Glauben leben

Ludwig Sebus: Karnevalist und Katholik

Glaube mit Musik: Der leidenschaftliche Kölner Ludwig Sebus.
Ludwig Sebus- Helau und Alaaf
Foto: WDR Christa Dederich (WDR) | Ludwig Sebus, ein gläubiger Katholik, der auch im hohen Alter noch seinen Karneval liebt.

Als der Alarm kam, war das mit einem eigenartigen Geräusch verbunden, wie wir es von den bisherigen Luftangriffen nicht kannten: ein fortwährendes Raunen, das immer stärker wurde“, erinnert sich Ludwig Sebus an die Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 und fügt hinzu: „Kurz darauf setzten die Erschütterungen ein. Mal stark, mal abnehmend – und dann kam der Bombenteppich, stundenlang.“ Die Menschen haben geschrien, einige haben gebetet. Der 96-Jährige schließt die Augen und fährt mit stockender Stimme fort: „Als morgens die Entwarnung kam und wir aus unseren Kellern herauskrochen, war Köln ein Flammenmeer.“ Die Mutter schickte ihn auf die Suche nach dem Vater, ein Vergolder sowie Veteran des Ersten Weltkriegs, der in dieser Bombennacht zum Dienst bei der Feuerwehr eingezogen worden war. „Ich habe ihn erst am 1. Juni in der Nähe der romanischen Kirche St. Pantaleon bei Aufräum- und Löscharbeiten gefunden.“ Das Bild, das sich dem damals 16-Jährigen bot, hat er bis heute ebenso deutlich in Erinnerung wie den „widerlich-süßlichen Geruch, der in der Luft lag“. In mehreren Waschbütten waren verkohlte Leichen aufeinandergestapelt, durch die Trümmerlandschaft wankten verletzte Menschen.

Kein Stein blieb auf dem anderen

So erinnert sich der 1925 geborene und über Köln hinaus bekannte Komponist, Textdichter, Sänger und Karnevalist im Gespräch mit der „Tagespost“ an jene Nacht vor 80 Jahren, die als erster „Tausend-Bomber-Angriff“ in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eingegangen ist. Der Begriff bezeichnet außergewöhnlich große Angriffe von alliierten Luftflotten, die geschlossen ein räumlich begrenztes Ziel bombardierten. Das Ziel dieser Flächenbombardements waren dabei Wohngebiete anstelle militärischer Einrichtungen, um auf diese Weise die Moral der Zivilbevölkerung zu schwächen. Nach der Operation Millenium, so der Deckname für die Bombardierung Kölns mit über 1 000 britischen Bombern, folgten bis zum Kriegsende weitere dieser damals neuen militärischen Maßnahme auf deutsche Städte. „Köln wurde ja noch mehrfach bombardiert, und 1945 stand in der Innenstadt und weit darüber hinaus kein Stein mehr auf dem anderen“, so Sebus. Er selbst hat das erst Ende 1949 gesehen, als er nach über fünf Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft, die er weitestgehend in der Ukraine verbracht hat, in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist.

Lesen Sie auch:

Als Funker in den Krieg

Der ehemalige Soldat, der mit gerade einmal 18 Jahren als Funker zum Kriegsdienst eingezogen worden war und bis heute froh darüber ist, „dass ich bei dieser Aufgabe keine Waffe in die Hand nehmen musste“, konnte bald eine Stelle bei einem großen Landmaschinenhersteller antreten. „Die haben sich an ihre Zusage gehalten“, betont Sebus und erklärt: „Kurz vor meiner Einberufung im Herbst 1943 hatte ich bei dieser Firma die Ausbildung zum Industriekaufmann mit der Zusicherung abgeschlossen, dass ich dort nach dem Krieg eine Stelle bekäme.“ 30 Jahre blieb er bei dem Unternehmen, wurde regionaler Verkaufsleiter und pendelte immer zwischen Köln und Mannheim. „Insbesondere in der Hochzeit des Karnevals von Neujahr bis Aschermittwoch war das mitunter eine sehr kräftezehrende Sache.“ Denn in den 1950er Jahren begann neben der hauptberuflichen Arbeit für Ludwig Sebus jene Karriere, die er bis heute verfolgt und für die er weit über Köln hinaus bekannt geworden ist: die des Krätzchensängers, Texters und Komponisten kölschen Liedguts.

Vom Gemeindekarneval auf die großen Bühnen

Gitarre konnte er nicht mehr spielen, die Finger waren nach den jahrelangen Arbeiten in Bergwerken während der Gefangenschaft zu stark geschädigt. Für die Deformierung des kleinen Fingers habe er seinerzeit 156 Mark bekommen, sagt Sebus und hebt die linke Hand. Langsam wuchs er in den organisierten Karneval hinein und wurde behutsam auf seine ersten Auftritte vorbereitet. „Vielfach war ich in Kirchengemeinden unterwegs, schließlich spielt der Pfarrkarneval für das Gemeindeleben eine enorme Rolle.“ Unter Krätzchen sei eine zumeist lustige kölsche Begebenheit zu verstehen, so der Verfasser von mittlerweile 252 Liedern, die er für sich und andere Interpreten und Gruppen verfasst. Das letzte Lied komponierte er erst dieser Tage mit dem autobiografischen Titel „Nit mieh janz su knusprig“. Wie zum Trotz findet sich im Liedtext unter anderem die Zeile „Denn auch mit Falten bin ich nicht aufzuhalten“.

