Die Schnecke war sein Schicksal: Der österreichisch-amerikanische Hirnforscher Eric Kandel erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Er wurde für die Entdeckung ausgezeichnet, dass Lernvorgänge und die Bildung von Gedächtnis im Gehirn auf molekularen und anatomischen Veränderungen in den Verbindungen zwischen Nervenzellen, den Synapsen, beruhen. Sein Forschungsobjekt: Aplysia californica, eine einfach strukturierte Meeresschnecke.
Doch Kandel ist kein gefühlskalter Labortrickser. Und das Schneckenhaus seines Forschungsobjekts war ihm geradezu wesensfremd. In seinem 2012 erschienenen Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ schildert Kandel das Wien um 1900 als einzigartigen Ort, an dem Medizin, Naturwissenschaft und Kunst gediehen. Ihre Blüte kam zustande, weil sie in fruchtbarem Dialog standen. Verschiedene Austauschplattformen wirkten wie ein Laboratorium des Denkens – ein Treibhaus von Fantasie und Kreativität, Erfindergeist und Kapital. Ein Beispiel ist der Salon von Berta Zuckerkandl, Gattin des Anatomen Emil Zuckerkandl. Klimt, Schnitzler und Mahler verkehrten hier regelmäßig, dazu kamen Gäste aus Wirtschaft und Finanzwelt. Geist und Genuss vereint: Mit allen Sinnen schöpfte man aus dem gemeinsamen Fundus, der sich im Diskurs ständig weiter anreicherte.
Berta Zuckerkandl wurde kulturhistorisch bedeutsam als Katalysatorin vernetzten Denkens. Die Salons dieser Zeit waren Teil der sozialen Infrastruktur Wiens. Zusammen mit der Universität und anderen Einrichtungen lebendiger Begegnung schufen sie Milieus, die den übergreifenden Austausch begünstigten. Wissen, Methoden und Personen bildeten einen Schatz, den die Weltstadt Wien bereitstellte. Manches mündete in ästhetisch und konstruktiv anspruchsvolle, medizinisch wertvolle und schließlich auch wirtschaftlich überaus erfolgreiche Unternehmungen. Aber der Ausgangspunkt war immer der menschliche Geist und sein freies Wirken, weniger das Bestreben, reich und erfolgreich zu werden.
Lernfabriken ohne Austausch
Nicht Geschäftsmodelle waren Trumpf, sondern Denkmodelle. Freuds Psychoanalyse und die Traumdeutung schufen ein neues Bild von der menschlichen Seele; sein Nachdenken über den Menschen begründete neue Therapieformen und beeinflusste mittelbar Kommunikation und politisches Handeln. Ernst Machs Arbeiten zur Aerodynamik und Ludwig Boltzmanns statistische Mechanik bilden das Fundament moderner Thermodynamik und Physik – bis hin zu SpaceX von heute. Auf Gewinnmaximierung ausgelegte Businessmodelle waren das im Ursprung nicht, eher war das der wunde Punkt. Sogar Ferdinand Porsche war in erster Linie von technischer Leidenschaft getrieben; eines der ersten Elektroautos und kurz darauf der erste Hybridantrieb der Welt waren seine Erfindungen. Thonets Massenfertigung von Gastronomiestühlen aus Bugholz (der Firmengründer kam aus dem Rheinland) oder die revolutionäre Drucktechnik von Karl Klic sind weitere Beispiele, die auch noch eng mit Salon und Kaffeehaus zusammenhängen. Was wäre ein Wiener Café ohne den Bugholzstuhl 214, was wäre eine Kaffeehausgarderobe ohne die am langen Zeitungsstock hängenden, tagesaktuellen Blätter aus der Rotationsmaschine?
Ohne die Wiener Institution Café samt ihrer sitz- und drucktechnischen Infrastruktur wäre der inspiriert-inspirierende Austausch großer Köpfe nicht denkbar gewesen. Etwa 2 400 Cafés gibt es in Wien bis heute; im Zeitalter von Internet und Social Media haben sie jedoch ihre spezifische Strahlkraft und damit einen Teil der geschilderten konstitutiven, gesellschaftlichen Relevanz verloren. Dennoch gilt weiter: Wenn kluge Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen und ihre Perspektiven in der persönlichen Begegnung verschalten, dann knistert es. Aktuell werden vergleichbare Debattenformate medial und in Live-Projekten nachgebildet. Der Regisseur und Theater-Performer Milo Rau hat sogar ein Bühnenformat entwickelt, wo das Publikum zum Zeugen gesellschaftspolitischer Live-Debatten wird. In Hamburg wurde so das Verbot der AfD im Thalia-Theater diskutiert, bei den Wiener Festwochen stellte Rau die katholische Kirche an den Pranger. „Glaubenstribunal“ hieß das allgemein viel kritisierte und von links stürmisch gefeierte Kunstprojekt, wo sich das Publikum an den aufeinanderprallenden Meinungen und ihren Vertretern delektierte. Die gedungenen Kontrahenten als kampfeslustige Gladiatoren in der Arena: Nicht viel blieb da vom wahren Geist des Salons, rein gar nichts von der entspannten Atmosphäre eines Plausches im Café.
Auch die Universitäten in früheren Zeiten waren als „universitas“, als Gesamtheit von Lehrenden und Lernenden – ihrem Konzept nach diskursiv angelegt – mit universalem Horizont. Davon ist bei den immerhin 422 deutschen Hochschulen wenig geblieben. Viele sind nur noch verspartete Lernfabriken, ein freier Austausch findet selten statt.
Die unverzichtbare Cafeteria
Die Salons, sie sind heute fast ausgestorben, Cafés alter Schule widersprechen einer auf Effizienz und straffes Zeitmanagement ausgelegten Gesellschaft – sie werden zunehmend ersetzt durch Koffein-Abfüllstationen mit To-go-Option. Doch mehr, als wir es uns eingestehen wollen, brauchen wir die kleinen Tische, um die sich Menschen zum Austausch versammeln. Einladende Cafeterien gelten in modernen Unternehmen mittlerweile als kommunikativ unverzichtbar.
Der eigentliche „Super-Return“, also der maximale Gewinn einer Ökonomie, entspringt nicht allein den Laptops der Investmentbanker und den Renditezielen der Anleger. Wirtschaftliches Wachstum, das auf Innovationen beruht, ist immer auch eine Sache des Geistes, der Leidenschaft für ein Thema – und vor allem des persönlichen Austauschs darüber. Dieses gleichsam institutionalisierte Brainstorming, ergänzt durch musische und kulinarische Impulse, fasziniert in seiner offenen, ganzheitlichen und, wie man heute sagen würde, partizipativen Ausrichtung. Dieser hierarchiefreie Denkraum bildete eine eigene, rücksichts- und respektvolle Gesprächskultur heraus, die dann auch Einzug hielt in eine schließlich demokratisch verfasste Gesellschaft, sie profitierte von den ungeschriebenen Gesetzen des Umgangs im Salon. Politik, Wirtschaft und Kultur können bis heute schlecht auf den eingeübten Umgangsstil des Salons verzichten. Deshalb: Lasst uns wieder reden – wie im Salon!
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









