Judentum

Lebendige Wurzeln

Der Präsident der Ukraine ist Jude. Sein Land war einst auch ein Zentrum der jüdischen Kultur.
Gedenken an Babi Jar-Opfer in der Ukraine
Foto: dpa | Schmule Kaminezkij, Oberrabbiner der Region Dnipro/Dnipropetrowsk, steht in einer Kunstinstallation an der Gedenkstätte Babi Jar (Weiberschlucht).

Eine demografische Studie über das europäische Judentum aus dem Jahr 2020 schätzt die Zahl der Ukrainer, die sich als Juden bezeichnen, auf 43.000. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs waren es noch über 1,5 Millionen Juden. Ungefähr 1 Million wurden im Holocaust getötet, eine Volkszählung von 1989 gab die Zahl der Juden wieder mit fast einer halben Million an. 80 Prozent dieser Juden wanderten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel und in andere Länder aus, darunter auch Zehntausende nach Deutschland. Viele der Zurückgebliebenen sind alt und arm, andere haben sich von ihrem jüdischen Erbe losgesagt. Noch 200.000 Ukrainer könnten für die israelische Staatsbürgerschaft in Frage kommen, weil sie nachweisbare jüdische Vorfahren haben.

Dnipro und Odessa sind die Zentren jüdischen Lebens

Die Ukraine war im 18. Jahrhundert ein Zentrum des chassidischen Judentums, einer zumeist in ländlichen Gebieten verwurzelten mystischen Reformbewegung des konservativen osteuropäischen Judentums. Begründer des osteuropäischen Chassidismus ist Israel ben Elieser (um 1700–1760), genannt Baal Schem Tow (,Meister des guten Namens‘). Der Baal Schem Tov lebte und wirkte in Podolien, der heutigen Westukraine. Sein Urenkel und Nachfolger war der Zaddik Rabbi Nachman von Bratslav (1772-1810). Er zog von Podolien nach Uman in der Zentralukraine auf halber Strecke zwischen Kiew und Odessa gelegen. Nach dem Untergang der Sowjetunion wurde die Stadt mit dem Grab des Zaddik zu einer weltweiten jüdischen Pilgerstätte, bis zu 100 000 chassidische Pilger, vorwiegend aus Israel und den USA, besuchten in den letzten Jahrzehnten an Rosch Haschana das Grab ihres Zaddik. Ein paar hundert Juden, meist Israelis, leben das ganze Jahr über dort. Immer mehr Anhänger des Zaddik fordern nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine die Umbettung des Zaddik nach Israel.

Die beiden jüdischstämmigen Oligarchen Igor Kolomoysky und Gennady Bogolyubov belegen direkt hinter Rinat Achmetov, dem tatarischstämmigen reichsten Mann der Ukraine, die vordersten Plätze auf der Magnatenliste der Ukraine. Während der Muslim Achmetov aus dem Donezk den Wahlkampf des letzten russlandfreundlichen, 2014 gestürzten Präsidenten, Janukowitsch finanziert hatte, hatten Kolomoysky und Bogolyubov die beiden EU freundlichen Präsidenten der Ukraine, Poroschenko und Selinskyj unterstützt. Kolomoysky und Bogolyubov stammen aus dem Umfeld der strenggläubigen jüdischen Chabadbewegung von Dnipro in der Ostukraine. Bogolyubov war lange Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde der Stadt.

Dnipro ist heute das ukrainische Zentrum des chassidischen Judentum. Igor Kolomoysky wurde von Poroschenko 2014 für einige Jahre zum Gouverneur der Stadt Dnipro ernannt. Er bezeichnete den russischen Präsidenten Waldimir Putin nach seiner Annexion der Krim schon 2014 als „Schizophrenen, der verrückt geworden ist“, weil er versucht das Russisch Reich von 1913 wieder herzustellen. Im derzeitigen Krieg hält er sich jedoch bislang zurück.

