Nach dem Hurrikan

St. Martin: Wie ein Pfarrer in der Karibik hilft, das Schreckliche zu verarbeiten. Von Sabine Ludwig
Priester Marcin Karwot.Ludwig
Foto: Foto: | Lehrt auf der Insel Vergebung: Priester Marcin Karwot.Ludwig

Saint Martin will smile again“, lautet der Slogan der Insel, die durch den Hurrikan Irma Anfang September 2017 fast komplett zerstört wurde. Doch die Bewohner haben den Lebensmut nicht verloren und schon bald werden die ersten Touristen wieder kommen, um, genau wie vorher, karibisches Flair, die schönsten Strände und die Gastfreundschaft der Bewohner zu erfahren.

Ein kleines Eiland in der Karibik. Saint Martin und Sint Maarten. Die offizielle Bezeichnung von St. Martin lautet französisches Überseegebiet. Sint Maarten dagegen gehört zum Königreich der Niederlande, ist aber autonom. Die Insel teilt sich in diese zwei Gebiete. Offiziell gibt es 90 000 Bewohner, die alle europäische Pässe haben. Entweder besitzen sie die holländische oder die französische Staatsbürgerschaft. Ein kleines Europa mitten im Atlantik.

Vor einem halben Jahr, als sich alles änderte

Es war am 6. September 2017, als die Idylle unterging. Seitdem ist in dem kleinen Inselstaat nichts mehr, wie es einmal war. „Ich hatte die Hölle vor Augen, als ich im Morgengrauen aus dem Fenster sah“, erinnert sich Stephen Wright. Dann krachte auch schon das Dach ein und eine Wand stürzte zusammen. Gemeinsam mit seiner Frau rannte er barfuß nach draußen. Seit 20 Jahren führt er das Grand Case Beach Hotel, aber noch nie hatte er einen Hurrikan wie diesen erlebt. Er deutet auf die zerstörten Teile seines Lebenswerkes. „Irma hat ganze Arbeit geleistet“, sagt er. Es war genau diese Irma, vor der der Wetterdienst bereits seit einer Woche warnte. „Wir bekommen so viele Sturmmeldungen, oft passiert auch gar nichts“, ergänzt der gebürtige Engländer. Doch diesmal war es anders, denn alles deutete auf einen Sturm ungeheuren Ausmaßes hin, der sogar einen Tsunami auslösen könnte. Wright war vorbereitet. Ein großer Teil der Angestellten blieb vor Ort, bewegliche Dinge wurden gesichert und Touristen wurden zu ihrer eigenen Sicherheit in den zweiten Stock verlegt. Wright und sein Team waren gerüstet, doch hatten sie keine Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern erwartet. „Es war pures Glück, dass wir alle überlebten.“ Am nächsten Morgen um 9 Uhr war der Horror vorbei. Übrig blieb ein Trümmerfeld. Heute bezeichnet es der Hoteldirektor als Erfahrung, die er nicht missen möchte. Denn alle hielten zusammen. „Wir hatten einen Arzt und eine Krankenschwester unter den Hotelgästen, die Verletzte behandelten. Wir haben die Herausforderungen gemeinsam gemeistert“, ergänzt Wright. „Und heute fühle ich mich stärker als je zuvor.“ Angst hatten sie nur vor Plünderungen. „Wenn es dazu gekommen wäre, hätten wir alles freiwillig herausgegeben. Das haben wir gemeinsam entschieden.“ Nun ist die Renovierung in vollem Gange. „Es wird alles neu gemacht, die Wiedereröffnung ist am 1. Oktober 2018“, sagt Gästebetreuerin Lynn Patrice-Taylor. Beide hoffen, den kommenden Sturmmonat September glimpflich zu überstehen. Aber ein Jahrhundertorkan wie Irma wird so schnell nicht wiederkommen, sind sich beide sicher.

