Das Bischöfliche Verwaltungszentrum von Rolduc, das die Nutzung der monumentalen ehemaligen Abtei bei Kerkrade organisiert, spart auf seiner Website nicht mit Superlativen: „Größtes Reichsmonument der Niederlande und größter zusammenhängender Klosterkomplex in Benelux“, vermeldet man stolz und verweist auf die lange Geschichte, die 1104 mit der Niederlassung des Priesters Ailbertus von Antoing und zweier seiner Brüder auf einer Anhöhe oberhalb des Flüsschens Wurm an der heutigen niederländisch-deutschen Grenze begann. Bereits 1108 konnte die Krypta für die 1153 vollendete Kirche des neuen Klosters geweiht werden, das ab 1119 Abtei der Augustiner-Chorherren war.
Das Kloster lag im Land van Rode (abgeleitet von Rodung), einer selbständigen Herrlichkeit um Burg Rode, die heute zur deutschen Stadt Herzogenrath gehört. Das Gebiet blieb zusammen, bis es nach kurzer französischer Herrschaft 1815 zwischen Preußen und dem Vereinigten Königreich der Niederlande aufgeteilt wurde. Das Kloster, das ursprünglich Kloosterrade/Klosterrath hieß, fiel an die Niederlande, behielt aber den Namen Rolduc als eine Zusammenziehung von Rode-le-Duc, der französischen Adaption von Herzogenrath. Wie Sedimente in der Erdschichtung die Warm- und Kaltzeiten erkennen lassen, so spiegeln die fünf Lebensphasen des Klosters das Auf und Ab der Kirchengeschichte.
Das Kloster wirkte
In seiner ersten Phase wirkte das Kloster fast sieben Jahrhunderte mit weit ins Umland ausgreifender seelsorgerischer Tätigkeit und Stiftung von Tochterklöstern wie Marienthal an der Ahr. Über einen Sitz im Gesandtenkongress der Habsburgischen Niederlande konnte es ab 1598 auch politischen Einfluss ausüben. Den Missständen während des 80-jährigen Unabhängigkeitskrieges der nördlichen Niederlande wurde durch innere Erneuerung entgegengewirkt. Stets gab es eine rege Bautätigkeit. Und mit Erschließung des Steinkohleabbaus ab 1742 trug das Kloster entscheidend zur Entwicklung der Gegend bei.
Nach der Aufhebung der Abtei im Jahre 1796 unter französischer Herrschaft dauerte es 35 Jahre, bis die verwaisten Gebäude wieder kirchlich genutzt werden konnten und die zweite Lebensphase des Klosters begann. Rolduc, inzwischen mit der Provinz Limburg Teil des 1830 entstandenen Königreichs Belgien, wurde Knabenseminar des Bistums Lüttich zur gymnasialen Vorbereitung auf die Priesterausbildung. Nachdem 1839 der Ostteil von Limburg mit Rolduc an die Niederlande gefallen war, ging das Kloster 1843 in die Hände des Vikariats Limburg über, ab 1853 des neu errichteten Bistums Roermond.
Die damit einsetzende dritte Phase knüpfte an die pädagogische Zielsetzung der zweiten an, allerdings erweitert als offenes katholisches Internat mit Gymnasium, Knabenseminar, Philosophikum und Höherer Bürgerschule. Sie dauerte bis 1946 und war eine erfolgreiche Zeit der Heranbildung einer katholischen Elite und des Priesternachwuchses. Bedeutende Persönlichkeiten wurden in Rolduc geformt, wie: Hubert Nolens, als Priester und Politiker Vorsitzender der katholischen Fraktion in der Zweiten Kammer. Joseph Cuypers, Architekt, der wie sein Vater Pierre zahlreiche Kirchen entworfen und ausgestattet hat, Träger des Gregoriusordens. Alphons Ariëns, Priester, der in der katholischen Arbeiterbewegung aktiv war und mehrere Hilfsinitiativen gründete.
Rolduc während dieser Internatszeit können wir uns mit Zeitzeugnissen lebhaft vor Augen holen. Im Bild einer „kleinen Republik“ ist das Selbstverständnis dieses großen pädagogischen Organismus zusammengefasst. Lodewijk van Deyssel (Pseudonym von Karel Alberdingk Thijm) hat es als Titel für das 1889 erschienene autobiografische Buch über seine Zeit in Rolduc gewählt. Er gehörte als Schriftsteller zur sogenannten „Bewegung der Achtziger“, die eine impressionistisch-naturalistische Erneuerung der Literatur anstrebte. Sein Bericht ist besonders wertvoll, weil bigotte Verklärung diesem rebellischen Geist fernlag. In Rolduc war er schwer führbar und musste 1878 nach zweieinhalb Jahren das Internat verlassen.
