Minimum & Maximum

Ludovico Einaudi: Klang und Raum nutzen, um Herzen zu erreichen

Musik wie eine Umarmung: Der italienische Komponist Ludovico Einaudi hat mit seiner schlichten aber eingängigen Komposition großen Einfluss auf Theater- und Filmmusik.
Ludovico Einaudi,  italienische Komponist und Pianist
Foto: Kote Rodrigo (EFE) | Der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi steht im Rahmen der «Veranos de la Villa»-Aufführungen auf der Bühne des Auditoriums Puerta del Angel.

Er spielt in mittelalterlichen Klöstern, auf Plattformen mitten in der Arktis, in atemberaubend schönen Nationalparks, auf unberührten Bergen, bei Sonnuntergang, unter dem Sternenhimmel und natürlich auf den großen Bühnen der Welt. Der Komponist Ludovico Einaudi ist ein musikalisches Phänomen. Denn der zurückhaltende, bescheidene Mann schrieb nicht nur eine Fülle von Kompositionen verschiedenster Gattungen, den Soundtrack diverser Filme, die bei den Verleihungsfeierlichkeiten für Oscars selten leer ausgingen, er hat sich mit seiner Musik direkt in die Herzen vieler Menschen hineingespielt.

Dabei ist der unauffällig wirkende Mann, dem man nicht ansieht, dass er auf dem Podium ebenso zuhause ist wie in der Zurückgezogenheit seiner Komponistenklause eher introvertiert. Geboren am 23. November 1955 in Turin, wurde Ludovico Einaudi zunächst von seiner Mutter, einer Amateurpianistin, in die wunderbare Welt der Töne eingeführt. Doch schon bald standen die Zeichen auf mehr. Denn der Junge zeigte Talent, wurde am Konservatorium von Turin ausgebildet und studierte später am Mailänder Konservatorium, wo er unter Azio Corghi seinen Abschluss machte. Sein Studium bei Luciano Berio, dessen Assistent er wurde und bei Karlheinz Stockhausen waren prägend und brachten Einaudi 1982 ein Stipendium für das Tanglewood Musikfestival ein.

„Die hier zu hörende Musik gleich einer intimen Begegnung zwischen dem Komponisten
und seinem Instrument, dem Piano, in dem die schwebenden Emotionen Klang werden
und wie bei jeder guten Freundschaft den Raum weiten,
andere in ihn einladen, an der zugleich zentrierenden und öffnenden Begegnung teilzuhaben,
die den Blick auf die Schöpfung und den Schöpfer weitet“

In dieser Zeit kam er in Kontakt mit dem amerikanischen Minimalismus, einem Trend, der seinerzeit nur wenige, eher an der intellektuellen Musikdurchdringung Interessierte, erreichte. Seit etwa 20 Jahren aber ist der introvertiert melodiöse Minimalismus, wie Einaudi ihn komponiert, zu einem Megatrend geworden, der unauffällig, unaufgeregt aber sehr eindringlich in vielen Bereichen präsent ist. Dass diese Entwicklung sich vollzog, hat damit zu tun, dass Einaudis Musik wie eine sehr zarte Umarmung wirkt. Sie stellt sich nicht da, sondern strömt vielmehr, behutsam die Ecken und Kanten des hektischen Alltags umschiffend, in die offengebliebenen Sinnesritzen.

Sie dringt von dort aus in die Seelenspitzen der Hörer und wirkt heilend. Einer der Nebeneffekte ist, dass Einaudi als einer der ganz wenigen Klassikkomponisten weit über das normale Publikum hinaus bekannt ist, das sich für diese Art Musik interessiert. Seine oft zart und behutsam beginnenden Klavierwerke entfalten nach und nach sich steigernd wie ein klarer Quell, der zum Bach und später zum Fluss werdend, sich ins Meer ergießt eine epische, erhebende Wirkung, die sich durch die Orchestrierung machtvoll steigern kann und doch von derselben vorsichtigen Eindringlichkeit ist, wie die Solo-Präsentationen des Komponisten, der in diesem Jahr einer der Preisträger des „Echo Klassik“ ist.