Priester Marcin Karwot von den Steyler Missionaren ist einen Monat nach dem Orkan auf die Insel gekommen und hat das ganze Ausmaß der Zerstörung erlebt. „Es war ein fürchterliches Bild“, sagt der Pole heute. „Es gab weder Fernsehen noch Internet. Die Menschen haben sich zurück ins Leben gekämpft.“ Was ihn dabei am meisten berührte, war ihre Zuversicht. Trotz des Traumas haben sie gelächelt und waren froh, überlebt zu haben. 13 Jahre war er zuvor als Missionar in Kenia tätig. Jetzt predigt er in drei Kirchen auf St. Martin; täglich hält er mindestens eine Messe und am Sonntag bis zu vier. „Bei jedem Gottesdienst sind die Kirchen voll. Der Glaube ist sehr wichtig auf der Insel.“ Er erinnert sich, wie er gemeinsam mit französischen Caritas-Helfern in die Familien ging und fragte, wo denn die Not am größten ist. „Wir halfen, Arztbesuche zu vermitteln, wenn das Trauma unüberwindlich war.“ Unvoreingenommen glauben die Menschen auch weiter an Gott, zweifeln nicht an seiner Gegenwart. „Viel schlimmer als der Sturm selbst war das Danach, die Plünderungen, die sogar von den Nachbarn begangen wurden. Und die damit verbundenen Enttäuschungen. Noch heute muss viel aufgearbeitet werden.“ Deshalb hätte der Inhalt seiner Predigten zurzeit viel mit Vergeben zu tun. Genau das sei die ganz große Herausforderung, die der 45-Jährige zu meistern hat. „Der Hurrikan wird als Naturkatastrophe verstanden, aber nicht das, was sich die Menschen gegenseitig antaten.“ Zwiespalt, Enttäuschungen und fehlende Menschlichkeit waren das Schlimmste für die Betroffenen. „Gerade jetzt, in der Fastenzeit vor Ostern, spreche ich viel über Verfehlungen und Verzeihen können. Es ist nicht leicht, den Stachel des Hasses zu besänftigen, aber wir sind auf einem guten Weg.“ Dazu gehören auch die regelmäßige Abnahme der Beichte und das Zusprechen von Mut und Zuversicht. Pfarrer Karwot weiß, wie wichtig seine Predigten und das Interpretieren durch die Gemeindemitglieder in dieser schwierigen Zeit sind. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, ist er sich sicher. Auch hier wird die Zeit alle Wunden heilen.

Das sieht auch Taxifahrer Philippe Richardson so. Ihn und seine Familie hat Irma mit voller Wucht getroffen. „Ich war in meinem Haus zusammen mit meiner Mutter, meiner Frau und den beiden Kindern. Plötzlich nahm der Wind das Dach mit.“ Es sei der Moment gewesen, als er Angst bekam. Angst um sich und seine Lieben. „Ich durfte mir nichts anmerken lassen, ich musste stark sein, denn meine Familie hat geweint und gebetet.“ Am nächsten Tag erst hat er den Schaden betrachtet. Plastikplanen mussten erst einmal ausreichen, das Loch im Dach abzudecken. Alle Geschäfte und Baumärkte blieben für die nächsten Tage geschlossen. Der gläubige Katholik hat nicht Gott die Schuld gegeben. „Warum auch? Bedanken wir uns etwa bei ihm, wenn alles gut geht? Nein! So können wir ihm auch nicht vorwerfen, wenn das Schicksal einmal zuschlägt.“ Heute läuft sein Taxiunternehmen wieder so gut wie vor Irma. „Das Wichtigste ist, an das Leben zu glauben und nicht zu verzweifeln“, so sein Fazit.

Es wird noch etwas dauern, aber dann werden die Touristen zurückkehren. Schon jetzt legen Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt an. Für einen Tag bringen sie Hunderte von Gästen, die einkaufen und einkehren und damit die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Die Hotels öffnen spätestens im Herbst erneut, viele davon sogar komplett renoviert und schöner als je zuvor. Aus jeder Katastrophe wächst eine Chance: Das kleine Eiland in der Karibik ist dafür das beste Beispiel.

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