Keine einfachen, aber mögliche Begegnungen

Die Christen im Heiligen Lande befanden sich lange am Rande der Wahrnehmung – Das lässt sich ändern. Von Johannes Zang

Nicht wenige Heilig-Land-Wallfahrer pilgern an den lebendigen Steinen vorbei – an den Menschen. Katalogreisen, aber auch Pfarreireisen haben als Ziel christliche heilige Stätten, an denen Schriftstellen gelesen und heilige Messen gefeiert werden. Die verbleibende Zeit verbringt die Gruppe in Qumran, der Felsenfestung Massada oder an der West-(Klage-) Mauer, dem heiligsten Ort des Judentums; ein Bad im Toten Meer darf nicht fehlen. Neben dem (meist) jüdischen Reiseleiter und dem Busfahrer (oft muslimischen Glaubens) kommen die meisten Reisenden mit keinem Einheimischen ins Gespräch, schon gar nicht mit Christen. Diese sind sowohl in Israel als auch in den besetzten Palästinensischen Gebieten eine verschwindende Minderheit: zwei Prozent in Israel, ein Prozent in Palästina. Kein Wunder, dass viele das Gefühl haben, von der Welt vergessen oder übersehen zu werden. Bei rechtzeitiger Planung mit einer wachsamen Reiseagentur lässt sich in eine 10-tägige Pilgerreise problemlos eine Handvoll Begegnungen einbauen. Die Sonntagsmesse mit palästinensischen Christen in Bethlehem, Jerusalem, Jericho, Haifa oder in einem galiläischen Dorf mitzufeiern ist für alle eine bewegende Stunde, in der man Weltkirche erleben kann. Wem an einer christlichen Perspektive auf den Konflikt gelegen ist, kommt um Sabeel (arab. für Brunnen, Pfad) nicht herum. Das Palästinensische Zentrum für Befreiungstheologie ist in Ost-Jerusalem ansässig und entstand 1993. Der Gründer, der palästinensische Pfarrer Naim Ateek aus der anglikanischen Kirche, war zur Überzeugung gekommen, die Kirche müsse sich mehr in die Gesellschaft einmischen: „Die Kirchenführer redeten zwar schön, taten aber nichts für Gerechtigkeit, es waren nur Lippenbekenntnisse. Die Christen im Heiligen Lande befanden sich am Rande der politischen Landschaft. Spiritualität war ohne politische Konsequenzen; gleichzeitig gingen Landbeschlagnahmung und Entmenschlichung weiter. Mir schwebte ein Zentrum für Friedensstiftung vor, verbunden mit einem prophetischen Auftrag.“ Von Anfang an hat die Mitarbeiter die Frage begleitet: Was bedeutet die Frohe Botschaft für uns Palästinenser in einem Alltag von Militärbesatzung und Unfreiheit?

Im Hauptbüro arbeiten palästinensische Christen verschiedener kirchlicher Traditionen zusammen, in Nazareth existiert eine Filiale. Jeden Donnerstag um 12 Uhr sind Pilger zum ökumenischen Gottesdienst im Sabeel-Hauptbüro willkommen. Ähnliche Einblicke wie bei Sabeel kann man bei Begegnungen mit dem palästinensisch-lutherischen Pfarrer Mitri Raheb in Bethlehem oder der Initiative Kairos Palästina gewinnen. Der Name lehnt sich an einen ähnlichen Appell aus Südafrika zur Zeit der Apartheid an. Unter Federführung des ehemaligen lateinischen (römisch-katholischen) Patriarchen Michel Sabbah verfassten palästinensische Christinnen und Christen verschiedener Kirchen, Laien und Kleriker, zum ersten Mal ein gemeinsames Dokument, um auf die Lage unter der Militärbesatzung hinzuweisen.

Für den ehemaligen anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika ist der Aufruf einer voller Gnade und Anmut, „wo er gut und gerne voller Zorn sein könnte. Er ist voller bedeutender und prophetischer Worte und unser Gott, der weder schläft noch schlummert, wird Euren Schrei hören und er wird Euer Emmanuel sein.“ Einer, der bei vielen Pilgern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, ist Daoud Nassar vom „Zelt der Völker“ bei Bethlehem. Sein Motto: Wir weigern uns, Feinde zu sein. Auf einem 42 Hektar großen Grundstück, 950 Meter hoch gelegen, hat Daoud Nassar zusammen mit seiner Frau, seinen Geschwistern und Freiwilligen aus aller Welt in denkbar unsicheren Zeiten, im Herbst 2000, die Vision seines Vaters umgesetzt: ein Ort für Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen. Er tut dies weiterhin.

Da man auf das Grundstück nichts bauen darf, haben Daoud und seine Mitstreiter eben unterirdisch gebaut – aus den Höhlen wurden Versammlungs- und Schlafräume, Büro und Kapelle; die hergerichteten mittlerweile 20 Zisternen fassen 700 Kubikmeter Wasser. Die letzten Jahre haben indes neue Sorgen für das Zelt der Völker gebracht: Als wären 20 Abrissbefehle und 47 Kultivierungs-Stopp-Befehle noch nicht genug, steht nun die 13. Landvermessung an. Die bisherigen, durch juristischen Beistand oder durch Gutachten verursachten Kosten belaufen sich auf 170 000 US-Dollar. Seit 2016 wird nun direkt vor seinem Grundstück eine jüdische Jeshiva, eine Bibelschule, gebaut. Das bringt die bange Frage mit sich: Werden Besucher zukünftig überhaupt noch zum „Zelt der Völker“ gelangen können? Da verwundert es nicht, dass manche den palästinensischen Friedensstreiter den Mandela oder Gandhi Palästinas nennen. Für den deutschen Theologen Burkhard Fecher ist dieser „ein Prophet Gottes heute“. Mit seinem Bekenntnis Wir weigern uns, Feinde zu sein, „verwirren Daoud, seine Mitarbeiterinnen und Freunde die Spielregeln der Mächtigen und pflanzen mit jedem Ölbaum die Hoffnung, dass ein faires Zusammenleben von Juden und Palästinensern möglich ist“.

Zugegeben: Es sind keine einfachen Begegnungen, aber sie öffnen den Blick auf eine Realität, die viele deutsche Medien nicht abbilden. Auch wenn es nur 90 Minuten sein sollten – die christlichen Gesprächspartner sind zutiefst dankbar. Sie fühlen sich nicht länger von Pilgern links liegengelassen. Sie spüren Interesse, Anteilnahme, Solidarität – etwas, was sie bitter benötigen.

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