Die Liebe zur Heimat

Die Texte sagen viel aus über die Liebe von Ludwig Sebus zu seiner Heimat und zu seiner Familie. Mit Liedern beispielsweise über den decken Pitter, die riesige Petersglocke im Dom, oder mit seinem musikalischen Bekenntnis zur „schwazzen Madonna“, das Gnadenbild der Schwarzen Muttergottes in der Kölner Innenstadtkirche St. Maria in der Kupfergasse, berührt Sebus die Menschen allen Alters bis heute ebenso wie mit seinen heiteren musikalischen Betrachtungen über „Verwandte, dat sin Minsche“, „Uns Kölsche Siel (Seele)“ oder den „Circus Colonia“. Mit dem Lied „Jede Stein in Kölle es e Stöck von deer“ schaffte der leidenschaftliche Kölner im Jahr 1955 den Durchbruch. In Spitzenzeiten kam er auf über 200 Auftritte in einer Karnevalssession. „Heute ist es ein bisschen ruhiger geworden“, sagt Sebus mit einem verschmitzten Lächeln.


In Kriegszeiten feiern?

Ob es erlaubt ist, in Kriegszeiten zu feiern? „Zunächst einmal bin ich sehr dankbar, dass wir 70 Jahre Frieden hatten, das ist nicht selbstverständlich“, sagt er nachdenklich und fügt hinzu: „Ich glaube, dass wir trotz der Einschränkungen in einem angemessenen Rahmen feiern dürfen, denn es geht doch um gegenseitige Anerkennung, Freundschaft und darum, noch etwas Leben zu erhalten“. Dass er selbst noch sein Leben erhält, obwohl er es insbesondere im Krieg und der Gefangenschaft mehrfach zu verlieren drohte, führt Sebus auf seinen Glauben zurück. „Ich habe einige persönliche Wunder erlebt, die mir gezeigt haben, dass die Hand Gottes über mir war und ist.“ Schon früh wurde er katholisch sozialisiert. Er war nach eigener Aussage ein leidenschaftlicher Messdiener und engagierte sich viele Jahre in der Pfarrjugend. Noch im März dieses Jahres nahm er am traditionellen Bußgang der katholischen Männer zum Gnadenbild der Muttergottes im Kölner Stadtteil Kalk teil. „Das habe ich von meinem Vater gelernt, der seit Beginn an dieser Wallfahrt teilgenommen hat.“ In den 1930er Jahren wurde dieser Gang mit Tausenden katholischen Männern, die schweigend und still betend aus allen Stadtteilen zum Gnadenbild zogen, ein beeindruckendes Glaubensbekenntnis in Zeiten des Nationalsozialismus. Seit der Rückkehr aus der Gefangenschaft hat Ludwig Sebus immer teilgenommen. Es sei ihm immer wichtig, seinen Glauben weiterzugeben und davon Zeugnis abzulegen. Er ist fest davon überzeugt: „Menschen, die einen tiefen Glauben haben, leben zufriedener als die, die keinen haben.“

Soziales Engagement aus dem Glauben heraus

Aus seinem Glauben speist sich auch sein vielfältiges soziales Engagement. Viele Menschen, die abseits stehen und benachteiligt sind, unterstützt er auf unterschiedliche Weise und will ihnen „mit meinen Möglichkeiten Lebensfreude und ein Gefühl des Zusammenhalts geben“. Immer wieder kommt Ludwig Sebus auf Zusammenhalt zu sprechen. Das zeigte sich auch bei seinem 95. Geburstag. Die große Feier fiel coronabedingt aus und wurde daher an seinem 96. Geburtstag in einem Brauhaus nachgeholt.

Den gesamten Tag über kamen Hunderte von Gratulanten vorbei, um das für seine bodenständige und volkstümliche Persönlichkeit bekannte „kölsche Jahrhundert“ zu ehren. Neben dem Glauben ist es die Familie, in der der vierfache Vater, neunfache Großvater und achtfache Urgroßvater seine Lebensfreude und Kraft findet. Vor dem Bild seiner vor drei Jahren verstorbenen Frau, mit der er 63 Jahre verheiratet war, brennt tagsüber immer eine Kerze. Über einer Wand mit zahlreichen Familienbildern aus mehreren Jahrzehnten prangt in schmalen goldenen Lettern der Spruch: „Familie ist, wo das Leben beginnt und die Liebe niemals endet.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Wie wird Olaf Scholz in zehn Jahren über sein Handeln denken?
18.05.2022, 11  Uhr
Hendrik ter Mits
Themen & Autoren
Constantin von Hoensbroech Ulrike von Hoensbroech Glaubensbekenntnis Kirchengemeinden Krieg Schwarze Madonna Ukraine Zweiter Weltkrieg

Kirche

Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst