Gotik

Kathedrale von Beauvais: Gotischer Gigantismus

In Nordfrankreich herrschte im 12. und 13. Jahrhundert ein geradezu manischer kirchlicher Bauboom – gut zu erkennen an der Kathedrale von Beauvais.
Kathedrale von Beauvais
Foto: Wikipedia | Ewiger Torso: Die Kathedrale von Beauvais.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Ein Zeitalter im Aufbruch. In den Innenstädten schießen Wolkenkratzer in die Höhe; immer schneller und vor allem immer höher! Die Erfindung der Skelettbauweise und vor allem eine revolutionäre Neuorganisation der Arbeit machen es möglich. Unter den Metropolen herrscht ein eifersüchtiger Wettbewerb, wer seiner „Downtown“ die größte, die schönste, die kühnste städtebauliche Krone aufsetzt. Die Rede ist von Nordfrankreich im 12. und 13. Jahrhundert, der Zeit der Kathedralen. Himmlisches Jerusalem oder Turmbau zu Babel? Wohl ein bisschen von beidem, denn glatt lief in der Zeit der Gotik bei weitem nicht alles, wie vor allem in Beauvais zu sehen ist, wo mit Saint Pierre der vielleicht schönste, mit Sicherheit aber der ehrgeizigste und wohl auch traurigste dieser Kolosse steht.

Der gotische Baustil wird durch drei Elemente charakterisiert – Spitzbogen, Kreuzrippengewölbe und Strebewerk – die um 1140 zum ersten Male miteinander kombiniert wurden. Die neuen Bögen ermöglichten eine gesteigerte Höhenstreckung der Gebäude und die Gewölbe eine deutlich größere Breitenausdehnung. Die dadurch erheblich größeren Schubkräfte wurden wiederum aufgefangen von einem System von Strebepfeilern, die man auf die Außenseite der Gebäude verlegte. Im Gegensatz zum Massivbau der Romanik konnte man mit diesem skelettartigen Tragwerk auf störende Stützwände verzichten; viel Raum also für Fensteröffnungen, durch welche göttliches Licht fluten konnte.

Mehr Kalkstein als im alten Ägypten

Den Startschuss für das Rennen um das riesigste Gotteshaus gab Abt Suger von St. Denis im Jahr 1137. Der Kirchenmann war seinerzeit der wichtigste Ratgeber des Königs von Frankreich. Viel zu sagen hatte der Monarch damals allerdings nicht, denn er regierte gerade mal ein Gebiet, das kaum über die Île-de-France hinaus reichte – also das, was heute den Ballungsraum Paris ausmacht. Um diesen diesseitigen Mangel auszugleichen, wollte Suger seinem König in Saint Denis wenigstens eine prachtvolle Ruhestätte fürs Jenseits errichten. Die begonnene Königsgrablege hatte bei diesem frühgotischen Schaulaufen aber nur eine Nasenlänge Vorsprung. Auf dem zweiten Platz (1140) behauptete sich die Bischofskirche von Sens, dicht gefolgt von der Zisterzienserkirche in Pontigny, die aber – turmlos abgeschlagen – nur einen Ehrentreffer erzielen konnte. Nur ein Jahrzehnt später starteten die Kathedralen von Senlis, Noyon und Laon durch. 1163 grätschte Bischof Maurice de Sully mit Notre-Dame-de-Paris dazwischen. Bis dahin unerreichte 33 Meter ist das Pariser Mittelschiff hoch und 12 Meter breit. Der Titel des größten Tempels der Christenheit schien in greifbarer Nähe!

