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Montecassino: Größe und Verfall, Glanz und Niedergang

Die von Benedikt von Nursia gegründete Abtei gilt als Symbol für die Lebenskraft und die Zerbrechlichkeit des christlichen Glaubens in Europa. 
Montecassino und der heilige Benedikt
Foto: Imago/Pond5 Images | Ein Benediktiner fertigt 1947 in den Trümmern Skizzen an für den Aufbau der im Krieg völlig zerstörten Abtei von Montecassino.

Ein Leben im Kloster ist für viele Menschen heutzutage unvorstellbar. Zu abgeschieden, zu weltfremd erscheint diese besondere Form des christlichen Glaubenslebens. Allenfalls für eine kurze Auszeit aus dem stressigen Berufsleben oder aber für eine museale Besichtigung nahezu ausgestorbener Lebensformen scheinen Klöster in aufgeklärten Zeiten noch zu taugen.
Selbst wenn laut der aktuellen Statistik der deutschen Bischofskonferenz im Jahre 2022 in Deutschland noch 3 349 Ordensmänner in 385 klösterlichen Niederlassungen und 10 953 Ordensfrauen in 964 klösterlichen Niederlassungen lebten, täuschen diese Zahlen doch nicht über die nüchterne Realität hinweg, dass das Ordensleben hierzulande rasant seinem Ende entgegengeht.

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Denn während von den 3 349 Ordensmännern 50 Prozent älter als 65 Jahre sind, sind es bei den 10 953 Ordensfrauen rund 82 Prozent. Ein Gegentrend ist nicht in Sicht. Vergleichbar mit der Situation der katholischen Kirche in Deutschland insgesamt geht folglich – und vermutlich noch wesentlich rascher – auch das Mönchtum in Richtung Urzustand, aus dem es einst groß geworden war. Daher lohnt mit Blick auf die Zukunft ein Blick zurück, auch hinsichtlich der Anfänge des monastischen Lebens.

1500-jährigen Erfolgsgeschichte

Kaum ein Name ist damit so stark verbunden wie Benedikt von Nursia, dessen „Regula Benedicti“ als Ordensregel unzählige Männer und Frauen die Jahrhunderte hindurch geprägt und geleitet hat. Selbst heute stellen Benediktiner in Deutschland die größte Ordensgemeinschaft dar, und die – wie der Kirchenhistoriker und Benediktinermönch Pius Engelbert sie bezeichnet – „älteste noch bestehende monastische Bewegung der lateinischen Kirche“.

Daher kann tatsächlich von einer 1 500-jährigen Erfolgsgeschichte gesprochen werden, mit der der heilige Benedikt von Nursia das christliche Leben in Deutschland, Europa und weltweit bereichert hat.

Benedikt: Erschüttert vom Treiben im Zentrum des Glaubens

Um das Jahr 480 wurde er in oder bei Nursia, dem heutigen Norcia in den Abruzzen, geboren. Lediglich Papst Gregor der Große berichtet Ende des sechsten Jahrhunderts über Benedikts Leben, sodass nicht viel über seine Biografie überliefert wurde. Doch scheint der junge Benedikt von seinen Eltern zum Studium nach Rom, ins Zentrum des christlichen Glaubens, geschickt worden zu sein.

Und wie es rund 1 000 Jahre später bei einem deutschen Augustinermönch der Fall gewesen ist, war auch Benedikt vom dortigen Treiben keineswegs begeistert, sondern regelrecht erschüttert. Doch anders als der Augustinermönch Martin Luther verfasste ebendieser Benedikt keine 95 Thesen umfassende Anklage gegen Papst und Ablasshandel, sondern zog sich in die Einsamkeit zurück, um dort die Nähe zu Gott zu erfahren. Anfangs noch lebte er in einer Gruppe von Einsiedlern, dann aber zog es ihn allein für drei Jahre in eine Höhle bei Subiaco östlich von Rom.

Entstehung der "Regula Benedicti"

Trotz oder gerade wegen seiner abgeschiedenen konsequenten Lebensweise beeindruckte er die Menschen, sodass er schließlich gebeten wurde, die Leitung eines Klosters zu übernehmen. Er sagte zu, doch wurden seine Bemühungen um eine Neuausrichtung des Ordenslebens wenig geschätzt. Der Überlieferung nach versuchte man den Abt sogar zu vergiften. Nach ähnlichen Erfahrungen in anderen Klöstern gründete Benedikt sodann im Jahre 529 mit einer kleinen Gruppe treuer Anhänger das legendäre Kloster auf dem Monte Cassino.

