Heiliger Berg

Moskauer Patriarchat: Die Athos-Agenten

Das Moskauer Patriarchat versucht auf dem „heiligen Berg“, der dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel untersteht, seinen Einfluss zu vergrößern. Es wäre ein Standbein Russlands in der EU.
Vladimir Putin visits Greece
Foto: dpa | Präsident Putin, flankiert von Patriarch Kyrill und Metropolit Hilarion, 2016 zu Besuch im russischen Kloster St. Panteleimon auf dem Berg Athos.

In Zeiten des Krieges haben in Russland Wahrsager und auch Wandermönche, sogenannte Starzen, Hochkonjunktur. Zurzeit ist in Russland der griechische Athos-Starez Ephraim Philotheus (95), der einen Sieg Russlands und das baldige Ende der Welt vorhersagt, in aller Munde.

Seit mehr als tausend Jahren ziehen sich in die autonome Mönchsrepublik Athos christliche Mönche zurück, um besonders intensiv ihr Leben als Koinobiten zu leben. Besonders viele ostslawische Mönche waren darunter. Vom Berg Athos ging im 18. Jahrhundert mit dem heiligen Archimandriten Paisij Welitschkowski, der auf dem Athos die Spiritualität der ägyptischen Wüstenväter und das Jesusgebet kennengelernt hatte, die entscheidenden Impulse zur Erneuerung des russischen Starzentums aus. Zwanzig Klöster bilden heute die autonome, aber nicht souveräne Mönchsrepublik auf der Halbinsel Chalkidiki. Auf dem Landweg markiert ein Zaun die Grenze zu Griechenland. Die lange Osmanenzeit von 1430 bis 1912 hatten die Klöster zwar überstanden, aber die Revolution in Russland 1917 ließ den Zustrom an Geld und Menschen aus dem größten orthodoxen Land erstmals versiegen. Drei Jahrzehnte später verschwanden auch Bulgarien und Rumänien hinter dem Eisernen Vorhang. Aus Griechenland selbst kamen immer weniger junge Mönche. Nur weil der Eiserne Vorhang 1989 fiel, konnte der Grenzzaun auf der Athos Halbinsel bleiben.

Nachschub aus dem orthodoxen Osten

Seit 1989 funktionierte der Nachschub aus dem orthodoxen Osten wieder zum heiligen Berg. Vor allem in Russland erlebte die orthodoxe Kirche eine ungeahnte Renaissance. Von 1991 bis heute stieg die Zahl der Bewohner des Athos von 1 500 auf 2 500 an. Der Athos besteht aus 17 griechischen Großklöstern, einem russischen Kloster, einem bulgarischen Kloster und einem serbischen Kloster.

Im Februar, wenige Tage vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, hatte eine Gruppe russischer Nationalisten das griechische Athos-Kloster Esfigmenou besucht. Die Männer schwenkten eine Fahne des ehemaligen Russischen Reichs und trugen ein Bild des letzten Zaren. Das Hauptgebäude des Esfigmenou-Klosters ist seit Jahren von ultrakonservativen Mönchen besetzt, denen das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel „nicht orthodox genug“ ist. Trotz Gerichtsurteilen, die sie verpflichten, das Kloster zu räumen, weigern sich die Mönche, das Kloster zu verlassen, nur der Altabt Bartholomaios und ein Teil seiner Mönche haben das Kloster verlassen. Wer genau sich unter den Kutten der Besetzer-Mönche versteckt, weiß auch Altabt Bartholomaios nicht, es könnten „geistliche Eiferer, weltliche Spione oder beides sein“, erklärte er in einem Interview mit der „NZZ“. Diese auch als Zeloten“ bezeichneten Mönche sind Mitglieder der GOC (Kirche der wahren orthodoxen Christen Griechenlands).

Russische Einflussnahme am Heiligen Berg

Der Altabt vermutet hinter diesen Machenschaften das Wirken Russlands und seiner Oligarchen, die auf dem Berg Athos Geldwäsche und Einflussnahme betreiben mittels Methoden, die an Geheimdienste erinnern. Und obwohl alle von diesen kriminellen Machenschaften Kenntnis haben, sind den Behörden wegen des „heiligen“ Charakters des Ortes die Hände gebunden, obwohl der griechische Staat für die Sicherheit in der Mönchsrepublik zuständig ist, da sie keine Polizei hat. Die Besetzer und ihre russischen Unterstützer bewegen sich illegal per Seeweg mit Schnellbooten über die Landesgrenzen. Vor einigen Jahren wurde sogar erstmals ein Hubschrauberlandeplatz auf der Halbinsel angelegt.