Ein kirchenbauliches Fieber hatte die Grande Nation gepackt. Der Steinbedarf war geradezu pharaonisch. In weniger als zwei Jahrhunderten wurde in Nordfrankreich mehr Kalkstein abgebaut, als in den drei Jahrtausenden des alten Ägypten zusammengenommen. Aus Gründen der Kostenersparnis griff man auf die nächstgelegenen Steinbrüche zurück, weswegen jede Kathedrale in sich den geologischen Fingerabdruck ihrer Region bewahrt. Um die Lasten auch bewegen zu können, mussten neue Maschinen entwickelt werden, welche die Muskelkraft ergänzen bzw. ersetzen konnten. Mit bis zu 120 Schlägen pro Minute sausten die neuartigen, hydraulisch betriebenen Hämmer auf den Stein herab – eine Erfindung der Zisterzienser. Auch Sägen ließen sich betreiben aufgrund einer effektiven Nutzung der Wasserkraft. Infolge der erzielten Produktivitätssteigerung benötigte man keine ungelernten Arbeitermassen mehr, sondern deutlich weniger, aber dafür spezialisierte Fachkräfte.

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Steine wurden vorproduziert

Weitere Einsparungen wurden durch Rationalisierungsmaßnahmen und eine effiziente Organisation der Arbeitsabläufe erreicht. Mit dem Zirkel entwarfen die Baumeister ihre Maßwerk-Ornamente maßstabsgetreu auf Pergament und zerlegten sie in Einzelteile – vier standardisierte Segmente ergaben einen runden Vierpass, acht wurden für ein zweigeteiltes Fenster benötigt; weitere sechs bis acht für das obere Bogenfeld. In den Steinbrüchen fertigte man nach den Zeichnungen Schablonen an, nach welchen anschließend die benötigten Bausteine seriell vorgefertigt werden konnten, was wiederum die Transportkosten verminderte. Und selbst im Winter musste die Baustelle nicht vollständig ruhen, denn die Steinmetze konnten die „staade Zeit“ dazu nutzen, die vorproduzierten Steine endzubearbeiten.

1195 markierte der Neubau von Chartres den Beginn der zweiten Runde; Bourges knapp dahinter. In der Schiffsbreite von 16, 5 Metern unbesiegt, musste sich Team Chartres-Blau aber mit nur 36, 5 Metern Gewölbehöhe gegenüber den Stephanus-Stürmern aus Bourges geschlagen geben, die stolze 37, 15 Meter ins Feld führen konnten. 1211 jedoch kam die Krönungskathedrale von Reims ins Spiel mit sagenhaften 38 Metern Höhe im Langhaus bei immerhin 14, 65 Metern Breite zu Ehren der Gottesmutter. Paris mit seinen 32 x 12 Metern deutlich zurückgefallen. 1220 trumpfte schließlich Unsere Liebe Frau von Amiens mit nie dagewesenen 42 Metern bis zum Gewölbescheitel auf – der absolute Champion unter den knapp 80 Kathedralen und beinahe 500 Klöstern, die in diesem Jahrhundert in Frankreich errichtet wurden. Das Pariser Gotteshäuschen hätte zweimal darin Platz gehabt. Zudem war jetzt Hochgotik angesagt, also weniger Stein; größere Fenster! Immerhin konnte die Pariser Mutter-Gottes-Mannschaft durch eingewechselte Maßwerkfenster für die französische Hauptstadt noch einen Achtungserfolg herausschlagen.

Die Grenzen des Wachstums erreicht

Mit Amiens aber hatte die Kathedrale ihre klassische Form gefunden, bestehend aus einem nach Osten, gen Jerusalem orientierten Chor und einem Langhaus im Westen. Im rechten Winkel dazu schneidet das nord-südlich ausgerichtete Querhaus in dieses Ensemble ein. An diesem Schnittpunkt aber, der Vierung, liegt der strukturell fragilste Punkt der gesamten Konstruktion. Und bald schon sollte sich zeigen, dass der gotische Gigantismus die Grenzen seines Wachstums erreicht hatte. Zuvor aber machte sich noch Milo von Nanteuil startbereit, um dem viel beachteten Amiens den Rang abzulaufen. Stolz wie Nebukadnezar soll er gewesen sein, der Bischof von Beauvais, und Geld hatte er wie Heu. Für sein Gotteshaus konnten nur die Maße des himmlischen Jerusalems gelten, dessen Stadtmauer apokalyptische 144 Ellen hoch sei. Nähme man den Evangelisten beim Wort, so entspräche dies mehr als 66 Metern. Unmöglich! Ein Trick musste her.

