollten die christliche Hoffnung ablösen. Das Ergebnis ist bekannt. Deshalb sollte man auch heute genau hinschauen, wer welche Adventskalender wofür anbietet.

Dem Psychologen Peter Groß zufolge liegt der Wert eines Kalenders aber sowieso nicht im Materiellen. Im Gespräch mit Maren Breitling (KNA) empfiehlt er die Methode Do-it-yourself: „Ein selbst gebastelter Kalender zeigt, dass ich mir Aufwand gemacht und Zeit genommen habe.“ Der Adventskalender solle Spaß machen und Freude bringen. Wenn er nicht so perfekt sei, sei dies nicht schlimm.

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