Russen haben viel Geld in die Restaurierung von Klöstern des Athos investiert. Seit einem Jahr untersucht die griechische Anti-Geldwäschebehörde verdächtige Geldtransaktionen zum Athos und hat bereits viele derartige Überweisungen bis zu einer Höhe von einer Million Euro an einzelne Mönche entdeckt, allerdings nicht an Klöster. Die meisten dieser Gelder stammen aus Russland, so ließ die Behörde im Oktober verlauten. Dabei gehört zu den Gelübden der Koinobiten auch eine Armutsverpflichtung. Auch der russische Präsident Wladimir Putin, der sich nach außen mitunter sehr religiös gibt, besuchte die Mönchsrepublik zweimal, zuletzt 2016, zwei Jahre nach der auch religiös begründeten Besetzung der Krim. An seiner Seite war damals der russische Oligarch Konstantin Malofejew. Wegen der mutmaßlichen Finanzierung der Separatisten im Donbass wird er seit Jahren von den EU und den USA mit Sanktionen belegt. Im Herbst 2020 und im Frühjahr 2021, also innerhalb von nur sechs Monaten, besuchte auch der russische Ministerpräsident Michail Mysustin zweimal den Berg Athos.

Der Athos wird in russischen Medien bereits als „russisches Erbe“ angepriesen, der frühere russische Ministerpräsident Stepaschin schlug 2018 vor, der Athos solle ein unabhängiger Staat werden. Wie zuletzt in Afrika, befürchten einige griechische Bischöfe, könnte Moskau auch in Griechenland ein russisches Exarchat gründen, denn auch Griechenland hatte, wie das Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika, die Autokephalie der Ukraine 2018 anerkannt. Es wäre eine neue Front im Ringen zwischen Moskau und Konstantinopel.

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Ukrainekrieg ist auch auf dem Athos angekommen

Obwohl das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel die Jurisdiktion über die Athosklöster hat, war nur ein Kloster im Jahre 2019 der Einladung von Patriarch Bartholomaios gefolgt und hatte eine offizielle Delegation zur Amtseinführung des neuen ukrainischen Patriarchen Epifanij nach Kiew geschickt.

Die anderen Athos-Klöster haben auch kundgetan, dass sie ihre Tore nicht öffnen würden, sollte Epifanij auf den Athos pilgern. Das zeigt den großen Einfluss Moskaus auf die Klöstern des Athos. Dabei hatte Ende Oktober 2019 auch das Oberhaupt der autokephalen orthodoxen Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymos, den Kiewer Autokephalie als Oberhaupt der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ anerkannt. Die Griechen wiesen schon im vergangenen Jahr überraschend zwei russische Diplomaten aus, die sie der Bestechung und Einmischung in griechische Angelegenheiten beschuldigten. Einer der Ausgewiesenen war für eine religiöse Gesellschaft verantwortlich, die sich um die Koordination zwischen den orthodoxen Kirchen kümmert. Russland sieht vor allem in dem staatsrechtlich nicht klar fixierten Status des Athos-Berges eine Chance, mitten in der EU ein Standbein zu bekommen, wie man es mit der Hafenstadt Sewastopol schon vor 2014 auf der Halbinsel Krim hatte. Wenn Russland mit Oligarchen und machtpolitischen Spielchen den Athos unterwandern könnte, hätte Moskau endlich einen festen Zugang zum Mittelmeer, den es trotz zehn Kriegen gegen das Osmanische Reich nie bekam.

Russisches Territorium auf Athos

Ein russisches Territorium auf dem Berg Athos ist bereits das Kloster Agios Panteleimon, bekannt auch unter dem Namen Rossikon. Es ist das größte Kloster des Athos-Berges, es wurde 1016 gegründet. Jahrhunderte lang lebten in diesem Kloster gemeinsam griechische und russische Mönche, heute werden die Mönche vom russisch-orthodoxen Patriarchat von Moskau dorthin entsandt. Das russische Pantaleon-Kloster ist eine beliebte Bleibe für die Mächtigen. Auch der russische Präsident Putin besuchte 2016 zum tausendjährigen Bestehen das Kloster.

Agios Pantaleon stand einst unter der persönlichen Schirmherrschaft des Zaren, Putin übernahm die zaristische Rolle und ließ das Kloster umfassend renovieren. Auch das „bulgarische“ Kloster Agios Zografou und das „serbische“ Kloster Agios Hilandar stehen bereits stark unter russischem Einfluss, weil deren Patriarchate auf Geheiß Moskaus die Autokephalie der Ukraine nicht anerkannt haben.

Mit der einstigen andächtigen Stille und Abgeschiedenheit, wofür der Athos einst weltweit bekannt war, und weswegen dort auch viele Christen anderer Konfessionen hin pilgerten, ist es seit dem Ukrainekrieg vorbei.

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