Schon für Amiens hatte Milos Bischofskonkurrent aus den längeren Ellen 144 kürzere, römische Fuß gemacht, was immerhin bereits der Höhe eines 15stöckigen Hochhauses entspricht. Um Amiens aus dem Feld zu schlagen, bestimmte der stolze Milo daher als Berechnungsgrundlage nicht das römische Fußmaß, sondern den Königsfuß. Durch diesen Kniff würde der Petersdom von Beauvais 48 Meter hoch werden – sechs Meter höher, als Amiens; dazu auch noch schöner, weiter und lichter. Apostelfürst first.

Apokalypse oder menschliche Hybris

Zunächst ging alles gut und der Bau kam zügig voran. Am Freitag, 29. November 1284 aber jagte ein Wintersturm über die flache Landschaft der Picardie. Gegen 20.00 Uhr gab ein Strebepfeiler des Hochchors nach und riss einen Gewölbebogen sowie die benachbarten Gewölbefelder und vier große Fenster in die Tiefe. Obschon der Schaden begrenzt war, blieb das Gotteshaus für 40 Jahre Wüste. Die Priester weigerten sich, dort die Messe zu lesen. Die apokalyptischen Neuigkeiten aus Beauvais schockierten ebenfalls in Amiens, denn auch dort waren Risse in den Arkadenmauern aufgetreten. Unter dem Druck der Seitenschiffe hatten sich die gewaltigen Vierungspfeiler um bis zu zehn Zentimeter nach innen geneigt. Allerdings nur im Erdgeschoß. Im Obergeschoß dagegen wurden die Pfeiler von der enormen Last des Deckengewölbes um zehn Zentimeter nach außen gedrückt. Auch in Amiens drohte der Einsturz! Eilig musste das Strebewerk nachgebessert und das gesamte Bauwerk mit Stahl armiert werden. Eine Kette aus riesigen, ineinander einander verkeilten Eisengliedern wurde auf halber Höhe um die gesamte Kathedrale gezogen, um die titanischen Schubkräfte abzufangen und den Kirchenkoloss zusammenzuhalten. Seit 800 Jahren steht er nun.

Die gotische Krone

Auch beim Wiederaufbau in Beauvais wurden die Gewölbe mit Eisen verstärkt, die ehrgeizig weit gespreizten Arkadenbögen aber verkleinert und zusätzliche Stützen eingebaut. Dann ging das Geld aus. Als die Kasse wieder voll war, hatte bereits die Spätgotik eingesetzt, in der die Wände einer Kathedrale von Format fast nur noch aus Fenstern bestanden – Lichtarchitektur in Stahl und Glas. Selbst in die grazilsten Maßwerkstrukturen der Fenster wurden starke Quereisen eingezogen, um dem Winddruck standhalten zu können. Ein Ewigkeitswerk. Während bereits die Renaissance am neuen Petersdom in Rom baute, wollte man der Peterskirche in Beauvais die gotische Krone aufsetzen; einen gigantischen Vierungsturm. Zitterpartie... ...Sieg! Beauvais war Weltmeister! 1569 war Saint Pierre höher als die Cheops-Pyramide, das höchste Bauwerk der Welt, ein Leuchtturm des Glaubens! Für ganze vier Jahre, dann schlug die Schwerkraft ein zweites Mal zu. Am Himmelfahrtstag 1573 zog eine feierliche Prozession aus dem Gotteshaus aus, als plötzlich ein Grollen zu vernehmen war. Die Gläubigen beschleunigten ihre Schritte, dann rannten und zuletzt stolperten sie durch eine gewaltige Staubwolke. Der Vierungsturm war in das nördliche Querhaus gekracht! Wie durch ein Wunder gab es nur zwei Menschenleben zu beklagen. Beauvais, die eleganteste, graziöseste und himmelstürmendste aller Kathedralen wurde nie vollendet. Der Edelstein in der Schatzkiste der französischen Kirchenbaukunst blieb ein ewiger Torso.

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