Dort verfasste er um das Jahr 540 herum seine berühmte Ordensregel, die „Regula Benedicti“. Diese wird heutzutage allzu oft auf zwei Begriffe reduziert: „ora et labora“, bete und arbeite. Wenngleich die beiden Tätigkeiten wesentliche Elemente des benediktinischen Ordenslebens darstellen, beweist schon der Umfang von 73 Kapiteln der „Regula Benedicti“, dass der Inhalt wesentlich mehr zu bieten hat. Tatsächlich stellt er eine präzise Bestandsaufnahme des Lebens in der klösterlichen Gemeinschaft dar, die von Aspekten wie Gebet und Gottesdienst über das Zusammenleben im Kloster und mit der Außenwelt bis hin zu Arbeitsaufteilung und Versorgung reichen.

Suche nach Gott ist Kern des monastischen Daseins

Allerdings lässt Benedikt keinen Zweifel daran, dass die Suche nach Gott den Kern des monastischen Daseins ausmacht. In diesem Punkt dürfte sein mehrjähriges Eremitenleben Pate gestanden haben. Welche Bedeutung die auf Benedikt zurückgehende Klostergründung von Montecassino hatte und hat, zeigt sich in allen Phasen ihrer Geschichte. Zu Beginn dürfte der Gründer selbst dafür verantwortlich gewesen sein, denn nur durch seinen Einsatz und seine Person ist das Ausmaß der Neugründung zu erklären: „Einen dort vorhandenen Tempel baute er zu einer Martinskirche um; auf der Spitze des Berges errichtete er ein Johannesoratorium. Die Besitznahme der Akropolis konnte nur mit staatlicher (das heißt gotischer) Autorisierung geschehen […]. Ebenfalls sind umfangreiche Landschenkungen anzunehmen: Grundstock der späteren ,Terra S. Benedicti‘ des Klosters“ (Engelbert).

Der Überlieferung nach besuchte der Gotenkönig Totila den großen Mönchsvater, um sich selbst von dessen prophetischer Gabe zu überzeugen. Die Begegnung beider Männer fand wohl in der zweiten Hälfte des Jahres 546 statt, wenige Monate vor dem Tod Benedikts (womöglich im März 547). Der Legende nach sagte Benedikt dabei auch Totilas Tod voraus. Der Aufstieg Montecassinos um die Mitte des sechsten Jahrhunderts sollte jedoch alsbald gebremst werden, denn schon dreißig Jahre nach dem Tod des Gründers wurde das Mutterkloster im Jahre 577 von den Langobarden zerstört und die Mönche flohen nach Rom, wo sie von Papst Pelagius II. ein Kloster am Lateran erhielten.

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Und doch war mit der Zerstörung des Klosters nicht das Ende Montecassinos verbunden, was wohl wiederum mit der großen Bedeutung des Gründervaters zu erklären ist. Der Benediktiner und Erzabt Korbinian Birnbacher fasst die Klostergeschichte für die folgenden Jahrhunderte wie folgt zusammen: „Fast eineinhalb Jahrhunderte stand Montecassino leer, bis Abt Petronax um 717 mithilfe Willibalds von Eichstätt einen neuen Anfang machte. Karl der Große si-cherte beim Besuch Montecassinos 787 den Besitzstand.“

Immer wieder Zerstörung und Neuaufbau

Doch auch diesmal folgte auf die Blüte ein erneuter Niedergang, herbeigeführt durch die Zerstörung durch die Sarazenen in den Jahren 883/884. Die folgenden Jahrhunderte gestalteten sich nicht anders. Immer wieder wurde das Kloster neu gegründet, immer wieder wurde es zerstört oder fiel – wie im Jahre 1349 – einem Erdbeben zum Opfer.

Dabei litt Montecassino durch die Jahrhunderte hindurch immer auch an den politischen Mächten und Machthabern im heutigen Italien. „Den großen Besitz Montecassinos raubten seit 1799 die Franzosen, die Neapolitan er und seit 1860 die Piemontesen, die 1866 Montecassino zum Nationaldenkmal erklärten.“

Auch im Zweiten Weltkrieg blieb das berühmte Kloster nicht verschont. Christoph Schmidt stellt das Geschehen drastisch vor Augen: „Am 15. Februar 1944 zerstörten US-Geschwader das Gemäuer mit fast 500 Tonnen Bomben. Der schwerste Angriff der Kriegsgeschichte auf ein einzelnes Gebäude pulverisierte eines der ältesten Heiligtümer der Christenheit und tötete Hunderte Flüchtlinge, die sich dort sicher wähnten.“

Nach Kriegsende wurde jedoch schon im Jahr 1945 mit dem Wiederaufbau begonnen, sodass das Kloster heute wieder in neuem Glanz erscheint und wie wohl kaum ein anderes Gebäude im Laufe der Jahrhunderte zum Symbol für Größe und Glanz, aber auch Zerbrechlichkeit und Niedergang des Mönchtums sowie des christlichen Glaubens in Europa geworden ist.

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