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Marias Oxford

Oxford ist die vermutlich marianischste Universitätsstadt Englands. Es gibt sogar das Gerücht, Oxford besitze mehr mittelalterliche Marienbilder als jede andere Stadt Englands.
Marias Oxford
Foto: Fr Lawrence Lew OP | Maria begrüßt in Oxford auch die Besucher der Blackfriars, sprich: der Dominikaner.

Es gibt Städte in Europa, in denen die Jungfrau Maria noch immer sichtbar aus Stein und Glas herrscht. Dem Pilger fällt das sofort auf: die „Madonelle“ Roms, Marienheiligtümer, die sich in die Straßenecken von Florenz schmiegen, Statuen der Jungfrau, die von Kirchenfassaden und selbst von öffentlichen Gebäuden herabblicken.

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In England hingegen fühlt es sich seit der Reformation oft anders an. Das marianische England wurde vielerorts zu einem England der Abwesenheiten: zerschlagene Statuen, weiß getünchte Wände, leere Nischen, verstümmelte Lettner, zerbrochener Marmor, zerstörte Heiligtümer. Man begegnet häufig nicht mehr Maria selbst, sondern lediglich den Spuren dessen, wo sie einst gestanden hat.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet Oxford – ein Ort, der sich diesem Vergessen auf eigentümliche Weise widersetzt. Der stets weise Fr. John Saward von der schönen kleinen Kirche St. Gregory and Augustine ist der Ansicht, Oxford besitze vielleicht die reichhaltigste erhaltene Konzentration mittelalterlicher Marienbilder in ganz England. Doch je tiefer man gräbt, desto vorsichtiger muss man mit solchen Behauptungen werden.

„Jungfrau mit Kind“

Das mittelalterliche England lässt sich nur schwer in Superlativen vermessen. Die monumentalen Überreste von York und Canterbury bleiben überwältigende Vergleichsgrößen, während London allein durch seine Museumssammlungen nahezu alle anderen Städte überragt. Dort befinden sich beinahe dreihundert mittelalterliche Objekte, die unter der Kategorie „Jungfrau mit Kind“ katalogisiert sind.

Und dennoch zeigt Oxford eine bemerkenswerte Dichte, mit der marianische Bildnisse die Welt der Colleges prägen – und dies seit Jahrhunderten. Im New College wird dies beinahe augenblicklich sichtbar. Moderne Touristen vergessen oft, dass die Institution offiziell nicht einfach „New College“ heißt, sondern „The College of St Mary of Winchester in Oxford“. Schon von seiner Gründung an stand das College ausdrücklich unter marianischem Patronat. Über dem mittelalterlichen Torhaus steht die Jungfrau Maria noch immer zwischen dem Erzengel Gabriel und William of Wykeham. Die Verkündigung selbst ist buchstäblich in die Fassade der Institution gemeißelt.

Die Kapelle des Colleges beherbergte einst ein noch ambitionierteres marianisches Programm: das berühmte Jesse-Fenster. Obwohl das ursprüngliche mittelalterliche Glas im 18. Jahrhundert verstreut und teilweise zerstört wurde, deuten erhaltene Studien stark darauf hin, dass das gesamte Westfenster nicht nur die davidische Abstammung Christi, sondern auch die Abstammung der Jungfrau selbst hervorhob. Mariologie wurde hier zugleich in die Dynastiegeschichte wie auch in die Heilsgeschichte eingebettet.

In der Kapelle des Merton College findet sich wiederum eines der ältesten erhaltenen College-Fensterensembles Englands. Die Kapelle bewahrt Glasmalereien aus dem späten 13. Jahrhundert, darunter eine erhaltene Verkündigungsszene. Dass diese Werke überhaupt überlebt haben, grenzt beinahe an ein Wunder, wenn man die Wellen von Bildersturm, Reformation, Restaurierung und Vernachlässigung bedenkt, die Oxford durchlaufen musste. Die Archivunterlagen von Merton zeigen zudem, wie ausgeprägt das marianische Andachtsleben vor der Reformation gewesen ist: Altäre zu Ehren der Jungfrau, marianische Ausstattungsstücke und sogar Hinweise auf „ein Bildnis der Jungfrau, die das Sakrament trägt“ während der marianischen Restauration unter Königin Mary Tudor.