„Den Jungens viel Freiheit lassen“
Deyssel schildert, wie Willem, so nennt er sich im Buch, in Begleitung seines Vaters mit der Kutsche vom Bahnhof Herzogenrath kommend in Rolduc eintraf. Der Direktor stand zum Empfang bereit und führte beide durch das verwirrende Labyrinth der hohen Gänge, Treppen und Höfe, vorbei an den Schlafsälen mit den durch Vorhänge abgeteilten Betten, bis zu seinem Büro, wo ein Essen vorbereitet war. Im Gespräch mit dem Vater erläuterte der Direktor das pädagogische Programm der Einrichtung: „Den Jungens viel Freiheit lassen für selbständige Entwicklung, das Leben für sie soll hier im Kleinen wie das spätere Leben in der Gesellschaft sein, jeder muss ein wenig für sich selbst sorgen, um leben zu lernen. Es ist hier wie in einer kleinen Republik.“
Willem lebte sich bald ein und fand Anschluss an Freundesgrüppchen, zu denen sich die Schüler nach Alter und Landsmannschaft zusammenfanden, Holländer, Limburger, Belgier und Deutsche, denn Rolduc war über die Grenzen hinaus als Bildungseinrichtung geschätzt. Man verständigte sich auf Französisch, die vorgeschriebene Sprache auch in der Freizeit. Der Tagesablauf war ausgewogen gegliedert in Lernphasen, Essenzeiten und Freizeit, jeweils angekündigt durch eine Glocke. In den Klassenzimmern dozierten die Lehrer vom Katheder aus, im Studiensaal mit einem großen Kanonenofen saßen achtzig Schüler auf Bänken an langen Tischen, in ihre Aufgaben vertieft.
Um halb eins rief die Glocke in den Speisesaal (heute Brasserie De Kanunnik). Während des ersten Ganges hielt ein älterer Schüler die Tischlesung. Nach dem Dankgebet stürmten alle jubelnd hinaus zur Mittagsfreizeit auf dem großen Spielplatz, wo sich die Grüppchen wieder zusammenfanden. Die Strafen waren milde. Wer zu spät zum Unterricht kam, zahlte fünf Cent. War genug Geld zusammengekommen, kaufte der Lehrer davon Kuchen, den die Jungen der Klasse gemeinsam verspeisten.
Bei aller Neigung zur Widerspenstigkeit konnte auch Willem sich der prägenden Atmosphäre dieser „kleinen Republik“ nicht entziehen. Er fühlte sich bald wohl im Rhythmus von diszipliniertem Lernen, Freizeit und gelöster Festfröhlichkeit, mit dem das Internat Anspannung und Entspannung in Ausgleich brachte. Bei Festanlässen ging es hinaus zu Wanderungen ins ländliche Umland, wo dann im Freien gelagert und üppig gevespert wurde, mit reichlich Malzbier aus mitgeführten Fässern. Vielfältige Aktivitäten sorgten für Abwechslung. So gab es Wettbewerbe in lateinischer Deklamation und im Bogenschießen, ein Orchester, Theateraufführungen und natürlich Gymnastik.

Auch das religiöse Leben Rolducs ließ Willem nicht ungerührt. Tiefen Eindruck etwa hinterließ die Christmette in der Krypta, wo die Jungen dicht an dicht unter dem uralten, von mächtigen Säulen gestützten Gewölbe im Dämmerlicht der Kerzen knieten: „Umfangen vom Gesang, während die Weihrauchfässer hochschwangen, stets mit einem lauten Ticken wie von Sticknadeln, dann an der Kette zurückfallend in eine kurze Stille, war in Willem eine Beseligung mit der Hingabe seines ganzen Selbst, wie die abstrahlende Glut einer Kraft, die aus seiner Brust zum Altar ging.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde versäumt, diese Pflanzstätte für katholischen Nachwuchs weiterzuführen, um vorbereitet zu sein auf die absehbare Beschleunigung der Säkularisierung. Bischof Lemmens erkannte nicht, wie wichtig es ist, künftig einflussreiche Leistungsträger mit dem katholischen Geist in Berührung zu bringen, auch wenn sie sich nicht zum Priester berufen fühlen. Gegen Widerspruch wandelte er 1946 das Internat in ein Knabenseminar um, das bald unter einem Rückgang der Anmeldungen litt.
Im aufkommenden Sturm der 68er versuchte man 1967 eine Wiederbelebung des Internats durch allgemeine Öffnung und Zulassung von Mädchen, musste es 1971 aber doch aufgeben. Damit endete die vierte Phase von Rolduc. Eine fünfte, bis heute fortdauernde, begann 1974 mit der Einrichtung des Priesterseminars für das Bistum Roermond durch Bischof Gijsen, der selbst in Rolduc geprägt wurde. Diese neue Gründung sollte sich gegen den Einfluss der 68er stellen, der sich auch in der Kirche auswirkte, und tat dies mit Erfolg. Das Seminar formte bisher rund 250 Priester, darunter mehrere Bischöfe. Auch der neue Nuntius in Deutschland, Erzbischof Bert van Megen, hat hier studiert. Führungen ermöglichen einen Einblick in die altehrwürdigen Klostergebäude, die nun auch als Hotel und für Veranstaltungen genutzt werden.
Der Verfasser ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer.
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