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In seinen ersten Jahren als Komponist schrieb Einaudio überwiegend für Ballett, Kino und Theater, darunter „Sul filio d‘Orfeo“ (1984), „Time out“ (1988, „The Wild Man“ (1991) oder „Salgari“ (1995). Es entstanden aber auch zahlreiche Werke für Orchester oder Kammermusik, die an der Mailänder Skala, am Icram und Lincoln Zentrum in Paris oder in New York aufgeführt wurden. Den Trend zur Verinnerlichung markiert sein Album „Stanze“. Es entstand 1992 und enthält eine Sammlung von sechzehn Kompositionen für die Harfenistin Cecilia Chailly, in der er, wie Einaudi es selbst ausdrückt, „eine Reise im Hinblick auf das Essentielle begann und versuchte, mit einem Minimum an Ausdrucksmitteln ein Maximum an Ausdruck zu erreichen.“

Sein Hang zum Blick über den musikalischen Gartenzaun, der sich nicht damit zufriedengibt, in herkömmlichen Enklaven künstlerischer Selbstreferentialität zu verharren, wird auch in seinem Album „Le Onde“, zu deutsch „Die Wellen“ deutlich. Es erschien 1996 und beruht auf einer Novelle von Virginia Woolf. Mit ihm begann die weltweite Aufmerksamkeit für die klangschönen und so eindringlichen Kompositionen des Italieners.

 

 

Einflüsse verschiedener Kulturen prägen seine Musik

Auch in der 2019 erschienenen Originalmusik zu „Mary said what she said“, einem Theatherstück über das Leben und Leiden der Maria Stuart spielt die Beschäftigung mit Literatur und Geschichte eine Hauptrolle. Die frühen 2000er Jahre widmete Einaudi der Komposition von Soundtracks für Filme wie das 2002 erschienene Remake von „Doctor Zhivago“, das bei den New Yorker Filmfestspielen brillierte. Als Inspirationsquelle dienen dem Komponisten nicht nur Werke der Literatur, sondern auch seine Reisen in ferne Länder, die wie Mali ihre Spuren in Werken wie „I Giorny“, einem 2001 entstandenen Zyklus von Balladen, oder in „Diario Mali“ hinterlassen haben.

Dass Kunst in den Augen Einaudis auch im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen wirkmächtig ist, zeigt sein Sinn für bemerkenswerte Inszenierungsorte wie den Hangar Biocca oder die von Greenpeace in der Arktis errichtete Plattform. 2015 markiert eine Neuorientierung im Schaffen Einaudis. Nach einer Phase zurückgezogenen Komponierens erschien sein Album „Elements“, das, wie er sagt: „eine Landkarte von Gedanken und Gefühlen, Punkten, Linien, Formen und Fragmenten eines andauernden inneren Flugs durch Mythen, Euklyd, die Periodentafeln und die Schriften Kandinskys“ darstellt.

Werke fanden Eingang in Filmvertonungen, ohne dafür geschrieben zu sein

Einaudi schreibt nicht nur Filmmusik, seine Kompositionen werden, auch wenn sie unabhängig von Filmen entstanden sind, Teil der Filmlandschaft. So ging einiges von seiner Musik aus „Seven days walking“ oder „Elements“ in zwei der am meisten ausgezeichneten Filme der Saison 2021 ein. „Nomadland“ von Chloé Zhao gewann sechs Oscars, zwei Golden Globes und zwei goldene Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig und auch „The Father“ von Florian Zeller wurde zu einem weltweiten Erfolg. Wer die Filmmusik Ludovico Einaudis, die dank ihrer verinnerlichten Kraft auch jenseits der Leinwand funktioniert, ohne Screen genießen will, kann dies auf seinem im Juni 2021 erschienenen Album „Cinema“ tun.

Das fließende Element der Kompositionen des Italieners, das so sehr mit den Präsentation seiner Klangwelten in Natursettings zusammenschwingt, prägt auch sein während des Lockdowns entstandenes Album „Unterwater“, das in diesem Jahr erschien. Die hier zu hörende Musik gleich einer intimen Begegnung zwischen dem Komponisten und seinem Instrument, dem Piano, in dem die schwebenden Emotionen Klang werden und wie bei jeder guten Freundschaft den Raum weiten, andere in ihn einladen, an der zugleich zentrierenden und öffnenden Begegnung teilzuhaben, die den Blick auf die Schöpfung und den Schöpfer weitet. Dieser Effekt ist das wohl größte Geschenk Ludovico Einaudis an seine Hörer.

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