Das intellektuell vielleicht aufschlussreichste Marienbild Oxfords hat sich in der Kapelle des All Souls College erhalten. Die Glasfenster aus dem frühen 15. Jahrhundert, entstanden während der großen Verglasungskampagne der 1440er-Jahre, zeigen nicht nur eine stehende Jungfrau mit Kind, sondern auch das bemerkenswerte Motiv der heiligen Anna, die der Jungfrau Maria das Lesen beibringt. Es ist schwer, sich ein Bild vorzustellen, das oxfordhafter wäre als dieses: Maria selbst als Schülerin.

Marienverehrung als Schnittstelle von Theologie und Gelehrsamkeit

Überhaupt fällt auf, wie häufig die Marienverehrung an der Schnittstelle von Theologie und Gelehrsamkeit erscheint. Die Colleges widmeten sich Maria nicht allein deshalb, weil sie Gegenstand besonderer Frömmigkeit war, sondern weil sie Weisheit, Kontemplation, Empfänglichkeit für Wahrheit und die harmonische Ausrichtung des Verstandes auf Gott verkörperte.

Die mittelalterliche Universität verstand sich nicht als religiös neutraler Raum, der gelegentlich durch Frömmigkeit ausgeschmückt wurde; sie existierte vielmehr innerhalb einer heiligen Ordnung.

In der Christ Church Cathedral begegnet man weiteren mittelalterlichen Marienbildern, darunter einer Verkündigungsszene mit Gabriel und der Jungfrau Maria inmitten der erhaltenen Glasmalereien. Ein Großteil der bedeutenden mittelalterlichen Fenster befindet sich noch heute in der Lucy Chapel und der Latin Chapel, wo Glas aus dem 14. Jahrhundert weiterhin still die theologische Vorstellungskraft des mittelalterlichen Priorats bewahrt.

Selbst das moderne katholische Oxford ist Teil dieser eigentümlichen Kontinuität aus Verlust und Wiedergewinnung. In der Seitenkapelle der Verkündigung im Blackfriars Priory befindet sich ein kleines mittelalterliches Alabasterrelief der Verkündigung – das älteste Kunstwerk der Prioratskirche. Streng genommen wurde hier ein älteres Werk in eine neuere Kirche eingefügt. Doch diese Gegenüberstellung mindert weder seine Bedeutung noch seine Schönheit. Vielleicht macht sie das Werk sogar noch englischer.

Denn die mittelalterliche Marienkultur Englands überlebt nur selten unversehrt. Häufiger begegnet sie uns verwundet: verwitterte Statuen ohne Hände, zerbrochene und wieder zusammengesetzte Glasfenster, Alabasterreliefs, die knapp der Zerstörung entkamen, leere Nischen, die auf Heilige warten, die niemals zurückkehrten. Die kleine Verkündigung in Blackfriars verdichtet all dies beinahe symbolisch.

Und dann gibt es noch jene Objekte, die in Oxford selbst nicht mehr unmittelbar sichtbar sind. Die Handschriften der Bodleian Library bewahren zahllose marianische Initialen, Verkündigungen, Krönungen der Jungfrau, Stundenbücher und liturgische Illuminationen, die auf eine umfassende marianische Bestandsaufnahme warten. Das Ashmolean Museum wiederum beherbergt bedeutende marianische Werke – von spätmittelalterlichen Skulpturen bis hin zu Gemälden wie Andrea Vannis Tafeln der Jungfrau mit dem Kind aus dem 14. Jahrhundert.

Streng genommen gehören diese Werke nicht alle zur ursprünglichen Überlieferung Oxfords; dennoch zeigen sie, wie tief die marianische Bildkultur weiterhin im intellektuellen Gedächtnis der Stadt verankert bleibt.

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Dass Oxford mehr mittelalterliche Marienbilder als jede andere Stadt Englands besitze, lässt sich wohl kaum vorbehaltlos verteidigen. Eine andere Behauptung jedoch durchaus: Oxford ist vermutlich die marianischste Universitätsstadt Englands. Und noch wichtiger: Die Stadt bewahrt die Erinnerung an etwas, das moderne Universitäten nahezu vollständig vergessen haben – dass Lernen einst unter dem Mantel der Jungfrau geschah.


Der Autor ist promovierter Philosoph. Er unterrichtet am „Blackfriars Studium“ der Dominikaner in Oxford.

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