Odessa hat vier Synagogen

Die meisten ukrainischen Juden leben in der Hauptstadt Kiew, ein halbes Dutzend Synagogen sind dort aktiv. In Odessa gibt es wieder vier aktive Synagogen, ein jüdisches Museum, zwei jüdische Gemeindezentren, ein Dutzend jüdische Schulen, Kindergärten und Waisenhäuser. Diese werden meistens von der streng religiösen Chabad-Lubawitsch-Bewegung betrieben. Odessa war im 19. Jahrhundert, als die Juden ein Drittel der Bevölkerung in Odessa stellten, ein Zentrum der jiddischen Literatur, bis vor wenigen Jahren gab es dort ein berühmtes jiddisches Theater. Unter Achad Ha‘am (1856–1927) entwickelte sich ab 1880 angesichts der ansteigenden Pogrome im untergehenden Zarenreich in Odessa auch ein eigener osteuropäischer (Kultur)-Zionismus fast gleichzeitig zum politischen Zionismus des Theodor Herzl (1860–1904). In der damaligen russisch-deutschen Grenzstadt Memel versuchte Isaak Rülf (1831–1902), der seit 1865 Oberrabbiner der Stadt war, mit seiner Chibbat („Liebe“) Zion-Bewegung beide Gruppen zu vereinen, eine Grundlage der israelischen Staatsgründung von 1948.

Ein wichtiger Ort des ukrainischen Judentums war auch Tschernowitz (ukr. Tscherniwzi) und sein Vorort Sadagora, wo ein chassidischer Hof existierte. In dieser Vielvölkerstadt in der Bukowina lebten in K.u.k.–Zeit auch viele Deutsche, sodass die dortigen Juden Deutsch sprachen, Schriftsteller wie Paul Celan, Rose Ausländer und Alfred Sperber machten diese Stadt bis 1941 zu einem Zentrum deutsch-jüdischer Symbiose und deutscher Literatur. Der derzeitige Präsident des jüdischen Bundes der Ukraine, Josef Samoilovich Zisels (76) hat seine Wurzeln in Tschernowitz.

Putins absurder Nazi-Vergleich

Der russische Präsident Putin bemüht sich auf der Weltbühne ein pro-jüdisches Image zu vermitteln, indem er enge Beziehungen zu Chabad-Rabbinern und auch zu Israel unterhält. Die Familie Putin hatte in Leningrad strenggläubige chassidische Juden als Nachbarn. Sie wurden so etwas wie Adoptiveltern für den jungen Wladimir. Ein jüdischer Ringertrainer holte ihn von der Straße und motivierte ihn zum Sport, eine Voraussetzung für seine spätere Tätigkeit im sowjetischen Geheimdienst. Der jüdische Oligarch Boris Beresowski (1946–2013) stellte Putin dem alternden Präsidenten Jelzin vor, bevor dieser den in Politikerkreisen damals noch kaum bekannten Putin im Eiltempo zu seinem Nachfolger machte. Aber längst nicht alle russischen Juden sind von Putins Sympathien für die Juden überzeugt.

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Der klare Held des Ukraine-Krieges ist der jüdische Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj (44), der bis zu seiner Wahl 2019 nur als Schauspieler bekannt war. Obwohl er nicht religiös ist, hat Selenskyj in den vergangenen Jahren begonnen, auf seine jüdische Identität zu verweisen. 2020 hat er Rosch ha-Schana, den Tag der Wallfahrt von Uman, zum nationalen Feiertag der Ukraine erklären lassen.

Putin hatte in seiner geschichtsrevisionistischen Rede, in der er der Ukraine am 24. Februar den Krieg erklärte, die ukrainische Führung als Nazis bezeichnet, etwas, das er seit 2014 wiederholt getan hat. Die jüdische Führung des Landes und Präsident Selenskyj, dessen Familienangehörige im Holocaust umgekommen sind, widersprachen und bezeichneten diesen Vergleich als absurd. Besonders nach dem russischen Angriff auf den Kiewer Fernsehturm, der in unmittelbar Nachbarschaft zu der Babyn Jar Gedenkstätte steht, wo 1941 30 000 Kiewer Juden von Hitlers Schergen ermordet wurden, verglich Selenskyj seinerseits Putin indirekt mit Hitler.

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